«Der ‹Heiler› fragte mich, ob ich HIV-Infizierte vermitteln könne»

Bern

Im Prozess gegen den Berner «Heiler» und gegen vorsätzliche HIV-Ansteckungen haben Betroffene schwere Vorwürfe erhoben. Ein Kläger sagte, das Inselspital habe von einer Anzeige abgeraten.

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Im Cheminée brennt Feuer – im Mai. Im Raum stehen ausgestopfte Vögel. Der «Heiler» sagt zu T.*, er könne sich auf den Bauch legen, auf einen Teppich, und sich auf einen Stein konzentrieren. Der «Heiler» geht aus dem Raum, kommt zurück, in der linken Hand ein Stein, über der rechten ein Tuch. Dann sticht er T. mit einem unbekannten Gegenstand in die rechte Schulter, zwei, drei Sekunden. Der «Heiler» wischt etwas von T.s Schulter und sagt: «Jetzt ist alles erledigt.» Beim Verabschieden ergänzt der «Heiler»: «Du musst aufpassen, dass du in den nächsten Wochen nicht erkrankst.»

Eineinhalb Wochen später hat T. Magenprobleme, später Kopfschmerzen, Hautrötungen, Fieber. In vier Tagen nimmt er 7 Kilo ab. Der Arzt will einen HIV-Test machen, T. lehnt ab: Wozu, fragt er sich, da es aus seiner Sicht keine Infektionsquelle geben kann. Einige Wochen später lenkt er ein. Der Test fällt positiv aus. Heute, fast neun Jahre später, befindet sich T. im Stadium C3, «das heisst, ich habe Aids». T. ist überzeugt: Der «Heiler» hat ihn damals infiziert. Es gibt für ihn keine andere Erklärung.

«Machtsüchtig, aggressiv»

T. machte diese Schilderungen vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland zum Auftakt des Heilerprozesses. Er ist einer von 16 Privatklägern, die dem Berner Musiklehrer vorwerfen, sie zwischen 2001 und 2005 vorsätzlich mit dem HI-Virus angesteckt zu haben (wir berichteten). Die Kläger, die gestern einvernommen wurden, zeichneten ein beängstigendes Bild des Angeschuldigten, der alle Vorwürfe bestreitet: das Bild eines gefährlichen Mannes, der gemäss Aussagen physisch und psychisch massiv Gewalt ausübte und Menschen in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis bringen konnte. Ein Mann, der nach einem Beziehungs-Aus mit einem Messingkerzenständer zuschlug. «Er ist sehr machtsüchtig, besitzergreifend, einschüchternd, aggressiv», sagte eine Klägerin.

Einige Opfer waren Musikschüler des «Heilers». Nur indirekt kam T. zu einem einzigen Treffen. Er litt unter leichter Epilepsie und Migräneanfällen. Eine Bekannte habe ihn zu einem Besuch beim «Heiler» überredet. Sie habe immer wieder davon geredet, sodass es «mühsam» geworden sei. «Deshalb willigte ich ein.» Dass die Bekannte damals HIV-positiv war, habe er nicht gewusst, ansonsten hätte er «sicher abgelehnt». Einer Akupunkturbehandlung habe er missmutig zugestimmt. Nach dem Motto «nützt nichts, schadet aber auch nichts» habe er widerwillig zugestimmt. Dabei kam es zum Stich.

Heilende Getränke für Geld

Auch die Bekannte von T. wurde vom «Heiler» gestochen, auch sie ist überzeugt, dass er sie dabei mit dem HI-Virus angesteckt hat. Er habe ihr gesagt, er könne ihr «3.Auge» öffnen. Was das bedeuten sollte, könne sie heute nicht mehr sagen. Rund einen Monat nach dieser Behandlung habe der «Heiler» ihr gesagt, er sehe ihr an, dass sie HIV-positiv sei und habe ihr sogar die Abteilung am Inselspital angegeben, wo sie sich melden solle. Weil der HIV-Test tatsächlich positiv ausfiel, habe sie Vertrauen in ihn gewonnen. Derart, dass sie ihm sogar Vermögen übergab. Jahrelang zahlte sie ihm 700 Franken monatlich für Getränke, die gegen die HIV-Infektion helfen sollten. Auf sein Geheiss verzichtete sie auf eine Medikamenten-Therapie.

