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Der Park als lernender Organismus

Auf den ehemaligen Familiengärten an der Mutachstrasse in Bern entsteht ein «Vorpark». Er ist der hoffentlich lernfähige Vorbote des künftigen Stadtteilparks.

Aufbruchstimmung auf den ehemaligen Familiengärten an der Mutachstrasse: Désirée Renggli, Markus Flück und Jörg Rothhaupt. Foto: Beat Mathys
Aufbruchstimmung auf den ehemaligen Familiengärten an der Mutachstrasse: Désirée Renggli, Markus Flück und Jörg Rothhaupt. Foto: Beat Mathys

Die Kulisse wäre perfekt für einen apokalyptischen Film: Verlassene, teilweise halb verfallene Gartenhäuschen, ein ausrangierter Pizzaofen, aufgestängeltes Gemüse, schockgefroren – und vertrocknete, schwarz gewordene Sonnenblumen, die vier Meter hoch in den bedeckten Winterhimmel ragen. Erst im hinteren Teil des Geländes zeigen Bauprofile: Die ehemaligen Familiengärten hinter dem Berner Loryplatz sind ein Ort des Aufbruchs.

Hier entsteht ein neues Wohnquartier mit gut hundert Wohnungen (siehe Kasten unten). Und hier erhält das Holligenquartier einen Park. Dieser Stadtteilpark solle eine «Quartieroase» werden, hiess es im Sommer 2017, als die Stadt das Siegerprojekt Huebergass für die Neugestaltung des Areals präsentierte.

Die ehemaligen Familiengärten hinter dem Berner Loryplatz sind ein Ort des Aufbruchs. Quelle: Google Maps

Letzte Woche begann Stadtgrün Bern mit dem Rückbau der verlassenen Gärten. Damit wird stetig konkreter, was Désirée Renggli, Jörg Rothhaupt und Markus Flück bisher in Gedanken und Gesprächen, in Sitzungen und auf Papieren entwickelt haben: Der «Vorpark», ein «lernender Park», der auf die Familiengärten folgt – und der für den späteren Stadtteilpark Erkenntnisse liefern soll, was entlang der Schlossstrasse, zwischen Mutach- und Huberstrasse, funktionieren könnte.

«Spielerischer Ort für alle»

Markus Flück ist Co-Präsident des kürzlich gegründeten Vereins Vorpark, der die voraussichtlich 18 Monate dauernde Zwischennutzung des Areals koordinieren wird. Zum einen will der Verein für ein «Basisangebot» an Veranstaltungen sorgen, zum anderen soll sich von der Quartierbewohnerschaft einbringen, wer mag.

«Der Park wird hoffentlich zum Begegnungsort für das ganze Quartier, den es noch nicht gibt.»

Markus Flück, Verein Vorpark

Geregelt werden die Rahmenbedingungen in einem Gebrauchsleihevertrag zwischen Stadtgrün und dem Verein, dessen Vertreter vor dem Beginn der Abbrucharbeiten das Gelände nach Material absuchten, das sie weiterverwenden können. «Ein paar Häuschen werden stehen bleiben», sagt Flück. «Einerseits als Referenz an die ehemaligen Gärten, andererseits als möglicher Veranstaltungs- oder Aufbewahrungsort.»

Dem Verein Vorpark schwebe «ein spielerischer Ort» vor, sagt Flück, Ideen seien etwa eine Spielkiste und ein Baustellenspielplatz. Es wäre aber falsch, sich einen grossen Kinderspielplatz vorzustellen, macht er umgehend klar. Vielmehr erhoffe man sich einen «spielerischen Ort für alle Generationen und alle Bevölkerungsschichten», einen Ort, der als «öffentliches Wohnzimmer» funktioniert. Oder schlicht «den Begegnungsort für das ganze Quartier, den es noch nicht gibt». Weitergeführt werde die bisherige Zwischennutzung eines kleinen Teils der Gärten namens «Gartenkind», ein Gartenprojekt von Bioterra für Schulkinder.

