Der geteilte Himmel über Moutier

Patrick Röthlisberger sieht sich als Romand und Berner. Für Valentin Zuber aber ist man entweder Berner – oder Jurassier wie er. Auch sonst stehen die Anführer der zwei Abstimmungslager von Moutier Rücken an Rücken.

Patrick Röthlisberger, Kopf von Moutiers probernischem Abstimmungskomitee (links) und Valentin Zuber, Sprecher von Moutiers projurassischem Lager.

Patrick Röthlisberger, Kopf von Moutiers probernischem Abstimmungskomitee (links) und Valentin Zuber, Sprecher von Moutiers projurassischem Lager. Bild: Iris Andermatt

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Wenn Unternehmer Patrick Röthlisberger (57) Moutier verlässt, fährt er meist südwärts. Für den Job nach Biel, für den Ausgang und den Grosseinkauf nach Biel, Neuenburg oder Bern. Valentin Zuber (27) aber steuert nordwärts, wenn er nicht gerade seine Freundin in Bern besucht.

Er arbeitet als Kulturdelegierter des Kantons Jura in Delsberg. Dort oder in Basel verbringt er auch die Freizeit. Schon in ihrer geografischen Ausrichtung stehen die beiden Wortführer im Abstimmungskampf von Moutier Rücken an Rücken.

Rücken an Rücken

Der FDP-Lokalpolitiker Röthlisberger, der in Moutier die Präzisionsfirma PSR Mécanique führt, präsidiert das Komitee «Moutier-Prévôté», das bei der anstehenden Abstimmung vom 18. Juni für Moutiers Verbleib beim Kanton kämpft.

Zuber von den sozialistischen Autonomisten (PSA) ist der Kopf des Komitees «Moutier Ville jurassienne», das Moutiers Wechsel zum Kanton Jura anstrebt. Er ist der Sohn von Maxime Zuber, dem langjährigen separatistischen Stadtpräsidenten von Moutier.

Wenn man die beiden Wortführer bittet, kurz zu erläutern, wie sich Moutier entscheiden soll, dann kommt es einem vor, als würden sie zwei verschiedene Sprachen sprechen.

Im kleinen Büroraum seiner Firma an einer Ausfallstrasse Moutiers spricht Röthlisberger leise, knapp und konzentriert über Moutiers Geografie: «Schon auf der Landkarte sieht man, dass Moutier zum Kanton Bern gehört. Würde es zum Kanton Jura wechseln, wäre es wie ein sonderbarer Blinddarm im Berner Territorium.»

«Warum sollen wir das gut funktionierende Zusammenleben mit Bern aufs Spiel setzen und Moutiers Zukunft gefährden?»Patrick Röthlisberger

Dann appelliert er an die Gewohnheit: «Warum sollen wir das gut funktionierende Zusammenleben mit Bern aufs Spiel setzen und Moutiers Zukunft durch die Unsicherheiten eines Kantonswechsels gefährden?»

Eine Stunde später betritt der gross gewachsene Valentin Zuber das Restaurant de la Gare, das Stammlokal der Separatisten, an Moutiers Bahnhofplatz. Gut gelaunt begrüsst er Bekannte, setzt sich im Restaurantgarten an den Tisch und legt los. Leidenschaftlich, rasant und engagiert.

«Wir sind nicht gegen Bern, aber wir sind keine Berner, wir sind Jurassier. Da gibt es eine kulturelle Differenz.»Valentin Zuber

Die Kantonszugehörigkeit erhebt er sogleich zur Herzenssache und Identitätsfrage: «Moutier gehört zum Kanton Jura, weil wir hier von Grund auf Jurassier sind. Wir sind nicht gegen Bern, aber wir sind keine Berner, da gibt es eine kulturelle Differenz.»

Keine Diskussion

Gibt es ein Argument des Gegners, das die beiden Wortführer überzeugt? «Non», sagt Röthlisberger. «Non», sagt eine Stunde später Zuber.