Es sei ein klares Abhängigkeitsverhältnis gewesen. «Er unterstützte mich in psychologischer Hinsicht. Da war jemand, der mir zuhörte», sagte die Frau. Der «Heiler» habe es sogar geschafft, ihr Vergewaltigungen durch T. einzureden. «Es war Gehirnwäsche, es ging nur drum, ihn zu schützen.» Er habe ihr gedroht, den Kontakt abzubrechen. «Das wäre damals für mich sehr schlimm gewesen.» Nach einer Hausdurchsuchung habe er ihr gesagt, dass sie der Polizei nichts von Blut und Geld erzählen solle.

Eine weitere Privatklägerin, eine Ex-Partnerin, geht ebenfalls davon aus, dass sie gestochen und infiziert wurde – und zwar, als sie bewusstlos war. Jahre nach dem «heftigen Ende» der Beziehung servierte ihr der «Heiler» in seiner Wohnung ein grünes Getränk. Danach sei sie bewusstlos geworden. Weil ihr zwei Sexualpartner bestätigten, HIV-negativ zu sein, liegt für sie der Schluss nahe, dass der «Heiler» sie damals infizierte.

Insel riet von Anzeige ab

In der HIV-Sprechstunde des Inselspitals sei sie darauf aufmerksam geworden, dass der «Heiler» die Infektionsquelle sein könnte, sagte die Ex-Partnerin. Der Arzt habe ihr zu einem Kontakt mit der Staatsanwaltschaft geraten. Sie habe aber lange Zeit gezögert, aus Angst vor dem «Heiler».

Mehrere Kläger berichteten, in der Sprechstunde des Inselspitals nach dem «Heiler» als der möglichen Infektionsquelle gefragt worden zu sein – nachdem sie andere Ansteckungsmöglichkeiten ausgeschlossen hatten. T. etwa gab an, dass nur die «Akupunktur» durch den «Heiler» als Ansteckung infrage käme. Dennoch hätten die Inselärzte von einer Anzeige gegen den «Heiler» abgeraten. Das lasse sich ohnehin nicht beweisen, habe ihm der leitende Oberarzt der Abteilung erklärt. Allerdings sei offensichtlich gewesen, dass der Inselarzt den Namen des «Heilers» damals nicht zum ersten Mal gehört habe. Er habe Anzeige erstattet, weil ihm klar gewesen sei, dass es weitere Opfer geben werde, wenn nicht die Polizei eingeschaltet würde.

Buch über HIV-Positive

Das Inselspital nimmt zum Prozess und zum Vorwurf von T. nicht Stellung. Es wiederholt an eine frühere Stellungnahme, nachdem es unter den über 700 Patienten der HIV-Sprechstunde aktiv nach möglichen Betroffenen gesucht und am 7.März 2005 den Kantonsarzt über mögliche sechs Fälle informiert habe. Die Insel habe ihn um Entbindung vom Berufs- und Amtsgeheimnis ersucht. In Absprache mit dem Kantonsarzt sei den Betroffenen empfohlen worden, sich selber beim Untersuchungsrichter zu melden. Die meisten hätten dies getan. Im Fall eines Jugendlichen, der 2002 den «Heiler» als einzige mögliche Quelle für seine HIV-Infektion nannte, habe die Familie auf Anzeige verzichtet.

Zu einem möglichen Motiv des «Heilers» gibt es weiter nur Mutmassungen. T. denkt, dass es dem «Heiler» darum gegangen sein könnte, Menschen in seine Abhängigkeit zu bringen. Etwas konkreter wurde die letzte Klägerin, die gestern auftrat, bei ihm Musikunterricht hatte sowie zwischenzeitlich ein Verhältnis: «Er fragte mich, ob ich HIV-Infizierte kenne und Kontakte herstellen könne.» Er wolle mit diesen Menschen Interviews führen und ein Buch zum Thema Aids veröffentlichen, so die Klägerin. In seinem Auftrag habe sie Kontakt zur Aids-Hilfe aufgenommen und nach Infizierten gefragt. Es hätten ihn «Leute besucht», das wisse sie, weil der Kontakt ja über ihr Telefon erfolgt sei. Gegenüber der Aids-Hilfe soll die Klägerin auch gesagt haben, dass der «Heiler» einem HIV-Infizierten Blut abgezapft habe, um zu beweisen, dass man Aids heilen könne.

Am heutigen Prozesstag geht es unter anderem um ein Gutachten zur Verwandtschaft der HI-Viren der Betroffenen. Gemäss Anklageschrift gibt es Gemeinsamkeiten. Ausserdem sollen zwei weitere Privatkläger aussagen.

*Name der Redaktion bekannt.

cls/sda

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