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Der Ganzheitliche

Die Ausstellung «Johannes Itten: Kunst als Leben» im Kunstmuseum Bern untersucht den Berner Künstler in all seinen Facetten. Er war Lehrer, Vegetarier und zeitweise Esoteriker.

«Johannes Itten Selbstbildnis», 1928: Fast wie einen Mönch malte sich der Künstler.
«Johannes Itten Selbstbildnis», 1928: Fast wie einen Mönch malte sich der Künstler.
2019, Pro Litteris, Zürich
«Kinderbild», 1921/1922: Itten liess sich von der Geburt seines Sohnes inspirieren.
«Kinderbild», 1921/1922: Itten liess sich von der Geburt seines Sohnes inspirieren.
2019, Pro Litteris, Zürich
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Er blickt ernst hinter seiner Brille hervor. Der Kragen seines Gewandes erinnert an eine Mönchskutte. So malte sich Johannes Itten in seinem Selbstbildnis von 1928. Der Sohn eines Lehrers und Bergbauern kam 1888 im Berner Oberland zur Welt und verstarb 1967 in Zürich. Nun widmet das Kunstmuseum Bern dem bedeutenden Schweizer Maler und Kunsttheoretiker mit «Johannes Itten: Kunst als Leben. Bauhausutopien und Dokumente der Wirklichkeit» anlässlich des Bauhaus-Jubiläumsjahrs eine umfangreiche Schau.

Diese will Einblick in Leben und Werk geben – beides war bei Itten eng miteinander verschränkt – und setzt dabei auch auf die Präsentation von Tage- und Skizzenbüchern. Das Kuratorenteam, bestehend aus Direktorin Nina Zimmer und Kunsthistoriker Christoph Wagner, gab an der gestrigen Medienkonferenz zu: «Diese Ausstellung braucht Kommentar.» So würde man ohne Saalblätter kaum Zugang zu Ittens komplexen Gedanken bekommen. Gleichzeitig ergibt diese theoretische Auseinandersetzung durchaus Sinn, da Itten eben weit mehr als ein Maler war.

Klee fand das «Hokuspokus»

Man folgt in der Ausstellung den Wirkungsorten des Meisters. In Stuttgart in den Jahren 1913 bis 1916 zerlegte er bereits die Bildfläche in Form- und Farbflächen, blieb dabei aber noch figurativ. Im darauffolgenden Raum erlebt man schliesslich die «Sternstunde von Ittens Durchbruch in die Abstraktion», wie Kurator Wagner es ausdrückt. Das ebenso geheimnisvolle wie in sich schlüssige Bild «Begegnung» (1916) zeugt von Ittens innovativem Umgang mit Farbe und seinem Wunsch, das Materielle hinter sich zu lassen. Der Schüler des Farbtheoretikers Adolf Hölzel stützte sich auf die Farbenkugel von Philipp Otto Runge (1777–1810), der zeitgleich mit Goethe nach einem Farbkonzept suchte.

In seiner Forschung war Itten auch gegenüber esoterischen Strömungen offen. So war er zeitweise Anhänger der obskuren Mazdaznan-Lehre. Als Lehrer am Bauhaus setzte er auf einen ganzheitlich ausgerichteten Unterricht, der auch Meditationsübungen beinhaltete. So drückte er seinen Lernenden schon mal eine Distel in die Hand, damit sie Schmerzen erfahren konnten.

«Kunst muss man erleben», lautete sein Credo. In den nun erstmals in diesem Umfang gezeigten Tagebüchern sieht man, wie Itten sich die Aura der Menschen vorstellte und Menschen in Blaue (Spirituelle), Rote (Materielle) und Gelbe (Intellektuelle) einteilte. Auch die später in den USA kommerzialisierte «Colour Me Beautiful»-Bewegung geht auf Ittens auf den vier Jahreszeiten basierende Farbentypenlehre zurück.

Ittens Weggefährte Paul Klee empfand den Hang des Kollegen zum Spirituellen zeitweise als «Hokuspokus». Dass beide sich intensiv mit Farbe beschäftigten, belegte die Ausstellung «Itten - Klee. Kosmos Farbe», die 2012 im Kunstmuseum gezeigt wurde.

Der neue Mensch

Prunkstück der aktuellen Schau ist das «Kinderbild» (1921/1922), eine Leihgabe vom Kunsthaus Zürich. Es entstand anlässlich der Geburt von Ittens erstem Sohn. Nicht abstrakt, sondern eher in altmeisterlicher Manier malte Itten ein erhaben wirkendes Kind auf goldenem Grund vor einem Lebensbaum. Viele Elemente verraten, womit sich der Maler gerade beschäftigte: Zu erkennen sind eine Farbkugel, ein Lebensschiff und ein magischer Würfel.

Das Gemälde kann auch als Entwurf für ein neues Menschenbild gelesen werden. In Blättern, die in Vitrinen ausgestellt sind, erhält man Einblick in Vorträge Ittens. Es sind aus heutiger Sicht teils hochproblematische Ideen. So folgte Itten jenen Lehren, die von einer höheren Entwicklung der weissen Rasse ausgingen.

Itten war Kindseiner Zeit undRevolutionär zugleich.

«Auch dieses Kapitel soll auf den Tisch gelegt werden», findet Kurator Wagner. Itten war Kind seiner Zeit und Revolutionär zugleich. Nina Zimmer verweist auf die heutige Selbstoptimierungsgesellschaft, die sich mit Dingen beschäftigt, die zu Ittens Zeit noch avantgardistisch waren: vegetarische Ernährung, körperliche Betätigung, Spiritualität – alles hochaktuell.

Ausstellung: bis zum 2.2.2020, Kunstmuseum Bern.

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