Der Emmentaler, der mit seinen Bienen auszog

Aeschau/Bern

Gras- statt blühende Magerwiesen: Weil es den Bienen auf dem Land oft an Nahrung fehlt, zügelt der Hobbyimker Michael Stämpfli seine Bienen vom Emmental nach Bern.

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Jacqueline Graber

Feierabend. Michael Stämpfli schliesst die Bürotüre hinter sich ab und geht in die Tiefgarage. Doch statt sich ins Auto zu setzen, öffnet er den Kofferraum des Fahrzeugs. Er nimmt eine Jacke und einen Imkerschleier heraus. Denn der Bauingenieur aus Aeschau hat seit drei Wochen hinter dem Gebäude seines Arbeitgebers – der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) – in Bern vier mobile Bienenstöcke stehen.

Diese hat er von seinem fixen Emmentaler Standplatz hergebracht. «Bienen gewöhnen sich innerhalb einer Stunde an die neuen Örtlichkeiten.» Michael Stämpfli ist Mitglied beim Bienenzüchterverein Oberemmental, welcher heuer sein 125-jähriges Bestehen feiert.

Kein einziger Bienenstich

«Ein Volk besteht aus 30'000 bis 40'000 Tieren», sagt der Bauingenieur, der bereits 2014 vier Stöcke mit insgesamt 160'000 Bienen in einem Innenhof der BVE aufgestellt hatte. Anfänglich sei bei den Mitarbeitern eine gewisse Skepsis gegenüber den ausfliegenden Bienen spürbar gewesen, räumt der Hobbyimker ein. Aber die habe sich schnell gelegt, und die Angestellten hätten sogar angefangen, die Tiere zu beobachten.

Im letzten Jahr liess Stämpfli die Bienenstöcke rund sechs Wochen in der BVE, während dieser Zeit wurde kein einziger Mitarbeiter von einer Biene gestochen, so das positive Fazit. Weniger gut fiel der Honigertrag aus: 21 Kilo Honig konnte der Imker schleudern. «Die geringe Menge war auf die schlechten Witterungsverhältnisse zurückzuführen.» Dennoch reichte es aus, allen Mitarbeitern ein Honig-Züpfe-Znüni zu spendieren. Der Stadthonig sei hoch aromatisch und habe eine leicht säuerliche Note, beschreibt er den Brotaufstrich.

Täglich schaut Stämpfli zu seinen Bienen. Als Erstes beobachtet er den Flugbetrieb und schaut, wie viele tote Bienen vor dem Stock liegen. «Hat es viele, könnte das auf eine Krankheit oder eine Vergiftung hinweisen.»

100 Bienenstöcke in der Stadt

Stämpfli ist nicht der einzige Imker, der Stadtbienen hält. Auf dem Gebiet der Stadt Bern sind gemäss Geoportal des Kantons Bern derzeit 100 Bienenstandorte registriert. Der Grund, wieso Stämpfli seine Bienen nach Bern zügelt, liegt im Nahrungsangebot: «In der Stadt finden die Bienen mehr blühende Pflanzen als auf dem Land. Denn in ländlichen Gebieten hat es oft Graswiesen, die blühenden Magerwiesen sind Mangelware», sagt Stämpfli und fügt schmunzelnd hinzu: «Bienen sind halt keine Kühe.»

Die Nahrungsmittelproduktion auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen sei in den letzten Jahren markant zum Nachteil der Bienen intensiviert worden, sagt Stämpfli. Private Gartenbesitzer und die verantwortlichen Behörden in den Städten hätten jedoch mit einer nachhaltigen Gestaltung der Grünflächen, Gärten, Hecken und Wälder massgebend zur Erhaltung der Biodiversität beigetragen.

Dazu zählt auch die Magerwiese vor der BVE. Bis ungefähr Mitte Juni, wenn die Matte erstmals gemäht wird, bleiben die Bienen noch hier. Danach kommen sie entweder an einen anderen Standplatz um Bern oder, falls die Waldtracht so richtig beginnt, zurück ins Emmental.

Berner Zeitung

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