Der ganz gewöhnliche Theaterwahnsinn

Bern

Ein neues Foyer, ganz viel Technik und eine Überdosis Lösungsmittel – bei der Führung durch die Stadttheater-Baustelle fragen wir uns: Schaffen die das wirklich rechtzeitig?

Freundliches Foyer: Neue Türen, neuer Tresen, neue Farbe, neues Licht.

Freundliches Foyer: Neue Türen, neuer Tresen, neue Farbe, neues Licht.

(Bild: Keystone)

Michael Feller@mikefelloni

Irgendwo trällert ein Tenor, entfernt kreist eine Säge. Zur Theaterbaustellen-Sinfonie gesellt sich der Duft von Lösungsmitteln. Die Sinne schnappen nach Luft. Doch nüchtern betrachtet zeigt sich: Das wird was im Stadttheater.

Am Dienstag hat die Stadt über die zweite Umbauetappe informiert, die in wenigen Tagen abgeschlossen wird. Nach ersten eher diskreten Arbeiten im letzten Jahr wird das Publikum ab Oktober sein Stadttheater merklich aufgehübscht zu Gesicht bekommen.

Konferenz der Zuversicht

Stadtpräsident Alex Tschäppät eröffnete eine Pressekonferenz der Zuversicht: «Wir werden fertig und bleiben im Budgetrahmen – und unterscheiden uns darin von anderen Städten.» Augenzwinkernd stellte er damit klar, dass Bern ein Debakel wie Hamburg mit der Elbphilharmonie erspart bleibe.

Ein Kompliment ging an die Flexibilität von Konzert Theater Bern (KTB) während des Umbaus: «Das Theatervolk ist ein eigenes Volk – mit einer unglaublichen Motivation.» Dann entschwand er in Richtung Bundeshaus, wo nationalrätliche Pflichten warteten.

Stadtbaumeister Thomas Pfluger schlug schwärmerische Töne an und berichtete nebst «hohem Glanzgrad der Oberflächen» auch von der guten Stimmung auf der Baustelle. «Wenn man jahrein, jahraus immer nur Bürogebäude streicht und gipst, verzaubert die Stimmung eines Theaters auch Handwerker.»

Ganz so aufgeräumt wie Pflugers Stimmung war das Theater noch nicht. Das zeigte sich auf dem anschliessenden Rundgang von Bauleiterin Irene Christeler.

Steinlieferant im Verzug

Die Böden sind abgedeckt, Kabelstücke liegen auf einem Haufen, Handwerker eilen durch die vielen Gänge unter dem Theaterhaus. Im Foyer wartet eine nackte Wand auf ihren edlen Mantel – der französische Steinlieferant hat sich verspätet. Dort, wo früher das mittlere Treppchen zur Theaterebene war, entsteht der neue Ticketschalter. In der alten Kornhauspost, wo bis anhin Tickets verkauft wurden, wird nächstes Jahr ein Theatercafé eingerichtet.

Die Eingangshalle ist der Ort der grössten sichtbaren Veränderungen der zweiten Umbauetappe. Zu den alten Holztoren gesellen sich neue Glastüren, die im Winter die Kälte in Schach halten sollen. Wärme sollen auch die LED-Lämpchen der neuen Beleuchtung spenden.

Ein Durchbruch im engeren Wortsinn hat sich im dritten Obergeschoss ereignet, wo Wände zugunsten eines neuen Foyers weggebaggert wurden. Es dient der Wertsteigerung des dritten Ranges wie auch der Mansarde. «Vorher war das ja wie Bulgarien in den 50er-Jahren», murmelt KTB-Kommunikationschef Jens Breder, der sich den fachkundigen Rundgang auch nicht entgehen lassen will.

Die kompliziertesten Arbeiten sind aber weniger gut sichtbar und finden im Hinter- und Untergrund statt. Aus den Schaltkästen unter dem Saal blinkt uns die Theatertechnik entgegen, Arbeiter schrauben und testen. Nachdem wir durch ein Labyrinth von Gängen mit unzähligen neuen Leitungen und Schläuchen geschleust worden sind, gehts hoch.

Plötzlich stehen wir acht Meter über der Bühne auf einem schmalen Balkon. Mithilfe tonnenschwerer Ziegeltürme prüfen unter uns deutsche Techniker die Tragfähigkeit der Bühne.

Erste Premiere am 24. Oktober

Noch wird mit Hochdruck gehämmert und gepinselt. Schaffen die das bis zum 24. Oktober? Alles muss funktionieren, wenn Theaterdirektor Stephan Märki zur Premiere seiner Inszenierung der Oper «Lohengrin» lädt. Bereits am 30. September beginnen die Proben. Der Endspurt ist eingeläutet.

Und dann heisst es: Nach der Umbauetappe ist vor der Umbauetappe. Im März 2016 startet die Phase «gelb und blau», die längste des vierjährigen 43-Millionen-Projekts. Nach zweimaliger Verlängerung des Theaterumbaus und viel Ärger für Konzert Theater Bern herrscht jetzt eitel Sonnenschein.

Die Stadt will demnächst gar neue Sponsoren bekannt geben. Auch der gordische Knoten Kubus ist gelöst. Dem Provisorium auf dem Waisenhausplatz für die lange Etappe 2016 steht nichts mehr im Wege.

Jetzt, wo es auf der Baustelle rund läuft : Fühlt sich der Theaterdirektor plötzlich tiefenentspannt? Stephan Märki, traditionell nicht frei von Sorgenfalten, winkt ab und zählt weitere Baustellen auf, die ihn in Trab halten:

Das Theatercafé in der alten Kornhauspost, der geplante Kultur-Casino-Umbau und die damit verbundene Suche nach einer Ersatzspielstätte für das Symphonieorchester – «und dazu kommt der ganz gewöhnliche Theaterwahnsinn.»

Berner Zeitung

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