Ostermundigen

Der sanfte Pirat

OstermundigenErstmals im Kanton Bern ist ein Mitglied der Piratenpartei in ein politisches Amt gewählt worden. Jorgo Ananiadis heisst der Mann, der neu in der Ostermundiger Kommission für öffentliche Sicherheit sitzt. Wer ist er? Was treibt ihn an?

Jorgo Ananiadis hat schon mit verschiedenen Parteien geliebäugelt. Glücklich geworden ist er erst bei den Piraten.

Jorgo Ananiadis hat schon mit verschiedenen Parteien geliebäugelt. Glücklich geworden ist er erst bei den Piraten. Bild: Christian Pfander

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Jorgo Ananiadis erinnert so gar nicht an einen Piraten, wenn er in Stef’s Kulturbistro in Ostermundigen sitzt. Er macht es sich auf einem alten Sofa mit Samt­bezug gemütlich, bestellt einen Schwarztee, spricht ruhig und überlegt. Bevor er auf die Politik zu reden kommt, bedankt er sich als Erstes für das Interesse an seiner Person. «Das ist lieb.»

Der 48-Jährige ist Gründungsmitglied und heute Präsident der Piratenpartei des Kantons Bern. Er kandidierte zweimal für den Nationalrat, einmal für den Ständerat und letztes Jahr für das ­Ostermundiger Gemeindeparlament. Dort verpasste er die Wahl nur sehr knapp.

Dafür hat ihn das Parlament letzte Woche in die Ostermundiger Kommission für öffentliche Sicherheit gewählt. Er erbt den Sitz der BDP. Diese fand niemanden, der in dieser Kommission Einsitz nehmen konnte und wollte. Also fragte die BDP Ananiadis an. Und ermöglichte so einen geschichtsträchtigen Moment: Jorgo Ananiadis ist das erste Mitglied der Piratenpartei, das im Kanton Bern in ein politisches Amt gewählt wurde.

Ananiadis ist im Berner Länggassquartier aufgewachsen. Schon als Kind sei er häufig bei seiner Grossmutter in Ostermundigen zu Besuch gewesen, erzählt er. Nach Lern- und Wanderjahren im In- und Ausland kehrte er vor 15 Jahren hierhin zurück. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Mehrfamilienhaus. Sein Geld verdient er als Elektroingenieur und IT-Projektleiter.

Der Zeit voraus

Zwar sei er in einer bürgerlichen Familie gross geworden. «In eine politische Schublade lasse ich mich aber nicht stecken», sagt Jorgo Ananiadis. Er nimmt einen Schluck Tee und erzählt: Seit seiner Jugend habe er mit verschiedenen Parteien geliebäugelt. Glücklich wurde er allerdings bei keiner. Das änderte sich mit der Gründung der Piratenpartei.

«Im Prinzip», sagt er, «sind wir die einzige zukunftsgerichtete Partei.» Viele Leute orientierten sich halt lieber an der Vergangenheit. Die Piraten dagegen hätten bereits über digitale Themen gesprochen, «als im Bundesrat noch niemand die Bedeutung des Wortes Cyber kannte.»

Sanft im Ton, aber engagiert in der Sache redet Jorgo Ananiadis über die grossen Unterhaltungskonzerne, deren Kopierschutz auf CDs dazu führte, dass sich auf dem Computer nicht einmal mehr Musik abspielen liess. «Zum Glück hat jemand für das Recht gekämpft, Musik und Filme privat kopieren zu dürfen.» Die Unterhaltungsindustrie bezeichnet das als Piraterie. «So ist unser Parteiname, unser Brand, entstanden», sagt Ananiadis, der von GLP-Nationalrat Martin Bäumle auch einen Zutrittsbadge fürs Bundeshaus hat.

Heute kämpft die Piratenpartei unter anderem gegen den Überwachungsstaat. Aus Angst vor Terrorismus schränke der Staat die Freiheit der Menschen immer stärker ein, heisst es im Parteiprogramm. Doch nun lässt sich Jorgo Ananiadis ausgerechnet in die Kommission für öffentliche Sicherheit (Kösi) wählen. Für ihn ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil: In der Kösi könnte er Gegensteuer geben, «falls jemand auf die Idee käme, Zehntausende Franken in Videoüberwachungen zu investieren».

«Hintertürchen geöffnet»

Ananiadis’ Wahl in die Kösi ist weniger deutlich ausgefallen, als es bei Kommissionswahlen die Regel ist. 20 Ja, 0 Nein – aber 14 Enthaltungen. Die Fraktionssprecherin von EVP/CVP äusserte sich skeptisch, «dass man der Piratenpartei nun ein Hintertürchen öffnet». Ananiadis nimmt ihr die Bemerkung nicht übel.

Als Co-Präsident der bernischen Freidenker sei er schliesslich «der personifizierte Atheist». Er wehrt sich dagegen, dass der Kanton Bern pro Jahr um die 70 Millionen Franken an die Pfarrer­löhne zahle. «Dass das provokativ auf die christlichen Parteien wirkt, kann ich verstehen», sagt er, politisch korrekt. Nein, an einen Piraten erinnert Jorgo Ananiadis nicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.12.2017, 08:51 Uhr

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