Der Kanton pocht auf «eine anständige Asyl-Unterkunft»

Worb

Auch die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe weiss um die baulichen Mängel im Asylzentrum Enggistein. Dass der Kanton gleich die sofortige Schliessung verfügt hat, überrascht die Betreiberin dennoch.

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«Die Betreiber sollen wissen, dass wir hinschauen.» Iris Rivas markiert Ent- schlossenheit. Mit Nachdruck betont die Chefin des kantonalen Migrationsdienstes, dass «auch Asylbewerber ein Recht auf eine anständige Unterkunft haben». Nur so fühlten sie sich als Menschen respektiert, und damit sinke die Gefahr von Gewaltakten aus lauter Frust und Langeweile automatisch.

Im Durchgangszentrum Enggistein bei Worb war die Unterkunft ganz offensichtlich nicht mehr so anständig, wie sich der Kanton das wünscht. Sonst hätte er kaum verfügt, dass die rund hundert hier untergebrachten Asylbewerber das einstige Heim für Jugendliche verlassen müssen. Am Wochenende zogen sie zuerst in die Zivilschutzanlage Worb und kehrten, nachdem es dort zu einem Glimmbrand gekommen war, gleich wieder zurück. Bis am Dienstag Abend wurden sie nun auf verschiedene andere Asylzentren im Kanton verteilt.

Eingefrorene Wasserleitung

Als Grund für die überraschende und in dieser Art auch erstmalige Schliessung eines Asylzentrums führte der Kanton schon am Wochenende gravierende Mängel im Brandschutz an. Zum Vorschein gekommen sind diese bei einer unangemeldeten Inspektion vor Ort. Ein erster derartiger Rundgang fand bereits im letzten Jahr statt, wie Iris Rivas im Rückblick sagt. Den Leuten aus Bern ging es damals allerdings vor allem darum, mit ihrer Präsenz den Betreibern den Rücken zu stärken. Zu sehr hatte diesen in den Wochen zuvor die wachsende Gewaltbereitschaft unter den Asylbewerbern zu schaffen gemacht.

Schon bei dieser Gelegenheit stach den Kantonsvertretern die mehr als einfache Unterkunft ins Auge. Mit diesem Wissen im Hinterkopf schauten sie in der zurückliegenden Kälteperiode ein zweites Mal in Enggistein vorbei, diesmal gemeinsam mit Fachleuten der kantonalen Gebäudeversicherung. Die wiederum zeigten sich alles andere als erbaut über die Zustände, die sich ihnen präsentierten: Wasserleitungen waren eingefroren und gebrochen, und weil die Heizung zu schwach war, um im Dauerfrost für angenehme Temperaturen zu sorgen, liefen überall zusätzliche Öfeli. Die alte Elektroinstallation kam an ihre Grenzen. Das Schweizer Fernsehen hat die Schäden in der Infosendung «10vor10» dokumentiert.

«Aufgabe ohne Ende»

Betrieben wird das Asylzentrum in Enggistein von der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe, und sie ist es auch, die als Mieterin der Liegenschaft auftritt. Entsprechend sei sie auch verantwortlich für das Umfeld, in dem die Asylsuchenden lebten, betont Iris Rivas. Und rechnet vor, dass es am Geld jedenfalls nicht liegen könne: Mit den 10 Franken, die die öffentliche Hand pro Tag und Kopf für die Unterbringung auszahle, habe die Heilsarmee in Enggistein allein für die Miete Jahr für Jahr sicher rund 360'000 Franken zur Verfügung.

Das tönt nach viel Geld – doch Paul Mori relativiert den Betrag auf der Stelle. Der Leiter der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe bestätigt zwar, dass die Jahresmiete in Enggistein mit gerade mal 120'000 Franken zu Buche schlägt, fügt allerdings gleich an: Der vom kantonalen Migrationsdienst genannte Betrag müsse auch für die Möbel reichen. «Zudem nehmen wir immer wieder kleinere Unterhaltsarbeiten auf unsere Kappe.»

Auf alle Fälle, und das ist Paul Mori wichtig, streiche die Heilsarmee sicher nicht zu viel Geld ein. Und sie zahle sicher nicht zu hohe Löhne – der Flüchtlingshilfe-Chef redet in diesem Zusammenhang davon, dass die Betreuung von Asylsuchenden «eine Aufgabe ohne Ende» sei, entsprechend vielfältig und entsprechend teuer.

Seit längerem ein Thema

Dass es mit den Bauten in Enggistein nicht eben zum Besten steht, weiss auch Paul Mori. Für die Heilsarmee stehe das Thema seit letztem Herbst auf der Traktandenliste, sagt er, und mit dem Besitzer hätten schon erste Gespräche stattgefunden. Von ihm her spüre er auch den Willen, die Liegenschaft wieder auf Vordermann zu bringen. Und so hoffe er nun, dass eine finanzierbare Lösung sich auch wirklich finde und das Zentrum mittelfristig wieder aufgehen könne. Zumal Plätze im Asylbereich angesichts des unverändert grossen Andrangs gefragter denn je seien.

Schliesslich lässt er noch leise Zweifel durchschimmern, tönt an, dass es in anderen Asylzentren nicht wesentlich anders aussehe als in Enggistein. Es komme halt immer auch darauf an, wie die Experten eine Situation einschätzten, sagt er noch mit einem Blick auf die Fachleute der Gebäudeversicherung.

Beim Migrationsdienst in Bern mag Iris Rivas derweil keinen Kommentar dazu abgeben, wie es nach dem Vorgefallenen um das Verhältnis zur Heilsarmee steht. Offen bleibt insbesondere auch, ob der Kanton der in seinem Auftrag tätigen Flüchtlingshilfe Versäumnisse vorwirft – viel lieber wird die Chefin nochmals allgemein, streicht hervor, dass «Mieter wie Vermieter ihre Pflichten haben». Und dass der Kanton das Augenmerk nun vermehrt auch auf bauliche Mängel richte – damit nicht plötzlich, wie innerhalb von zwei Monaten in zwei anderen Kantonen passiert, auch im Bernbiet eine Asylunterkunft in Flammen aufgehe.

Ebenso zurückhaltend äussert sich Iris Rivas auf die Frage, ob es denn in den anderen Zentren im Kanton Bern besser aussehe als in Enggistein. Erneut wiederholt sie sich: Man werde sie einzeln durchgehen und – eben – «sicherstellen, dass jeder Asylbewerber in einer anständigen Unterkunft leben kann». Es tönt wie ein Schuss vor den Bug der Betreiber, zu denen neben der Heilsarmee auch Asyl Region Biel, die Asylkoordination Thun sowie die Firma ORS gehören.

Berner Zeitung

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