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Der Pionier der Könizer Schulsozialarbeit ist tief gefallen

In Alphütten im Oberland führte er Kurse für Kinder durch. Doch der 43-jährige Mann, der 20 Knaben sexuell missbraucht haben soll, war jahrelang als Schulsozialarbeiter in Köniz tätig. Seit 2002 stand er mehrmals unter Verdacht.

Ein 44-jähriger Sozialpädagoge wurde vom Regionalgericht in Thun wegen Missbrauchs von 21 Knaben zu einer Freiheitsstrafe von 9,5 Jahren verurteilt worden.
Ein 44-jähriger Sozialpädagoge wurde vom Regionalgericht in Thun wegen Missbrauchs von 21 Knaben zu einer Freiheitsstrafe von 9,5 Jahren verurteilt worden.
Keystone
Dreizehn Jahre lang blieben seine Taten unentdeckt, sein Fall umfasst über 150 Übergriffe, das jüngste Opfer war gerade mal 8 Jahre alt.
Dreizehn Jahre lang blieben seine Taten unentdeckt, sein Fall umfasst über 150 Übergriffe, das jüngste Opfer war gerade mal 8 Jahre alt.
Keystone
Bereits 2002 geriet T. wegen sexueller Übergriffe in Verdacht. Eine Könizer Lehrkraft hat laut dem Könizer Gemeindepräsidenten Studer (nicht mehr im Amt) damals  davon gehört, dass gegen T. an einem früheren Arbeitsort dieser Verdacht bestand.
Bereits 2002 geriet T. wegen sexueller Übergriffe in Verdacht. Eine Könizer Lehrkraft hat laut dem Könizer Gemeindepräsidenten Studer (nicht mehr im Amt) damals davon gehört, dass gegen T. an einem früheren Arbeitsort dieser Verdacht bestand.
Susanne Keller
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Unter den Kindern, die ein heute 43-jähriger Mann sexuell missbraucht haben soll, sind mit grosser Wahrscheinlichkeit auch Knaben aus Köniz. «Wir müssen leider davon ausgehen», sagt der Könizer Gemeinderat Ueli Studer (SVP). Er bestätigte gestern, dass T.* jahrelang in Köniz als Schulsozialarbeiter tätig gewesen ist. Wie die Kantonspolizei am Dienstag bekannt gab, werden T. sexuelle Übergriffe auf 20 Knaben zur Last gelegt. Er soll diese zwischen 1996 und 2012 begangen haben.

«Der Mann galt als Pionier», sagt Studer. Man habe ihn nach Köniz geholt, um die Schulsozialarbeit aufzubauen. «Er hat bei uns viel geleistet und war äusserst anerkannt und beliebt.» Allerdings: Bereits 2002 geriet T. wegen sexueller Übergriffe in Verdacht. Eine Könizer Lehrkraft hat laut Studer damals davon gehört, dass gegen T. an einem früheren Arbeitsort dieser Verdacht bestand. Daraufhin informierte sie die Schulleitung und die Schulkommission. «Es kam zu einer Untersuchung», sagt Studer. Die Schule in Köniz sei mit Ts. früherem Arbeitgeber in Kontakt getreten.

Doch in diesem schulinternen Vorfahren sei letztlich Aussage gegen Aussage gestanden. Trotzdem hat man laut Studer damals in Köniz Massnahmen ergriffen: «Einzelbetreuungen auswärts waren T. nicht mehr erlaubt ». T. selbst habe dieses Papier unterschrieben. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass es im Schulhaus zu Übergriffen kam», sagt Studer.

Auch Opfer in Baselland

Bevor er nach Köniz kam, war T. in Oberwil BL tätig. «Ich hatte weder, als er bei uns arbeitete, noch später mit Eltern oder einem Kind Kontakt, die einen konkreten Vorwurf geäussert hätten», sagt Martin Spörri, der dort die Abteilung Soziales leitet. Erst nach Ts. Tätigkeit in Oberwil seien aufgrund eines Evaluationsverfahrens in Köniz Gerüchte aufgekommen. Auch aus heutiger Sicht hält Spörri daran fest: «Ich hätte das Vorgefallene nicht verhindern können, da mir keine Fakten vorlagen.»