Diskutieren sie überhaupt mit dem Gegner? «Ich würde schon mit Herrn Röthlisberger und den Gegnern reden, aber sie wollen ja nicht mit uns debattieren», erklärt Zuber.

«Kann man mit Leuten einen Dialog führen, die einen bei öffentlichen Auftritten nur auspfeifen und ausbuhen?», fragt Röthlisberger. Das sei an den zwei Debatten im letzten Dezember und im April vor einem mehrheitlich separatistischen Publikum so geschehen.

«Deshalb behalten die Berntreuen ihre Meinung lieber für sich, während die Separatisten auf der Strasse laut zu ihrer Haltung stehen», sagt Röthlisberger. Weil er so oft beleidigt worden sei, wolle er sich für diesen Zeitungsartikel auch nicht zusammen mit Zuber fotografieren lassen.

Spirale der Emotionen

Eines verbindet Röthlisberger und Zuber dennoch: ihre Emotionen, die sich noch gegenseitig ­antreiben. «Das wird eine hyperemotionale Abstimmung mit über 90 Prozent Stimmbeteiligung», prophezeit Zuber.

Und beklagt sich, dass die Berner Seite die Angst schüre, Moutier könnte kantonale Institutionen verlieren, insbesondere das Regionalspital mit seinen 600 Jobs. «Der Kanton Bern informiert einfach offen und sachlich über mögliche Folgen eines Kantonsaustritts», erwidert Röthlisberger.

In Moutier scheinen sich zwei geteilte Welten gegenüberzustehen, die sich nicht verstehen. Oder nicht verstehen wollen. Zuber wirkt jung, aktiv und verströmt Aufbruchstimmung. Röthlisberger setzt auf den Status quo und agiert eher defensiv. Aber das sind bloss oberflächliche Zuschreibungen. Im Infight der Argumente haben beide ihre Stärken und Schwächen.

Röthlisberger versteht sich als Romand aus dem Jura und als Berner. Leider habe er nie Deutsch gelernt, weil seine separatistischen Lehrer die Sprache boykottiert hätten, sagt er.

«Ich identifiziere mich mit dem grossen, zweisprachigen und pluralistischen Kanton Bern, der in der Schweiz als Brücke die Deutsch- und Welschschweiz verbindet», bekennt er. Dem kleinen, peripheren Kanton Jura fühle er sich nicht zugehörig.

Wer ist wirklich Jurassier?

Berner und zugleich Jurassier sein, das schliesst sich für Zuber aus. Die Jurassier beschreibt er als grosse Familie mit einer «kollektiven Identität». «Wir Jurassier haben eine eigene frankofone Kultur, einen eigenen Staat – den Kanton Jura – und sind ein Volk», erklärt der studierte Politologe.

Sind denn die Bernjurassier keine Jurassier? «Im Berner Jura, dieser komplizierten Region zwischen dem deutschsprachigen und dem welschen Kulturteil der Schweiz, verstehen sich die einen als Berner, die anderen als Jurassier», differenziert Zuber.

Er spricht gern von Kultur,Zugehörigkeit, kollektivenGefühlen. Entschieden dementiert er aber, dass sein Komitee ethnisch und antideutsch argumentiere. «Wenn schon istdie ausländerfeindliche Berner SVP ethnisch», findet Zuber.

Ethnisch sind für ihn die andern. Es sei eine politische Frage, ob in Moutier die Jurassier oder die Berner die Mehrheit haben. Zuber korrigiert noch gleich «eine Illusion»: «Es gibt im Kanton Bern zwei Sprachen, aber keine gelebte Zweisprachigkeit. Bern ist mehrheitlich deutschsprachig.» Die Jurassier seien eine kulturelle und sprachliche Minderheit, die nicht in den Kanton Bern passe.

Wer schafft mehr Jobs?

