Der Bierkönig vom Bärengraben

Tramdepot Thomas Baumann hat sich in der Stadt Bern ein kleines Imperium aufgebaut. Er ist Hotelier, Brauereibesitzer und Beizer. Und er geschäftet auch mit Wein.

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Claudia Salzmann@C_L_A

«Es war Chaos», sagt Thomas Baumann über den ersten Tag der Gasthofbrauerei Altes Tramdepot beim Berner Bärengraben. Es war der 17. November 1998. «Viele sagten mir, das werde nicht funktionieren. Niemand werde kommen, das Lokal sei zu weit weg.» Doch alle kamen. 17 Leute hatte er eingestellt, wenige Tage später waren es 50. Es funktionierte. Und funktioniert bis heute.

Die fünf installierten Bahnhofsuhren im Alten Tramdepot zeigen 11 Uhr. An der langen Bar wird gerade das Personal für die Handhabe des neuen Kassensystem gebrieft. Erhöht hinter der Bar hantieren die Brauer. Braumeister ist Christian Stoiber, der vor 20 Jahren hier anfing. In der Küche steht Kurt Uhlenbruch, auch 20 Jahre hier am Herd. Auch der Geschäftsführer Marco Maeder ist zwei Jahrzehnte dabei. Woher kommt diese Konstanz? «Thomas lässt uns hier kreativ Bier brauen», sagt der Braumeister Stoiber, «ich komme aus der Industrie, genau das will ich.»

Über eine Treppe steigen wir in die Büros, wo auch Baumann sich täglich aufhält. Als Gründer könnte er doch zurücklehnen und weniger arbeiten. Doch zu Hause bleiben ist keine Option. «Angestellte haben keinen Respekt vor einem, der nur noch Golf spielt. Und mir wäre es langweilig», sagt Baumann, «mich treibt die Neugier an, ich brauche immer etwas Neues.» Das habe er von den Eltern, die auch Unternehmer gewesen sind, sein Bruder übernahm das Stoffgeschäft Création Baumann in Langenthal. Die Nähe zur Gastronomie wurde ihm von der vorherigen Generation vererbt, seine Grosseltern führten ein Caffè in Italien.

Zu Gast in der ersten Gasthausbrauerei von Bern. Video: Claudia Salzmann

Eis im Winter

Im Alten Tramdepot werden pro Jahr 36 verschiedene Biere gebraut, in den 20 Jahren gegen 200 Sorten. Beispielsweise das Münsterbier, das – analog dem Kölsch – alle in der Stadt ausschenken durften, die Blick auf das Münster haben. «Am besten lief das Erotica», sagt Baumann und grinst schelmisch. Ein grünes Bier sei das gewesen, bekannt geworden durch einenRadiobeitrag. Es hiess, das Bier wirke aphrodisierend, und die Männer seien danach schnell nach Hause gegangen. «Auf der zweiten Produktion ein Jahr später blieben wir sitzen.»

In den zwei Dekaden habe es so manchen Flop gegeben: Ein Oktoberfest, das viel gekostet habe, aber keiner sei gekommen. Ein Crêpestand im Garten, an dem niemand etwas kaufte. Auch das Hotel Zollhäuschen vorne an der Brücke sei im Winter nicht ausgelastet gewesen. «Die Eiswerkstatt läuft im Winter noch unter den Erwartungen, aber da poche ich darauf und lasse sie offen. Mein Ziel ist, dass Berner in ein paar Jahren auch im Winter Glace essen», sagt Baumann. In den Worten liegt Motivation, aber auch ein wenig Trotz.

Die Zeiger der Bahnhofsuhren stehen nun auf 11.30 Uhr. Einer der Brauer fordert den Braumeister Christian Stoiber auf, ein mitgebrachtes Bier zu trinken. Der winkt ab: «Ich muss heute noch Mathe mit meinem Sohn machen.» Einen halben Liter müsse ein Brauer beruflich pro Woche trinken, der Rest sei freiwillig. Auch Baumann bleibt zum Anstossen, fürs Foto und beim Mittagessen beim selben Bier. «Es kann gefährlich sein um den Alkohol rum. Aber mit der Zeit weiss man, wie viel es verträgt», sagt Baumann. Stabilität hat Baumann auch daheim bei der Familie, mit der er in Gehdistanz in Richtung Rosengarten wohnt. Seine Frau Sabine arbeitet selbstständig und ist fürs Design des Tramdepots zuständig. Die drei Söhne sind noch in Ausbildung, Baumann ist gespannt, wer Interesse bei der Nachfolge der Brauerei zeigen wird. Abends isst die Familie früh und immer gemeinsam. «Das ist uns heilig.»

Das Alte Tramdepot war die erste Gasthausbrauerei in der Stadt Bern. In grosse Schwierigkeiten sei er nie geraten, erzählt der charismatische 55-Jährige. Schlaflose Nächte gab es hingegen schon: Allein im Gastbrauhaus sind mittlerweile 115 Leute angestellt, mit den Jahren sind ein Weincafé mit weiteren 15 Mitarbeitenden und die Eisdiele mit 3 Angestellten dazugekommen. Hat er hier ein Monopol inne? «Ein kleines Monopol kann man es vielleicht nennen», sagt er. Ist es ein Selbstläufer? «Das ist es hingegen nicht, man muss immer wieder etwas ändern und ausprobieren», ist Baumann überzeugt.

Gin im Ausgang

Inspiriert wurde Baumann in Wien, wo er nach dem Studium als Ingenieur arbeitete. «Dreimal wöchentlich war ich im Siebensternbräu. Ich war allein in der Stadt und wollte Leute kennen lernen», sagt er. Die grosse Bar, das sichtbare Brauen und die langen Tische taten es ihm an. Seine Vision fürs Tramdepot sei wahr geworden, sagt er: «Ich habe mir immer einen Tisch mit vier Personen vorgestellt, eine jung, eine alt, eine links, eine rechts denkend. Unterschied­­liche Leute, die bei einem Glas Bier diskutieren.»

12 Uhr, die 220-plätzige Halle füllt sich. Draussen herrschen prächtige Temperaturen, sodass auch die Terrasse voll ist. Am ­­Wochenende wurden bereits 1000 Hektoliter Bier verkauft. Der letzte Sommer sei zu heiss gewesen, sagt Baumann, bis ungefähr 27 Grad verkaufe sich Bier, danach seien die Berner an und in der Aare. Ohne sein Bier.

Aus dem Brauhaus schafft es der Geschäftsmann doch auch ab und zu, in der Freizeit spielt er Squash mit einem – natürlich – langjährigen Freund. Oder Golf auf dem Blumisberg. Im Winter fährt er Ski. Weil er abends früh isst, gebe es zum Feierabend nur ein kurzes Bier an der Bar. Ins Apéro geht er selten, dafür umso mehr nächtens in die Bars in der unteren Altstadt. Allerdings bestellt er dann selten Bier, sondern Gin Tonic. «Bei Gin habe ich einiges auszuprobieren.»

Berner Zeitung

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