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Der Klima-Detektiv

Der Berner Klimatologe Stefan Brönnimann erhält von der EU drei Millionen Franken für ein globales Projekt, in dem vergangene Klimaschwankungen untersucht werden. Die Arbeit erfordert detektivisches Gespür.

«Das ist eine grossartige Sache», sagt Stefan Brönnimann, der exakte Naturwissenschafter. Man könnte mit ihm über den YB-Titelgewinn sprechen. Problemlos. Mit seiner Wuschelfrisur macht Brönnimann (48), Vater zweier Kinder, auch auf weniger exakten Bühnen gute Figur, und selbst wenn er vor Fachpublikum redet, übt er sich gern in selbstironischer Rhetorik.

Jetzt aber meint Brönnimann nicht YB. Sondern die Klimato­logie. Eben hat der Europäische Forschungsrat, die wichtigste Förderinstitution für Grundlagenforschung, Brönnimann und sein Team für ein Projekt mit einem Beitrag von fast drei Millionen Franken ausgestattet. «Für einen Einzelwissenschaftler», sagt er, «gibt es keine andere Unterstützung in dieser Grössenordnung.» Zwei, drei Förderbeiträge dieses Ausmasses ziehen Forschungsgruppen der Uni Bern pro Jahr an Land. Um es im Fussballerslang zu sagen: Brönnimann und seine Gruppe am Geografischen Institut haben sich in die Champions League geforscht. Dorthin, wo sich die Uni Bern mit der Leuchtturmdisziplin Klimatologie sieht.

Aber als Laie stellt man sich eine Frage: Weiss man nicht genug über den Klimawandel?

Der nächste Schritt

«Um jetzt zu handeln», entgegnet Brönnimann, «wissen wir genug über den vom Menschen verursachten Klimawandel.» Er selber habe nicht die Ambition, den 1001. Beleg dazu abzuliefern. Aber: «Es bleibt wichtig, dass Grundlagen zum menschengemachten Klimawandel erforscht werden.» Ihn und sein Team reize jedoch anderes. «Wir möchten endlich einen Schritt weiter gehen.» Heisst: Verstehen, was sich in der Atmosphäre genau abspielt, wenn sich das Klima ändert.

Das heute verfügbare Wissen über die Klimavergangenheit ist meistens punktuell. Salopp gesagt: Man erkennt, wie das Klima zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo auf der Welt war. Aber nicht, warum.

In Brönnimanns ambitioniertem Forschungsprojekt wird das Warum einem Klimamodell entnommen, das die Forscher in Übereinstimmung bringen mit der gesamten Klimainformation aus alten Messdaten, Angaben aus historischen Dokumenten und Baumringen. Ziel sei es, einen Datensatz herzustellen, der sämtliche wichtigen Klima­informationen – wie Wind, Luftdruck, Temperatur und Niederschlag – auf verschiedenen Höhen der Atmosphäre für die letzten 600 Jahre wiedergibt. Und zwar für den ganzen Globus.

Verstärkter Klimawandel

Das ist ein Kraftakt, der das Verständnis des Weltklimas vertiefen wird. Etwa so: Zwischen 1876 und 1878 gab es eine beispiellos extreme Klimaphase, während der weltweit 20 Millionen Menschen verhungerten. Sie soll mit Veränderungen der Meeresströmungen im Pazifik zu tun gehabt haben, die als El Niño bekannt sind. Das weiss man heute.

Mit dem revolutionären Da­tensatz von Brönnimanns Forschungsgruppe wird man ver­stehen, was genau sich in dieser katastrophalen Klimaphase weltweit in der Atmosphäre abspielte.

Solche starken Klimaereignisse aus vergangenen Jahrhunderten zu verstehen, sei nicht nur historisch interessant, findet Brönnimann. Sondern auch für uns. Hier und heute. Denn natürliche Schwankungen wie jene zwischen 1876 und 1878 «kommen heute auf den menschen­gemachten Klimawandel noch obendrauf».

Brönnimanns Arbeit könnte bewusstseinserweiternd wirken. Jahrelang sei man beim Klimawandel auf die Temperatur fixiert gewesen. Dabei sei für die Mehrheit der Menschen weltweit der Niederschlag und das Vorhandensein (oder Fehlen) von Wasser lebenswichtiger. «Es wäre schön, wenn unsere Forschungsarbeit dazu beiträgt, dass man das Augenmerk stärker auf die gesellschaftliche Reaktion bei Klimaveränderungen legt.» Hier könne man aus der Geschichte lernen.

Vom Winde verweht

Wenn Spitzenklimatologen wie Brönnimann forschen, rennen sie nicht in Faserpelz und Wanderschuhen im Freien herum. Sie sitzen vor dem Computer, das Klima besteht aus Zahlenbergen und Programmierbefehlen. Die Gefahr, dass man den Bezug zur Realität verliere, bestehe, gibt Brönnimann zu. Aber das familiäre, uneitle Klima am inter­disziplinären Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Uni Bern wirke präventiv.

Ihn fasziniere, «wie man wenige Informationen in viel Wissen verwandeln kann». In seinem Job sei detektivisches Flair gefordert. So müssen alte Messdaten oft noch aufgespürt und digitalisiert werden. Gelegentlich nenne er sich deshalb Klimaforensiker.

Seine Forschung sei «auch eine Abenteuerreise», so Brönnimann. Das Klima stecke voller unerkannter Zusammenhänge, man starte mit einer Idee und lande bei ganz anderen Themen. Nie gefeit davor, vom Winde verweht zu werden.

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