Der fehlende Torpfosten und das Tänzchen auf dem Autodach

Die YB-Meisterfeier bestand aus zahllosen Festen in der ganzen Stadt. Bei allem Übermut blieb es fröhlich und friedlich.

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Christoph Hämmann

Es hätte ja auch kalt sein können, die ganze Nacht giessen wie aus Kübeln. Doch dies hätte nicht zu diesem historischen Apriltag gepasst, an dem alles so dramatisch, so kitschig aufging. Und so war es eben eine angenehm warme Frühlingsnacht, in der die halbe Stadt wegen YB auf den Beinen war und feierte, trank und sang.

Anders als der Umzug zum Saisonende, der einen klaren Rahmen haben wird, bestand die samstägliche Freinacht aus vielen einzelnen Feiern: In den Strassen und auf den Plätzen, vor Bars und Beizen und bestimmt auch in Gärten und Wohn­stuben in der ganzen Region – alle mit einer gemein­samen, gelb-schwarzen Klammer. Überall hatte es übermütige, euphorische, fröhliche Menschen, fast mehr noch als vom eigentlichen Ereignis – «Meischter, Schwiizer Meischter!» – überwältigt von der unglaublichen Dramaturgie des Spiels. Dabei blieb die Stimmung offenbar überall entspannt, laut Kantonspolizei Bern gab es «keine grösseren Zwischenfälle».

Die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer im Stadion verweilten dort weit über den Schlusspfiff hinaus und warteten, bis sich endlich alle Spieler und Mitglieder des Staffs einzeln bejubeln liessen. Viele feierten im Flutlicht auf dem Kunstrasen, der sich innert Sekunden mit Fans gefüllt hatte. Es wurden Fahnen geschwenkt, dicke Zigarren geraucht, Leute umarmten sich, immer wieder kniete jemand ergriffen hin und versuchte, sein Glück zu fassen. Im «Family Corner» stand plötzlich ein Bierzelt am Spielfeldrand, am anderen Ende des Felds war das Tornetz rasch zerschnitten und das Tor schliesslich zerlegt.

Ein Torpfosten kam später vor der Barbière am Breitenrainplatz zum Einsatz, wo jedes Auto gestoppt und ausführlichen Fan­ritualen unterzogen wurde, bevor es weiterfahren konnte. Die Insassen, meistens selber im YB-Leibchen, trugen es mit Fassung, wenn sie sich nicht gleich noch selber irgendeinen Schabernack ausdachten. Als YB-Spieler Jordan Lotomba angehalten wurde, stieg er für ein Tänzchen kurzerhand aufs Dach seines gesponsorten Wagens.

In der Innenstadt herrschte auch um 3 Uhr morgens noch ein grosser Trubel, sei es auf dem Kornhausplatz, an der «Front» auf dem Bärenplatz, in der Aarber­gergasse oder beim Progr, dessen Turnhalle während des Public Viewing proppenvoll gewesen war. Die Kramgasse leuchtete rot, als die Ultras vom Stadion anmarschiert kamen.

Alle, die das Spiel gesehen haben und sich davon haben be­rühren lassen, werden es bis an ihr Lebensende wissen: Wo warst du, am 28. 4. 2018, als YB Meister wurde?

Berner Zeitung

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