Der Landgang der Schöngeister

Die Hochschule der Künste «geht an Land»: Jedes Jahr will sie in einem Dorf Kultur veranstalten. Als Erstes kommen Saint-Imier und die Region Chasseral in den Genuss.

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Michael Feller@mikefelloni

In Saint-Imier hat der alte Schlachthof seine beste Zeit hinter sich. Der Winter zieht an diesem kalten Januartag durch die eingeschlagenen Scheiben in die Fabrikhallen. Im Gang warten rote Parkbänke auf den Frühling. Weiter hinten erzählen rostige Spinde von damals, als hier die Metzger ihre Jacke gegen die Schürze tauschten.

Christian Pauli von der Hochschule der Künste Bern (HKB) trifft zwei Vertreter der Gemeinde von Saint-Imier sowie Viviane Vienat und Géraldine Guesdon-Annan vom Naturpark Chasseral. Er will sich ansehen, welcher Raum sich für das Eröffnungskonzert von «HKB geht an Land» am besten eignet.

Mit dem Projekt, das der HKB-Kommunika­tionschef mitinitiiert hat, will die in den Städten beheimatete Hochschule der Künste dem Land, das die HKB mitfinanziert, etwas zurückgeben. Jedes Jahr soll künftig eine Gemeinde in den Genuss eines aussergewöhn­lichen Kulturprogramms kommen. Am 9. Juni geht es in Saint-Imier mit einem klassischen Konzert los (siehe Box).

Wohin mit dem Depot?

Noch sind die Räume vollgestellt mit Verkehrsschildern, Rohren und Maschinen. Saint-Imier nutzt den alten Schlachthof als Depot des Tiefbauamts. Die Gemeindevertreter sind skeptisch: Wo sollen sie denn all die Dinge lagern, wenn nicht hier? «Falls wir keinen anderen Raum finden für das Material, können wir hier nicht leer räumen», sagt Stadtplaner Nicolas Vuilleumier. Hoppla.

Mit grundsätzlichen Vorbehalten hat Christian Pauli nicht gerechnet, die Gemeinde hatte die Mitarbeit längst zugesagt. Jetzt stehen also logistische Probleme im Weg. Es muss schnell gehen: Bis Ende Monat muss ein Ersatzdepot her, sonst kann das Programm nicht wie vorgesehen durchgeführt werden.

Auf die Ausschreibung der HKB hatten sich 25 Gemeinden gemeldet, 15 haben schliesslich ein Dossier eingereicht. «Wir waren vom Anklang überwältigt», sagt Pauli. Drei Projekte schafften es in die engere Auswahl. Mit «HKB geht an Land» will sich die Kunsthochschule dort präsentieren, wo man vielleicht gar nicht so richtig weiss, dass es sie gibt. Oder wo man erst einmal misstrauisch ist gegen die Schöngeister aus der Stadt.

«Genau so etwas suchen wir, nichts Gäbiges.»HKB-Kommunikationsleiter Christian Pauli

Christian Pauli erzählt von «politisch-kulturell überraschenden Begegnungen» im Auswahlprozess. Etwa in Matten bei Interlaken, wo der frühere Avantgarde-Musiker Pauli auf Auns-Geschäftsführer Werner Gartenmann traf, der sich mit einem Projekt für seine Gemeinde beworben hatte – gut möglich, dass Matten in der nächsten Runde den Zuschlag erhält.

Für die Region Chasseral sprach, dass sie kulturell und sprachlich weit weg ist von der Stadt Bern. «Genau so etwas suchen wir, nichts Gäbiges», sagt Christian Pauli. Ein Plus – und durchaus «gäbig» – war: Mit dem Naturpark Chasseral ist ein Partner federführend, der Erfahrung mit dem Aufgleisen von Kulturprojekten hat. Der Naturpark ist eine Kooperation der Regions­gemeinden, um die kulturelle, touristische und wirtschaftliche Wertschöpfung nachhaltig zu stärken.

Industriegeschichte des Jura

Überzeugt hat die Bewerbung mit ihrem klaren Fokus: Sie habe «die Identität der Region aufgegriffen», wie Pauli sagt. Den Dozenten und Studenten bietet sich die Möglichkeit, mit ihren Projekten einzuhaken. Thema ist die industrielle Vergangenheit des Berner Jura. Nicht nur die «Fleischhalle» wird beschallt, auch eine Werkzeugfabrik in Courtelary und die ehemalige Holzstofffabrik in Péry-La Heutte sind ungewohnte Schauplätze der Kulturproduktionen.

Einst florierte im Vallon de Saint-Imier und im Bas-Vallon die Industrie, heute wirkt die ­Gegend ziemlich heruntergekommen. Gegenüber dem Bahnhof Saint-Imier steht das alte ­Kino – einst ein stattliches Gebäude, heute einsturzgefährdet, die Fenster sind vernagelt. Für die Region sind die Zerfallserscheinungen unschön, für Kulturschaffende ist der Geruch der Industriegeschichte indes ein Segen, den man in Bern vergeblich sucht. Im Jura gibt es die alten Bauten noch, die von der früheren industriellen Blüte zeugen.

Wie der alte Schlachthof mit den geborstenen Scheiben. Ach ja: Für das Materialdepot der Gemeinde Saint-Imier liess sich mittlerweile eine Lösung finden. Der Weg ist frei für den Landgang der Schöngeister.

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