Der diskrete Charme des Burger-Historikers von Werdt

Der Historiker Christophe von Werdt steht für die Öffnung, welche die Burgergemeinde Bern in den letzten Jahren erfahren hat. Selber will das der zurückhaltende Bernburger aber nicht so sehen.

Ein PDA-Poster im Burgerspital: Bernburger Christophe von Werdt findet es «witzig und doppeldeutig».

Ein PDA-Poster im Burgerspital: Bernburger Christophe von Werdt findet es «witzig und doppeldeutig».

(Bild: Beat Mathys)

Christoph Hämmann

Für das Foto setzt sich Christophe von Werdt im Burgerspital vor ein Plakat der Partei der Arbeit (PDA). Mit dem Slogan «Könige enteignen» zielte diese vor einigen Jahren auf die Burgergemeinde Bern – und landete damit im Haus der Burger, wo sonst vornehmlich Ölgemälde deren Vorfahren an den Wänden hängen.

Von Werdt, Exekutivmitglied der Burgergemeinde Bern, hatte das Plakat beim PDA-Sekretär besorgt, bearbeiten lassen und dafür gesorgt, dass es nun im sanierten Burgerspital am Bahnhof hängt. «Ich fands ein witziges und doppeldeutiges Plakat», sagt von Werdt. «Und dass es hier hängt, zeigt, dass sich die Burgergemeinde damit auseinandersetzt, was an sie herangetragen wird.»

Ist die Geschichte ein Beleg mehr dafür, dass von Werdt die treibende Kraft hinter der Öffnung der Burgergemeinde in den letzten Jahren ist – einer Charmeoffensive, die in der 864-seitigen Publikation «Von Bernern und Burgern» gipfelte, die letzte Woche veröffentlicht wurde und bei der von Werdt den wissenschaftlichen Beirat leitete? «Nein», sagt der 46-jährige Historiker und sagt es danach immer wieder. «Nein, es wäre völlig falsch, wenn Entwicklungen in der Burgergemeinde auf eine Person fokussiert würden.»

Protest nach Burgerart

Die letzten Monate verzerrten das Bild, betont von Werdt. Mit dem Multimediakubus, den die Burger erst an die BEA und dann auf den Bundesplatz stellten, habe er halt an einem öffentlichkeitswirksamen Projekt mitgewirkt – während andere Burgerinnen und Burger beispielsweise unzählige Stunden in Bausitzungen für das Generationenhaus investierten. «Auch der Kubus war Teamwork», fügt von Werdt sofort hinzu. «In der Burgergemeinde, den Zünften und unseren weiteren Institutionen engagieren sich rund 200 Personen, ehrenamtlich oder gegen eine symbolische Entschädigung.»

Den diskreten Charme der Burger hat von Werdt, wohnhaft im Schloss Holligen, schon mit der Muttermilch aufgesogen. Mit 27 Lenzen wurde er an die Schweizerische Osteuropabibliothek berufen und leitete diese 15 Jahre lang. Seit bald 10 Jahren ist er an einem Unternehmen beteiligt, das Archivierungslösungen anbietet. Osteuropa-Historiker wurde er als Folge «einer Art Protestaktion»: Weil ihm der Vater verbot, nach Latein und Altgriechisch mit Hebräisch eine dritte alte Sprache zu lernen, nahm er als Gymnasiast noch Russisch. «Das öffnete die Tür zu osteuropäischer Geschichte.»

Mehr als konservativ

Doch eben: Lieber als über sich spricht von Werdt über «die erste umfassende Geschichte der Burgergemeinde ab dem späten 18.Jahrhundert», die letzte Woche erschien. Von Werdt, den man – bestimmt zu dessen Ärger – als Burger-Hofhistoriker bezeichnen könnte, erfuhr darin Dinge, die auch er noch nicht gewusst hatte. «Eine neue und spannende Erkenntnis ist, wie wichtig die neu Eingeburgerten waren, die sich aktiv in die Gemeinde einbringen wollten.» Dass die Burgergemeinde nicht nur als konservative Kraft agierte, sondern oft «innovativ und modern, etwa bei den Konzepten des Waisenhauses oder von Museen», sei in dieser Klarheit ebenfalls neu.

Und schliesslich machte von Werdt bei der Lektüre noch die «Entdeckung», dass die Burgergemeinde im Kern auf die beiden alten Allmendgemeinden in der Stadt Bern zurückgehe. «Mindestens so fest wie im Ancien Régime wurzelt die Burgergemeinde deshalb in einem vormodernen Genossenschaftsgedanken.» Dieses «sozial-genossenschaftliche Prinzip» funktioniere bis heute, so von Werdt: «Die Einkünfte aus einem gemeinsamen Eigentum werden an die Öffentlichkeit ausgeschüttet.»

Die Kirche bleibt im Dorf

Ist von Werdt etwa gar ein verkappter Linker, der im Burgerepizentrum seine zersetzende Wirkung entfaltet? Nein, auf keinen Fall. Eine Erbschaftssteuer, wie sie derzeit gefordert und mitunter als urliberales Anliegen propagiert wird? «Sie schadet in ihrer Undifferenziertheit vor allem den KMU. Wer etwas erarbeitet hat, soll es auch weitergeben können.» Die Wohninitiative, die letztes Jahr in der Stadt Bern angenommen wurde? «So liberal bin ich, dass ich es gescheiter fände, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen.»

1:12? «Die paar wenigen, die davon betroffen wären, sind keine Unternehmer», übt von Werdt indirekt Kritik an jener Managerkaste, die jegliches Mass verloren hat. Aber trotzdem: «Wir bewegen uns in einem globalen Rahmen, da muss man sich ein Stück weit fügen.»

Ob und allenfalls wie stark von Werdt also die Öffnung der Burgergemeinde verkörpert: Die Kirche bleibt im Dorf, das PDA-Bild im Haus der Burger eine neckische Spielerei. So, wie die Burgergemeinde in vieler Augen weiterhin für eine wertkonservative Elite steht, so würde Alt-PDA-Stadtrat Rolf Zbinden wohl wiederholen, was er vor 6 Jahren sagte: «Es spottet jeder Demokratie, wenn nur die Nachkommen der Gnädigen Herren von Bern entscheiden können, welche Museen und Veranstaltungen mit den Erträgen aus dem Vermögen gefördert werden sollen.» Die Burgergemeinde bestehe nur zu kleinsten Teilen aus Nachkommen der Gnädigen Herren, pariert von Werdt.

Die Kantonsverfassung garantiere den Status der Burgergemeinden – was im Umkehrschluss bedeute, dass bei einer Verfassungsreform grundsätzlich an diesem Status gekratzt werden kann. Doch ausser jenen am linken Rand will dies derzeit niemand. Von Werdt weiss, was zu tun ist, damit dies so bleibt: «Wir müssen unsere Sache so gut machen, dass uns die Mehrheit nicht abschaffen will.»

In der Vortragsreihe der Autoren der neuen Burgergeschichte referiert Birgit Stalder am Mittwoch, 13.Mai, ab 19 Uhr in der Gesellschaft zu Pfister, Kramgasse 9, zum Thema «Burger werden, Burger sein».

Berner Zeitung

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