Der Raser filmt sein Rennen

Gas geben und gleichzeitig den Geschwindigkeitsexzess filmen: Das hat der Fahrer eines Mercedes mehrmals gemacht. Doch die Polizei habe mit ihm den Falschen erwischt, sagt der Beschuldigte.

Das Handy hat der Beschuldigte in voller Fahrt auf die Tachoscheibe gerichtet (Symbolbild).

Das Handy hat der Beschuldigte in voller Fahrt auf die Tachoscheibe gerichtet (Symbolbild).

Zur gestrigen Verhandlung am Regionalgericht Bern-Mittelland führte der Kommissar Zufall. Begonnen hatten die Ermittlungen im Zusammenhang mit einem Verkehrsunfall an der Riedbachstrasse. Am 24. Oktober 2014 scherte der Mercedes eines damals 23-jährigen Fahrers aus und kollidierte frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug. Die beiden Fahrer wurden verletzt, und die Fahrzeuge erlitten Totalschaden.

Augenzeugen berichteten, dass der Fahrer des Mercedes zwischen zwei Fussgängerstreifen massiv zu schnell unterwegs gewesen sei. Die Polizei stattete daher dem jungen Mann aus Biel einen Besuch im Spital ab und verlangte auch Einblick in sein Mobiltelefon. Bei der Durchsicht staunten sie nicht schlecht. Der Fahrer hatte zwar während des Unfalls nicht telefoniert, doch er hatte sich selbst bei Geschwindigkeitsexzessen gefilmt. Das Handy in voller Fahrt auf die Tachoscheibe gerichtet, verhalf er so der Polizei zu Beweismitteln.

Rennen angekündigt

Die Filmsequenzen landeten bei der Staatsanwaltschaft, und diese erhob Anklage. Am 30. Mai 2014 fand laut Staatsanwalt Daniel Feigenwinter auf der A 5 bei Pieterlen ein illegales Rennen statt. Statt der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h bretterte der Mann mit 230 km/h über die Autobahn und fuhr dabei viel zu dicht auf seinen Rivalen auf. Die wahnwitzige Fahrt hatte er zuvor «als nicht zu vergessende» Aktion angekündigt, gezeichnet mit seinen Übernamen. Auch den Vornamen des zweiten Fahrers gab er seinen Kollegen bekannt.

Am 26. September 2014 hielt der Beschuldigte eine weitere Fahrt mit dem Handy fest. Bei Dunkelheit fuhr er in einer Kolonne mit zwei weiteren weissen Mercedes. Alle drei Fahrer beschleunigten auf der Bernstrasse von Hinterkappelen innerorts stark, und beim Fussgänger­streifen schnellte der Tacho auf 124 km/h.

«Mein Leben ist seit dem Besuch der Polizei zerstört, das Auto kaputt, der Führerschein weg.»Beschuldigter

Auf der Höhe der Ausfahrt Lyss-Süd konnte sich der Filmer am 11. Oktober 2014 ebenfalls nicht mehr zurückhalten. Hier bretterte er bei der Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 mit 204 km/h durch, bremste etwas ab und beschleunigte dann im ­Bereich von 120 km/h auf satte 253 km/h.

Sieht sich als Opfer

Er wisse nicht, wie die Filme auf sein Handy und auf seinen Computer gekommen seien, sagte der Beschuldigte gestern. Er sei nicht gefahren, und er habe nicht gefilmt. Auch sei es krass, wie er behandelt worden sei. Er fühle sich verarscht, und sein Leben sei seit den Beschuldigungen zerstört. Der Mercedes CLA 45 AMG habe Totalschaden, der Führerschein sei weg und der Job auch, liess er das dreiköpfige Richtergremium wissen. Sogar psychologische Hilfe habe er sich holen müssen. Als Gerichtspräsident Martin Müller nachfragte, ob er sich schon einmal überlegt habe, wieso es dazu gekommen sei, vertrat der Mann die Theorie, dass die Filme manipuliert wurden. Aber alle seien von Anfang an gegen ihn gewesen.

Der zweite Beschuldigte, ein 55-jähriger Mann, sieht sich ebenfalls als Opfer falscher Anschuldigungen. Sein Sohn kenne zwar den Hauptangeklagten, aber er habe nichts mit ihm zu tun. Und nein, er habe am 30. Mai 2014 keinen Mercedes E 320 CDI in Zürich abgeholt und sich anschliessend auch nicht bei Pieterlen ein Rennen geliefert. Der vom Staatsanwalt vorgelegte Kaufvertrag sei wohl gefälscht.

Die beiden Pflichtverteidiger gingen in ihren Parteivorträgen nicht gross auf eventuelle Fälschungen von Filmen und Ver­trägen ein. Sie legten den Finger auf die Beweiskraft. Bei den ­Geschwindigkeitsexzessen sei jeweils der Fahrer nur zu hören, nicht aber zu sehen, argumentierten sie. Zudem sei ein Film für die effektive Festlegung der ­Geschwindigkeit nicht zu gebrauchen.

Das Urteil des Regionalgerichts Bern-Mittelland wird morgen eröffnet.

Berner Zeitung

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