Bern

Der Berner Bahnhof ist für Rollstuhlfahrer voller Hindernisse

Bern2024 muss der ÖV für Menschen mit Behinderung autonom zugänglich sein. Dies fordert das Gesetz. Am Bahnhof Bern werden die SBB das Gesetz kaum fristgerecht erfüllen können. Für Rollstuhlfahrer gleicht der Bahnhof heute einem Hindernisparcours.

Mit Herbert Bichsel unterwegs im Bahnhof Bern.
Video: Florine Schönmann

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Heute nehmen wir den Zug. Nichts leichter als das; zumindest für Fussgänger. Im Rollstuhl hingegen ist die Nutzung des Bahnhofs Bern mit einigen Hindernissen verbunden. «Der Bahnhof Bern ist alt und für Menschen mit Behinderung eher schlecht zugänglich», sagt Herbert Bichsel. Der 49-Jährige sitzt seit 18 Jahren im Rollstuhl.

Er arbeitet als Geschäftsleiter der Behindertenkonferenz Stadt und Region Bern (BRB). In dieser Funktion setzt er sich für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen ein. Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) verlangt unter anderem, dass Menschen mit Behinderungen den ÖV ab 2024 lückenlos und autonom benutzen können.

Herbert Bichsel befindet sich beim Haupteingang des Bahnhofs und macht sich auf den Weg zu den Gleisen. Den Lift erreicht er problemlos. Dort aber stellt man fest: Das Zuggerät seines Rollstuhls hat keinen Platz im Lift. «Wer nicht ortskundig ist, kommt hier zuerst nicht weiter», sagt Bichsel. Als Ortskundiger weiss er, dass einzig der hintere Lift – bei Migros und McClean-Toiletten – auch für Rollstühle mit Zuggeräten nutzbar ist. «Aber eine entsprechende Signalisation fehlt.»

Steile Rampen

Unten angekommen müssen sich Rollstuhlfahrer gut überlegen, ob sie die Toilette benutzen wollen oder nicht. Denn: «Wenn man die Rampe einmal heruntergefahren ist, ist es für viele Handrollstuhlfahrer nicht mehr möglich, zur Toilette zurückzukehren». Dazu ist die Rampe zu steil.

Noch steiler wird dann der Aufstieg zu den Gleisen. Selbst für Rollstuhlfahrer mit starken Oberarmen ist die Rampe zum Perron – mit einer Steigung von 12 Prozent – eine sportliche Her­ausforderung. «Die meisten Rollstuhlfahrer haben hier ohne Motor keine Chance», sagt Bichsel. Und die anderen brauchen nach dem schweisstreibenden Weg nach oben ein neues Hemd.

Jedoch: Beim Aufstieg bieten gleich mehrere Passanten ihre Hilfe an. Auch ohne Zuggerät wäre Herbert Bichsel also oben angekommen. «Das ist zwar richtig, allerdings sieht des BehiG einen autonomen, also selbstständigen Zugang vor.» Ausserdem gibt es keine Garantie dafür, dass man zu jeder Zeit hilfsbereite Mitmenschen antrifft.

Tiefe Perrons

Ein Einwand: Wozu sich über die Rampe zum Perron quälen, wo man doch via Welle – den westlichen Zugang zum Bahnhof – bequem den Lift nutzen kann? «Die Welle ist mit dem Rollstuhl autonom nur schwer zu erreichen.» Dazu sei die Schanzenstrasse neben der Welle zu steil und Behindertenparkplätze seien nicht vorhanden, sagt Herbert Bichsel. Die gesamte Wegkette muss hindernisfrei sein, damit Menschen im Rollstuhl den Bahnhof autonom nutzen können. Vom Zugang zum Bahnhof bis zum Zug. «Das ist beim Weg via Welle nicht gewährleistet.»

In den westlichen Bereichen sind die Perrons leicht erhöht. In manche Züge – Doppelstöcker von SBB oder BLS – ist dort ein autonomer Zugang möglich, wie Herbert Bichsel sagt. Bei anderen – ICE oder Eurocitys – werden Rollstuhlfahrer mit speziellen Hebebühnen, die auf den Perrons bereitstehen, in die Züge eingeladen. «Das hat mit einem autonomen Zugang eigentlich nichts zu tun.»

Besserung mit ZBB

Fazit: Die Baunormen für das Prädikat «hindernisfrei» erfüllt der Bahnhof zwar, doch: «Der ­Zugang zu den Gleisen und Zügen ist nicht gewährleistet», sagt ­Herbert Bichsel. Die Perrons sind zu tief, Menschen mit Behinderungen sind meist auf Hilfe angewiesen.

Die SBB haben zwar grosse Anstrengungen unternommen, um das BehiG dereinst fristgerecht zu erfüllen, lobt Bichsel. «Doch es wird bei weitem nicht reichen. Die Situation im Hauptbahnhof Bern wird sich erst nach dem geplanten Umbau merklich verbessern.» Gemeint ist das Projekt Zukunft Bahnhof Bern (ZBB).

Die aktuelle Planung sieht vor, dass im ersten Ausbauschritt bis 2025 ein neuer RBS-Bahnhof und eine neue Unterführung erstellt werden. Ganz abgeschlossen werden die Arbeiten gemäss SBB aber erst 2035. «Das ist die Chance, den Bahnhof Bern für die Zukunft hindernisfrei zu machen», sagt Bichsel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.09.2016, 06:43 Uhr

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