«Moutiers Wirtschaft ist jahrzehntelang zu kurz gekommen, weil die separatistische Stadtregierung alle politischen Fragen nach einem falschen Koordinatensystem beurteilt hat: Nord-Süd, pro oder kontra Bern statt links-rechts», beklagt sich Röthlisberger.

Ein Kantonswechsel würde der lokalen Wirtschaft erst recht schaden, ist er überzeugt. Im industriellen Moutier spüre man die Globalisierung und konjunkturelle Krisen schnell. «Umso wichtiger sind die Kantonsstellen. Diese setzt man aber aufs Spiel, denn es gibt keine Garantie des Kantons Jura, dass er in Moutier gleich viele Staatsjobs behält», warnt Röthlisberger.

Damit Moutiers Wirtschaft wachsen könne, brauche es für die vielen kleinen Start-up-Firmen Platz und Land, das im Ort fehle, erklärt er. «Wir engagieren uns deshalb für Moutiers Fusion mit seinen Nachbargemeinden, die noch Landreserven haben. Vor allem die jurassischen Gemeinden aber wollen nichts davon wissen.» Für Röthlisberger ist das ein Beispiel, wie die Jura-Frage die Bündelung wirtschaftlicher Kräfte blockiert.

Zuber sieht alles etwas anders: «Moutier ist nicht Teil des ökonomischen und politischen Netzwerks des Kantons Berns. Unsere Interessen sind konvergent mit denjenigen des Kantons Jura.» Im Kanton Bern werde Moutier immer ein von der Berner Wirtschaftsförderung vernachlässigter Aussenposten sein. Zubers Fazit: Erst im Kanton Jura habe Moutier genug politisches Gewicht, um seine regionalen Anliegen durchzusetzen.

Für Zuber ist der Kanton Jura keine periphere, sondern eine weltoffene Region, die Teil eines aufstrebenden Wirtschaftsraums um den boomenden Dreiländerstandort Basel sei. Mit einem kulturellen Draht bis ins nicht allzu ferne Paris. Belege für Zubers Jura-Hype?

Die Sonceboz SA, der grösste Arbeitgeber im Berner Jura, siedle dank einer Initiative der jurassischen Standortförderung nach Boncourt um. Firmen würden Moutier in Richtung Delsberg verlassen. «Vielleicht ist ja der ökonomisch nicht herausragende Kanton Bern eine periphere Provinz», sagt Zuber maliziös.

Wie viel Geld im Sack bleibt

Am 18. Juni könnte an der Urne ganz profan den Ausschlag geben, welcher Kanton den Leuten von Moutier am Monatsende mehr Geld ins Portemonnaie spült. Geldfragen gehören ins Feld des kühlen Unternehmers und Rechners Patrick Röthlisberger.

Detailliert zerpflückt er die Studie des Lausanner Universitätsinstituts Idheap, das voraussagt, dass die Kaufkraft der Leute bei einem Kantonswechsel um 5 Prozent zunehme: «Liest man die Analyse bis zum Schluss, sieht man, dass Familien mit Kindern nur 1 Prozent mehr haben, Ledige sogar weniger.» Und auch diese Rechnung sehe für viele noch einmal anders aus, wenn Kantonsstellen verschwinden sollten.

Röthlisberger warnt vor unrealistischen Annahmen. Heute erhält Moutier im Jahr 2,5 Millionen Franken aus dem kantonalbernischen Finanzausgleich. «Ob auch der kleinere Kanton Jura so viel zahlen kann, ohne seine Steuern zu erhöhen, weiss noch niemand», gibt Röthlisberger zu bedenken. Zuber bleibt in Sachen Geld cool.

Erstens habe die Uni Lausanne die finanziellen Vorzüge eines Kantonswechsels belegt. Und zweitens sei die Geldfrage sekundär, weil es um eine «Herzensangelegenheit» gehe.

Nach einem Kantonswechsel würde Moutiers Bezug aus dem nationalen Finanzausgleich von heute 29,4 auf 26 Millionen Franken zurückgehen. Die Abhängigkeit auf Kosten der potenten Kantone wäre immer noch hoch. Ist das für die separatistische Seite kein Problem?

