Der Nostalgie verpflichtet

Dampfloks aus der Region der Nachwelt erhalten. Das ist die Mission der Dampfbahn Bern. Neustes Projekt ist die Wiederinbetriebnahme der Maschine 8 der einstigen Emmentalbahn.

<b>Drei Spezialisten für das «Achti»:</b> Simon Weiss (Dampfbahn Bern), Guido Manetsch (RhB) und Pascal Troller (Spezialist und Fundraiser) inspizieren die Lok der ehemaligen Emmentalbahn.

Drei Spezialisten für das «Achti»: Simon Weiss (Dampfbahn Bern), Guido Manetsch (RhB) und Pascal Troller (Spezialist und Fundraiser) inspizieren die Lok der ehemaligen Emmentalbahn.

(Bild: Christian Pfander)

Julian Witschi

Das Depot beim Bahnhof Konolfingen ist eine Pilgerstätte für Bahnnostalgiker. Drinnen ist es still, nur wenig Licht kommt hinein, und es riecht nach Öl und Kohle. Hier ruhen sieben Dampflokomotiven. Ihre glorreichen Zeiten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sind zwar längst vorbei, doch die Tage sind dennoch nicht gezählt.

Dank der Dampfbahn Bern, die mit den Loks regelmässig Extrafahrten und Charterreisen durchführt. Doch weder reicht das Geld noch ist die Nachfrage nach Fahrten genügend gross, um gleich alle sieben Lokomotiven sowie die dazugehörenden Wagen ständig betriebsfähig zu halten. Auch das Depotdach würde eine Revision benötigen.

Besonderer Zeitzeuge

Zudem schrumpfe die Zahl der Mitglieder, sagt Vereinspräsident Simon Weiss. Glücklicherweise gebe es bei den rund zwei Dutzend Aktiven, die ehrenamtlich in der Werkstätte und im Betrieb mitarbeiteten, auch einige Junge.

Ihr nächstes Projekt ist es, dass jene Lok wieder herumdampfen kann, welche der Verein 1970 als erste Maschine geschenkt erhalten hatte. Ihr Kürzel lautet Ed 4/5 Nr. 8.

Genannt wird die Lok einfach das «Achti». 1914 war sie von der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur für die Emmentalbahn gebaut worden. Das «Achti» war für die Beförderung schwerer Züge konzipiert.

Im Vergleich zu älteren Loks habe es dank eines Heissdampfsystems weniger Kohle und Wasser verbraucht, sagt Vereinspräsident Weiss. Diese Innovation macht es zum besonderen Zeitzeugen.

Für den Laien sieht die Lok äusserlich bestens unterhalten aus. Sie ist blitzsauber. Doch wenn man in die Lokgrube hinabsteigt und unter die Maschine schaut, sieht es anders aus. Ende der 1990er-Jahre hat die Lok im Dampflokwerk im ostdeutschen Meiningen zwar einen neuen Kessel erhalten.

Dabei sei aber leider nicht auch gleich der mechanische Teil erneuert worden, sagt Weiss. 2008 musste die Dampfbahn Bern die Lok deshalb aus dem Betrieb nehmen.

Halbe Million vom Kanton

Nach zehn Jahren Stillstand soll der mechanische Teil nun erneuert werden. Pascal Troller, Spezialist für die Restauration historischer Maschinen, ist ins Depot nach Konolfingen gekommen.

Zusammen mit Guido Manetsch und Reto Mark von der Rhätischen Bahn (RhB). Denn das «Achti» benötigt neben einer Revision der Antriebsstangen auch neue Radbandagen. Diese Arbeit können die Freiwilligen der Dampfbahn Bern nicht selber erledigen.

Die Werkstätte Landquart der RhB aber schon. Allerdings hat das seinen Preis. Für die Revision wird voraussichtlich ein sechsstelliger Betrag aufzubringen sein. Pascal Troller kann sein grosses Netzwerk mit Donatoren und Revisionsprofis einbringen. Während der letzten Jahre brachte er die Rettung von vier Dampflokomotiven entscheidend voran.

Darunter sind die Nummer 41 der ehemaligen Schweizerischen Centralbahn (SCB). Oder die Brünig-Berglok HG 3/3 1068 inklusive der für deren Betrieb nötigen Drehscheiben in Meiringen und Giswil. Hinzu kam auch ein Strassenfahrzeug, eine selbstfahrende, mit Dampfkraft betriebene Wasserspritze der Feuerwehr Basel aus dem Jahr 1905.

Für Trollers Projekte der letzten Jahre kamen rund 6 Millionen Franken zusammen. Die Stiftungen Gebauer, Ernst Göhner oder Vontobel steuerten grössere Beträge bei. Der frühere Medizinaltechnikunternehmer Hansjörg Wyss ebenso.

Eine weitere Geldquelle ist die Denkmalpflege des Kantons Bern. So unterstützte sie die Revision der SCB 41 mit 60'000 Franken und das Brünig-Projekt mit 440'000 Franken. Denn es geht um technisches Kulturgut, Zeugen vergangener Epochen der Verkehrsgeschichte.

Kein Hobby mehr

«Die Auflagen sind aber streng, und es braucht sehr viel Herzblut, um die Projekte zum Erfolg zu führen», sagt Troller. Inzwischen hat er seine Passion auf Mandatsbasis zum Beruf gemacht, und er lässt sich seine Vermittlungstätigkeit bezahlen.

Aufgewachsen in Zürich, hatte der heute 62-Jährige dort noch die letzten Jahre mit Dampfbetrieb erlebt. Schlüsselerlebnis für seine Passion war dann aber ein Familienausflug als Fünfjähriger nach Schaffhausen.

«Beim Munot stand damals eine Dampflokomotive, und dort erwachte in mir der Wunsch, selber eine solche zu besitzen.» Er lernte zwar Buchdrucker, aber alte Liebe rostet nicht. 1996 wurde sein Wunsch doch noch erfüllt.

Die Südostbahn vermachte ihm als Leihgabe die Dampflok Schwyz. Jetzt hilft Troller mit, dass noch viele andere Loks der Nachwelt erhalten bleiben.

Berner Zeitung

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