Der skeptische Entdecker James Cook

Seefahrer James Cook habe erkannt, dass er die Inselwelten, die er entdeckte, der Zerstörung aussetzte, sagt der Berner Autor Lukas Hartmann. In seinem Roman «Bis ans Ende der Meere» hat Cook depressive Züge. Das sei nicht nur dichterische Erfindung, sagt Hartmann.

Hinterhältiger Mord an einem Heroen: So zeigt Maler John Webber den Tod Cooks 1779 auf Hawaii.

Hinterhältiger Mord an einem Heroen: So zeigt Maler John Webber den Tod Cooks 1779 auf Hawaii.

(Bild: zvg)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Im Rahmenprogramm der Berner Schau über Seefahrer James Cook lesen Sie vor aus Ihrem Roman «Bis ans Ende der Meere». Hat man Sie als Cook-Kenner auch für die Ausstellung zurate gezogen, Herr Hartmann? Lukas Hartmann: Nein. Ich bin Schriftsteller und nicht Wissenschaftler. Die Ausstellungsmacher trennen zwischen der Erforschung von Cooks Biografie und deren literarischer Imagination.

Ist die Südseesammlung im Berner Museum, die der bernisch-britische Expeditionsmaler John Webber von seiner Reise mit Cook zurückbrachte, eine Inspirationsquelle für Ihren Roman? Auf jeden Fall. Ein Teil dieser ethnografischen Objekte war im Historischen Museum schon ausgestellt, als ich dort als Bub unterwegs war. Vor allem der Königsmantel aus unzähligen Vogelfedern zog mich an. Ich wusste schon damals, dass ein Berner diese Dinge aus der Südsee zurückgebracht hatte. Erst eine Ausstellung mit John Webbers Bildern im Berner Kunstmuseum brachte mir die Geschichte aber näher.

Die Rockband Patent Ochsner dichtete «Spick mi furt vo hie». Das schwierige Weggehen aus Bern ist ein häufiges Motiv, auch in Ihrem Roman. Sehen Sie Bern als Gegenpol zur Ferne der Südsee, als Ort der Enge, des Festsitzens? Im Engen kann man immer auch die Welt finden, wenn man sucht. Jeder Ort ist ein Kreuzungspunkt globaler Entwicklungen. Und das vermeintlich Vertraute kann ins Fremde kippen. Diese Erfahrung machen etwa Ältere, die sich im Verhalten der nachfolgenden Generation nicht mehr wiedererkennen. John Webber kam übrigens erst als Sechsjähriger aus London nach Bern und ging dann wieder weg. Er hat einen Blick auf das Fremde entwickelt, der ihm wohl geblieben ist und ihm dienlich war in der noch viel grösseren Fremde, die er mit Kapitän Cook befuhr.

Sehen die Leser Ihren Seefahrer-und Südseeroman auch so? Erhielten Sie Echos? Ja, recht viele und meist erfreuliche. Passionierte Segler schrieben mir. Ausgewanderte Schweizer in Australien oder der Südsee. Und ich erhielt Postkarten aus Tonga, Tahiti oder Hawaii von Leuten, die auf den Spuren von James Cook reisten und unterwegs mein Buch lasen.

Was fasziniert uns an James Cook, der vor 230 Jahren die Südsee entdeckte? Was macht ihn zur historischen Figur? Es ist die Mischung zwischen dem Abenteurer mit grosser Entschlossenheit, dem Aufklärer, der das Wissen über die Welt vermehren wollte, und dem Globalisierer, der enorm viel – im Guten wie im Schlechten – zur Europäisierung der Welt beigetragen hat. Genau diese Mischung hat mich fasziniert. Cook hat zudem etwas Unerschliessbares und Rätselhaftes an sich. Ich sehe es auf den gemalten Porträts, die es von ihm gibt. Ich frage mich, was sich hinter seiner Stirn verbirgt.

Was vermuten Sie? Eine innere Schwäche, die er immer wieder zu überwinden suchte. Dunklere Seiten, die nicht so souverän oder hart waren. In meinen Augen hat Maler Webber diese Seiten in seinem grossen Cook-Porträt herausgearbeitet. Sehen Sie sich das Cook-Porträt von Nathaniel Dance auf dem Ausstellungsplakat an: eine väterliche Figur mit innerer Energie und Entschlossenheit, mit sehr männlichen Zügen. Auf John Webbers Bild aber wirkt er unsicherer, zögerlich, eher in einer Pose.

Das ist Ihre subjektive Deutung. Natürlich. Aber gerade auf der dritten Reise, auf der Webber dabei war, zeigte Cook seine unbeherrschte Seite. Er konnte seine Fassade und Rolle nicht immer aufrechterhalten. Er neigte zu Zornausbrüchen, erteilte harte Strafen, verschwand während Tagen in der Kajüte. Das ist alles belegt durch die Logbücher.

War Cook ein Choleriker? Man kann es so deuten. Ich erkenne eine Mischung von Choleriker und Depressivem. Vielleicht würde man heute präziser von einem Burn-out reden.

Ein Seefahrer im 18.Jahrhunderts litt an Burn-out? Das müssen Sie erklären. Man muss bedenken, dass Cook ein Aufsteiger aus der Unterschicht ist. Sein Werdegang kostete ihn enorm viel Willenskraft und Vitalität. Er musste sich immer wieder durchsetzen gegen das ständische Denken der Oberschicht. Es war eine Sensation, dass er von der Royal Navy den Auftrag für die Südseereisen erhielt. Er hatte Konkurrenten von höherem Stand. Die stach er aufgrund seiner Fähigkeiten aus. Aber es ist vorstellbar, dass er dabei innerlich ausbrannte. Dazu kamen die Strapazen auf seinen Reisen. Insgesamt war er 10 Jahre lang auf hoher See. Wenn er jeweils zurückkam, war wieder eines seiner Kinder gestorben. Und schliesslich war er klug genug, die negativen Folgen seiner Reisen zu erkennen.