Exemplarisches Vorgehen

Der Vorpark – letztlich ein schickes Wort für Brache – liegt in unmittelbarer Nähe zur Warmbächlibrache. Im Vergleich zum Warmbächli ist die Lage des ehemaligen Gartenareals an der Hauptachse Richtung Bern-West aber viel exponierter – und soll der Vorpark ein bisschen weniger wild daherkommen. «Der Vorpark steht im Schaufenster», so Flück. «Umso mehr hoffen wir, dass er einladend wirken wird und dass die Bevölkerung sich den Ort aneignet.»

Diese Hoffnung teilen Jörg Rothhaupt und Désirée Renggli vom Quartierbüro Holligen. «Es gibt immer auch noch einen Trauerprozess bei Anwohnerinnen und Anwohnern, denen die Gärten gefallen haben», sagt Rothhaupt. Im besten Fall fänden auch diese Gefallen an der Transformation des Ortes zu etwas Neuem. Am Infoanlass im letzten Juni jedenfalls, zu dem mit Flugblättern breit eingeladen worden sei, habe sich ein «grosses Interesse» an der Zukunft des Orts gezeigt.

Die Entwicklung des Vorparks ist exemplarisch für die Arbeit des Quartierbüros Holligen, 2008 als erstes Quartierbüro in der Schweiz als Pilotprojekt gestartet und nach zehn Jahren an der Schlossstrasse gut etabliert. Angehängt ist es der Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit, die im Rahmen eines Leistungsvertrags mit der Stadt Quartierarbeit leistet und Quartierzentren oder -treffs betreibt.

Im Quartierbüro liegen Baupläne auf, hier werden Erklärungshilfen bei Korrespondenz angeboten, hier ist die Infodrehscheibe und Anlaufstelle für alle Fragen und Anliegen, die das Quartier oder die Stadt betreffen. Und hier werden Quartierinitiativen unterstützt und angeschoben wie der Vorpark – immer mit dem Ziel, dass eine Gruppe tragfähige Strukturen schafft, die es der Quartierarbeit erlauben, sich in eine beratende, unterstützende Rolle zurückzuziehen.

Schliesslich wird die Quartierarbeit in Holligen, das in den nächsten Jahren sein Gesicht wie kein anderes Quartier verändern wird, noch an mancher Front gebraucht werden. Stichworte dazu sind die Überbauungen Holliger im Warmbächli, Mutachstrasse und Meinen-Areal oder der geplante Campus der Berner Fachhochschule in Ausserholligen.

Ein Teich wie im Liebefeld

Doch zunächst sind Stadtgrün und Quartierarbeit noch beim Vorpark aktiv gefordert, nach dem Rückbau brauchts Basisinfrastruktur wie Wasser und Strom. Gleichzeitig ist der Verein daran, auf die Bevölkerung zuzugehen und sich im Quartier mit allen möglichen Gruppen zu vernetzen – neben der Warmbächlibrache etwa mit dem Haus der Religionen.

Vom Warmbächli könne man lernen, sind Renggli, Rothhaupt und Flück überzeugt. Und sie hoffen gleichzeitig, dass sich der Vorpark zu etwas Eigenständigem entwickeln wird. Indiz dafür, dass dies gelingen werde, ist für Désirée Renggli der Mix im Vorstand des Vereins Vorpark, wo Frauen gut vertreten seien und auch Leute aus dem Familienverein Holligen mitmachen würden.

«Das erhöht die Chancen, dass der Vorpark gut durchmischt sein wird», sagt Renggli. Dass beim Vorpark von Anfang an Strukturen beständen, sei ebenfalls eine verheissungsvolle Grundlage für einen guten Start.

Für viele Beteiligte sei der Liebefeldpark ein Vorbild, sagt Flück vom Verein Vorpark – bis hin zum Teich, den sich das Quartier für den künftigen Park wünscht. «Der Liebefeldpark ist belebt und durchmischt. Wenn uns das auch gelingt, dann ist schon viel erreicht.»

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