Heute weiss man laut Polizeisprecher Michael Fichter, dass auch Buben aus dem Kanton Baselland Opfer von Übergriffen geworden sind. Am Mittwoch bestätigte die Polizei auch, dass der Angeschuldigte als Schulsozialarbeiter in den Kantonen Baselland, Bern und nach seiner Zeit in Köniz auch im Solothurnischen tätig gewesen ist. Die meisten Opfer hat er im Rahmen dieser Arbeit kennen gelernt. Einen Grossteil davon im Kanton Bern.

Beliebt und suspekt

Leute, die T. eins zu eins erlebt haben, berichten von seinem gewinnenden Wesen. Die Schülerinnen und Schüler hätten ohne weiteres den Draht zu ihm gefunden. Dieses Bild passt zu den Beobachtungen von Daniel Pauli. Der damalige SVP- und heutige BDP-Politiker war als Könizer Gemeinderat für die Schulen zuständig, als T. angestellt wurde.

Köniz und die Stadt Bern führten damals als Pioniergemeinden die Schulsozialarbeit ein. Der Bedarf schien gerade an den Schulen im Liebefeld vorhanden zu sein, und tatsächlich: «Wir stellten bald fest, dass die Zahl der Gefährdungsmeldungen markant zurückging», sagt Pauli. Ein «sehr grosser Prozentsatz» der Schülerinnen und Schüler habe bei Schulsozialarbeiter T. Rat gesucht. So habe man Probleme aus der Welt schaffen können, ohne die Vormundschaftsbehörden einschalten zu müssen. Nur beliebt war T. aber nicht. Er habe sich abgegrenzt, sei suspekt gewesen, und er habe sich auch nicht gerne von andern dreinreden lassen, ist aus Fachkreisen zu hören. Könizer Jugendlichen bot T. auch eigene Freizeitangebote an.

Erneut verdächtigt

Hinweise auf sexuelle Handlungen gab es 2011 auch bei der deutschen Sinn-Stiftung. Der Schulsozialarbeiter war als deren freier Mitarbeiter im Jahr zuvor tätig gewesen – in der Schweiz. Oberhalb von Lauenen verbrachte T. zusammen mit sechs Kindern und einer weiteren Leiterin fünf Wochen in einer Alphütte. Die Jungs mit Diagnose ADHS, (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) sollten dort lernen, besser miteinander umzugehen.

Die Sinn-Stiftung wollte den Mann im Sommer 2011 wieder für ein solches Projekt einsetzen. Doch sie wurde von privater Seite mit Verdächtigungen gegenüber T. konfrontiert. Die Vorwürfe betrafen allerdings nicht das Ferienlager in der Schweiz. «Wir haben den Mann sofort aus dem Programm zurückgezogen», erklärt Christian Rauschenfels, Vorstandsvorsitzender der Sinn-Stiftung. Danach habe dieser nichts mehr mit der Stiftung zu tun gehabt. «Die Vorwürfe waren ein Schock für uns. Als Pädagoge hatte er hervorragende Arbeit geleistet», so Rauschenfels.

Gemäss Gerald Hüther, Professor an der Uni Göttingen und Präsident der Sinn-Stiftung, prüfte diese im Nachhinein, ob es im Lager von 2010 Vorfälle gegeben hatte. «Wir erhielten aber keine Hinweise darauf. Aus unserer Sicht ist dort nichts passiert», sagt Hüther. Die Stiftung sah von einer Klage ab, weil die Kritik von Privaten stammte und nicht erhärtet werden konnte.

Opfer wollten nicht reden

Gemäss Sprecher Michael Fichter geht die Polizei nach ihren Ermittlungen davon aus, dass ihr ein Grossteil der Opfer bekannt ist. Manche, die man kontaktiert habe, hätten über die Vorfälle gar nicht mehr sprechen wollen, sagt Fichter. Trotzdem lässt sich nicht ausschliessen, dass noch weitere Buben Opfer von T. geworden sind.

*Name der Redaktion bekannt

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