Was erkannte er? Ich erwähne in meinem Roman die verheerenden Folgen der Syphilis, die Cook bekannt waren. Man rätselt, warum er nach der Rückkehr aus der Arktis fast sechs Wochen lang die grösste Insel Hawaiis umkurvte und nicht landen wollte. Meine These ist: Er fürchtete, dass seine Männer wieder Südseefrauen treffen und so die damals zerstörerische Syphilis verbreiten würden. Überhaupt muss für den hoch kontrollierten Cook die Konfrontation mit der offenen Sexualität eine enorme Herausforderung gewesen sein. Die Berichte darüber befriedigten in der Heimat die Sehnsucht nach einer heilen, ursprünglichen, freien Welt. Wobei dieses Südseebild – das eines irdischen Paradieses – durch geschönte, ja gefälschte Reisebeschreibungen entstand.

Cook war sich im Klaren, dass die Realität anders ist? Er reiste von Insel zu Insel und versuchte die komplexen Eingeborenengesellschaften zu verstehen, die er antraf. Und er war sich der Grenzen der Beobachtung bewusst. Er erkannte, dass wir etwas aufgrund unserer Erfahrung betrachten und deshalb einiges auch nicht sehen. Es kommt mir vor, als ob er zeitweilig ein schlechtes Gewissen hatte. Jedenfalls erscheint mir sein inneres Legitimationssystem auf seiner letzten Reise instabil zu sein. Natürlich fällt er dann wieder in die eurozentrische Sichtweise zurück und sagt sich: Wir bringen diesen Eingeborenen Gutes.

Ein schuldbewusster Entdecker? Projizieren Sie da nicht – politisch korrekt – unser nachträgliches Schuldbewusstsein über die zerstörerische Wirkung des Kolonialismus auf Cook? Das schliesse ich nicht aus. Als Nachgeborener komme ich nicht darum herum, solche Zusammenhänge zu sehen. Aufgrund der Genauigkeit von Cooks Karten und Koordinaten konnten in seinem Kielwasser später Missionare und Kolonisatoren auch kleinste Inseln wiederfinden und die dortigen Kulturen zerstören. Aber Cook war kein Schlächter wie die spanischen Konquistadoren. Und ich bemühte mich in meinem Buch, Cooks Verunsicherung aus seinen Schriften abzuleiten.

Besonders beschäftigt hat Sie in Ihrem Roman, ob Cook bei seiner Ermordung 1779 auf Hawaii wirklich so ehrenhaft gestorben ist, wie das John Webbers Gemälde der Szene suggeriert. Diese Debatte, bei der es um Cooks Heldenimage geht, habe ich nicht erfunden. Kürzlich ist ein Bild des Bruders des damals mitreisenden Schiffszimmermanns zum Vorschein gekommen. Es zeigt, wie Cook blindlings in andrängende Insulaner feuert. Auf Webbers Bild derselben Szene aber beschwichtigt Cook seine Männer und scheint zu sagen: «Schiesst nicht!»

Welches der beiden Bilder gibt in Ihren Augen den wahren Ablauf wieder? Das lässt sich nicht sagen. Niemand hat James Cooks Tod zweifelsfrei beschrieben und beobachtet. Und die Bilder der Expeditionsmaler waren überdies der Zensur unterstellt. Sie durften nur zeigen, was der Royal Navy passte und sich gut verkaufen liess. Und was zur Legendenbildung und zur Heroisierung Cooks beitrug. Aber es ist verführerisch, die Bilder genau anzuschauen.

Was erkennen Sie auf Webbers Bild der Todesszene? Dass Cook leuchtend hell gekleidet ist wie eine Heiligenfigur, die sich vom finsteren Getümmel abhebt. Und es gibt den Feuerschein aus einem Gewehr, der aussieht wie ein verrutschter Heiligenschein Cooks.

Sie haben sich in Hawaii auch den Originalschauplatz der Szene angeschaut. Wie sieht es dort heute aus? Ja, ich war in der Kealakekua-Bay. Durch etliche Stürme hat sie sich seit Cooks Zeit verändert. Man sieht Ruinen zerstörter früherer Dörfer. Und es gibt einen acht Meter hohen, weissen Obelisken zu Ehren Cooks. Der Strand strahlt durch den schwarzen Basaltstein eine merkwürdig melancholische Wirkung aus. Vielleicht färbt ihn aber auch der Betrachter so, wenn er weiss, was hier passiert ist. Die meisten Schnorchler, die draussen im Wasser paddeln, kümmern sich kaum um dieses welthistorische Ereignis.

Wissen die eingeborenen Insulaner etwas darüber? Oder müssten Sie dafür ins Museum nach Bern fahren? Auf Hawaiis Hauptinsel haben ja nur noch sieben bis acht Prozent der Bewohner originäre Wurzeln. Viele von ihnen wissen, dass mit Cooks Ankunft die Verschleppung und Zerstörung ihres Erbes begann. Ich habe einen Kultort besucht, den John Webber gemalt hat, und staunte, dass er genauso aussah wie auf dem Bild. Von den Guides erfuhr ich aber, dass der Ort nach diesem Bild rekonstruiert worden war. Wie er wirklich aussah, weiss niemand mehr. Die Linien zurück zu den Insulanerkulturen sind ausgewischt. Von ihrer Kultur wissen die Eingeborenen in der Tat nur aus dem Museum – und von Bildern europäischer Maler.

Berner Zeitung

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