Der Gratwanderer

Mit dem Berner Daniel Marbacher wird erstmals ein Bergführer Geschäftsführer des Schweizer Alpen-Clubs. Er bekommt es mit heiklen Themen zu tun.

Heute verantwortlich für den Ökofonds der BKW, in ein paar Wochen Geschäftsführer des SAC: Daniel Marbacher, Bergführer.

Heute verantwortlich für den Ökofonds der BKW, in ein paar Wochen Geschäftsführer des SAC: Daniel Marbacher, Bergführer.

(Bild: Adrian Moser)

Jürg Steiner@Guegi

Wenn jemand gerüstet ist, schmale Grate zu begehen, dann Daniel Marbacher. Von Fuss bis Kopf.Nach der obligatorischen Schule entschied sich der schon damals bergangefressene Marbacher, heute 44 Jahre alt und ­dreifacher Familienvater, für eine Schuhmacherlehre. Logisch, schon der Vater war Orthopäde. «Mit ganzer Leidenschaft» habe er sich in das filigrane Handwerk gestürzt, erinnert sich der gebürtige Luzerner. Nach ein paar Berufsjahren und einem Japan-Aufenthalt gestand er sich ein, als Schuster nicht das ganze Leben bei seinem Leisten bleiben zu wollen. Das Wissen, was ein Fuss dazu braucht, sicheren Stand zu haben, nahm er aber mit.

Marbacher, der bis 22 nie gelernt hatte, für die Schule zu büffeln, wie er selber anmerkt, besuchte nun ein privates Gymnasium und schaffte die Matur – inklusive Latein. «Ein hartes Stück Arbeit», erinnert er sich. Danach verabschiedete sich Marbacher für drei Jahre in die Berge. Und kam zurück als diplomierter Bergführer, bereit, sich an die Uni abzuseilen. 2008 schloss Daniel Marbacher, der zur ersten Bergführergeneration der renommierten Worber Bergschule Bergpunkt gehört, sein Geografiestudium mit dem Master ab.

Die Fähigkeit, schwierige Grate zu meistern, verlagerte sich von den Füssen in den Kopf.

Anspruchsvolle Konfliktzonen

In den vergangenen fünf Jahren verantwortete der auch betriebswirtschaftlich geschulte Marbacher beim Berner Energiekonzern BKW den Umweltbereich bei den Wasserkraftwerken und den Ökofonds, den die Abnehmer ökologisch zertifizierter BKW-Stromprodukte mit einem ­Rappen pro Kilowattstunde alimentieren. Mit diesem Geld finanziert die BKW Renaturierungsprojekte in den Kantonen Bern, Jura und Solothurn. «Superspannend», sagt Marbacher, leidenschaftlich wie schon als Schuhmacher und Bergführer, «ich bewege mich bei dieser Arbeit auf dem Grat zwischen Ökologie und Ökonomie, zwischen Schützen und Nutzen.»

Im Juni nun wechselt er als Nachfolger von Jerun Vils, dem früheren Oberländer Touristiker, an die Spitze der SAC-Geschäftsstelle an der Berner Monbijoustrasse. Der Konflikt zwischen Schützen und Nutzen, mit dem Marbacher konfrontiert ist, dürfte ab Juni, wenn er seinen Job antritt, eher noch anspruchsvoller werden.

Der SAC ist ein wachsender Verband mit heute 150 000 Mitgliedern. Immer mehr Leute, ob SACler oder nicht, zieht es in die Berge. Das erhöht den Druck auf ökologisch fragile Zonen und Rückzugsgebiete gefährdeter Tierarten. Deshalb tendieren die Umwelt- und Jagdbehörden dazu, Wildschutzgebiete zu vergrössern oder gar neue auszuscheiden – und Übertretungen konsequenter zu sanktionieren. Ein heftiges Konfliktgebiet ist das Schwarzhorn ob Grindelwald, aber auch im Saanenland und sogar im Gantrischgebiet geht die Befürchtung um, beliebten Skitouren- und Schneeschuhrouten drohe die Sperrung. Was typisch ist: Die Tonlage der Diskussionen ist rustikal.

Fit wie ein Turnschuh

Marbacher will zum jetzigen Zeitpunkt nicht konkret auf bestehende Konflikte eingehen. Seine Grundsatzhaltung aber macht er klar: «Meine Priorität gilt dem freien Zugang zu den Bergen.» Das bedeute nicht, dass Umweltanliegen auf die Seite gewischt würden. Im Gegenteil. Der SAC investiere in der Ausbildung viel in die Sensibilisierung der Berggänger. Begründete Einschränkungen, etwa zum Schutz hoch gefährdeter Tierarten, könne er bestens akzeptieren, sagt Marbacher: «Was ich ablehne, sind flächendeckende Sperrungen, die den Eindruck hinterlassen, sie seien aus undurchsichtigen Gründen an einem Bürotisch oder am Stammtisch ausgeheckt worden. Oder wenn Gebiete pauschal gesperrt werden.»

Eigentlich gebe es nur einen Weg: Man müsse mit allen Parteien an einen Tisch sitzen und Kompromisslösungen finden. So habe man, sagt der begeisterte Sportkletterer Marbacher, auch in der Agglomeration Bern schon beispielhafte Lösungen gefunden: etwa im populären Bouldergebiet Lindental bei Krauchtal, unweit von Marbachers Wohnort Burgdorf, das während der Brutzeit der Vögel gesperrt werde.

In der SAC-Zentrale in Bern übernimmt Marbacher quasi ein KMU mit 50 Angestellten und einem Jahresbudget von rund 15 Millionen Franken. Dass mit ihm erstmals ein ausgebildeter Bergführer den SAC managen wird, erachtet er als grossen Vorteil.

Grosse Gefühle am Berg

Am liebsten erinnert sich Daniel Marbacher, noch heute fit wie ein Turnschuh, zurück an seine wilden Bergjahre, als er zwischen 15 und 20 war. Eine Clique der SAC-Sektion Entlebuch, jedes Wochenende in den Bergen, bei jedem Wetter. «Wir zogen los, auch zu heiklen Touren, obschon uns Erfahrung und Know-how fehlten.» Ein paar Mal «hatten wir viel Glück», aber die Erlebnisse, exponiert über dem Abgrund, «gingen tief ins Herz und prägten uns fürs Leben». Neun seiner Freunde aus dieser Zeit sind später Bergführer geworden. Heute würde man sagen: extrem cool.

Etwas von den grossen Gefühlen von damals möchte Marbacher dem SAC einhauchen. Was er selber erlebte, ist nun sein persönlicher Benchmark als Manager. Der SAC und die Berge sollen für Jugendliche anziehender werden – und für Einwanderer. «Der SAC könnte so», findet Marbacher, «einen Beitrag zur Inte­gration leisten.»

Natürlich weiss Marbacher, dass seine Coolness-Offensive im eher konservativen SAC nicht nur auf Begeisterung stossen könnte. Ein schmaler Grat, wie gemacht für ihn.

Berner Zeitung

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