Zuber holt jetzt aus zu einer Lektion in nationaler Solidarität. Er beschreibt den vorher hochgelobten Jura nun als spärlich bevölkerte Randregion: «Genau für solch benachteiligte Gegenden ist der nationale Finanzausgleich gedacht, damit sie aufholen können. Aber nicht für einen grossen Kanton mit städtischen Zentren wie Bern.»

Dann setzt er noch eine provokative Spitze auf: «Der Jura leidet bis heute darunter, dass ihn Bern 200 Jahre lang wie ein Armenhaus vernachlässigte.» Bei Zuber ist Bern immer etwas schlechter und der Jura etwas besser als in der Wirklichkeit.

Plan B für eine Versöhnung?

Könnte es am Ende sein, dass die beiden engagiert fechtenden Wortführer bei vielen Leuten von Moutier gar kein Gehör finden, weil diese in der Kantonsfrage unentschieden oder gleichgültig sind? Röthlisberger nimmt die Frage dankbar auf.

«Bei der Jura-Abstimmung vom 24. November 2013 sind über 1000 der 4500 Stimmberechtigten von Moutier der Urne ferngeblieben. Das ist enorm!», sagt er. Wie werden sie entscheiden? «Meist sind diese Leute für den Status quo. Sie müssen nun entscheiden, ob sie sich wirklich in ein ungewisses Abenteuer stürzen wollen.»

«Vorerst schweigen die Unentschiedenen. Sie werden sich wohl aufgrund der finanziellen Aussichten für den Kanton Jura entscheiden», glaubt Zuber.

Wenn die Schlacht vom 18. Juni geschlagen ist, was macht dann das erfolgreiche Komitee mit dem besiegten Gegner? Haben die beiden einen Plan B für eine Versöhnung? «Nach der Abstimmung wird man den sozialen Frieden wiederherstellen müssen», gesteht Zuber.

Er habe da aber ein entspanntes Gefühl, weil die separatistische Kampagne die Gegner ja nicht schlechtgemacht habe. «Wir haben immer dazu aufgerufen, Moutier gemeinsam neu aufzubauen.»

An diese Schalmeienklänge glaubt Röthlisberger nicht: «Wir wissen, dass die Frage bei einem Nein für die Separatisten ungeklärt bleibt», sagt er. Bei einem Ja zum Jura würde er sich über­legen, den Privatwohnsitz in den Berner Jura zu verlegen.

Keine kollektive Vision

Im Zug, auf der Rückfahrt von Moutier nach Bern, kristallisiert sich ein Eindruck heraus: Der junge Zuber ist leidenschaftlicher, raffinierter. Offen gesteht er ein, in seiner Jugend den separatistischen Béliers angehört zu haben.

Er lobt seinen Vater Maxime Zuber für dessen Verdienste, grenzt sich aber clever von ihm ab, um nicht als Fils-à-papa zu gelten: Er gehöre einer neuen, konstruktiveren Generation von Separatisten an als sein Vater. Röthlisberger ist stiller, dafür aber kein Blender. Er überzeugt mit Fakten, Zuber mit Ausstrahlung.

40 Jahre nach der heissen Zeit, in der Moutier ein Hotspot des Jura-Konflikts war, ist die Stimmung zwischen den Lagern in Moutier zwar weniger gehässig, aber immer noch unvereinbar. Ob der Nebel vor Moutiers Zukunft sich aufklart, solange sich dort zwei alternativlos denkenden Lager gegenüberstehen? On verra! (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.06.2017, 10:12 Uhr

Jura-Serie

Am 18. Juni stimmt Moutier darüber ab, ob es weiterhin zum Kanton Bern gehören oder in den Jura wechseln will. Im Vorfeld der Abstimmung beleuchten wir in loser Folge den Jura-Konflikt sowie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation der bernjurassischen Stadt. bz

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