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Der Arzt, dem die Frauen vertrauten

Ein 57-jähriger Schweizer Chirurg soll mehrere Frauen betrogen haben. Er muss sich wegen gewerbsmässigem Betrug und Veruntreuung vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verantworten. Die gesamte Deliktsumme liegt bei über 400'000 Franken.

Ralph Heiniger
Ein Arzt soll mehrere Frauen um mehr als 400'000 Franken betrogen haben. (Symbolbild)
Ein Arzt soll mehrere Frauen um mehr als 400'000 Franken betrogen haben. (Symbolbild)

Der Beschuldigte ist ein Bild von einem Mann. Südländischer Typ, gross, schlank, dunkle Haare, dunkle Augen. Der 57-Jährige ist von Beruf Chirurg. Am Dienstag, vor Gericht, trug er seinen Anzug so elegant, als wäre er damit zur Welt gekommen. Selbst auf der sprichwörtlichen Anklagebank wirkte er so souverän, als würde der Gerichtssaal ihm gehören.

Doch hinter der schönen Fassade verberge sich ein Betrüger, so die Staatsanwaltschaft. Gemäss der Anklageschrift hat der vermeintliche Märchenprinz mit mehreren Frauen gleichzeitig intime Beziehungen geführt. Er hat ihnen vorgegaukelt, einen regelmässigen Lohn als Chirurg zu verdienen, obwohl er bestenfalls sporadisch in seinem Beruf arbeitete. Die Praxisbewilligung hatte er nämlich verloren, gemäss eigenen Aussagen hat er über mehrere Jahre gar nicht praktiziert.

Weiter spielte er den Frauen vor, über ein stattliches Vermögen und eine Liegenschaft zu verfügen, obwohl er in Tat und Wahrheit nichts ausser einem hohen Schuldenberg vorzuweisen hatte. Und gemäss Anklageschrift wussten die Frauen, die der Beschuldigte im Internet, via Kontaktanzeigen oder über Kollegen kennengelernt hatte, nichts von ihren Nebenbuhlerinnen.

Er brauche das Geld für ein günstiges Anlagegeschäft, zur Überbrückung eines Liquiditätsengpasses oder als Investition in eine Arztpraxis. Unter derartigen Vorwänden soll der Chirurg im Zeitraum von 2008 bis 2012 sieben Frauen um Beträge zwischen 7000 und 110'000 Franken erleichtert haben. Zwei von ihnen sagten gestern vor dem Regionalgericht aus.

«Ich war verliebt»

Die 44-jährige Privatklägerin aus Bern ist ausgebildete Betriebswirtin und lernte den Beschuldigten über einen Bekannten kennen. Ihre Beziehung habe vom April 2011 bis im Ende März 2012 gedauert und sei sehr intensiv gewesen. «Ich habe ihm geglaubt, vertraut, ich war verliebt», sagte die Klägerin. Sie hätten gemeinsame Zukunftspläne gehabt. Die Rede war von Kindern, einem gemeinsamen Haus, von einem Ring und von Heirat.

Nachdem sie dem Chirurgen anvertraut hatte, dass sie einen grösseren Betrag auf ihre Pensionskasse einzahlen wolle, habe er ihr ein Angebot gemacht. Sie könne das Geld ihm übergeben, er würde es für sie auf seinem Konto für sie anlegen. Schliesslich profitiere er als Premium-Kunde bei seiner Bank von einem besonders günstigen Vorzugszins. Zuerst 50'000, danach weitere 20'000 Franken übergab die 44-Jährige ihrem Liebhaber.

Erst später sei sie misstrauisch geworden. Als sie letztlich die Rückgabe ihres Geldes forderte, endete die Beziehung. Die Frage, ob sie jetzt wieder in einer Beziehung sei, beantwortete die Klägerin mit: «Nein. Nein. Nein.»

«Was will eine Frau mehr?»

Der Beschuldigte sei der Erste gewesen, der sich auf ihr Kontakt-Inserat vom März 2011 gemeldet hatte. So hatte die zweite Klägerin, eine 49-jährige Bankfachfrau aus der Region Zürich, den Beschuldigten kennengelernt. Danach hätten sie regen SMS- und Mailverkehr gehabt, wie die Frau gestern vor Gericht aussagte. Nach knapp zwei Wochen kam es zum ersten Treffen, danach seien die beiden gleich im Bett gelandet. Rund 10 Tage später habe sie ihm 20'000 Franken übergeben. Er habe das Geld wegen eines Liquiditätsengpasses gebraucht, habe er ihr gesagt.

Später habe sie dem Beschuldigten weitere 35'000 Franken, also insgesamt 55'000 Franken, überwiesen. «Er war ein Traummann. Gebildet, charmant, elegant. Was will eine Frau mehr?» Die 49-Jährige ist geschieden, kinderlos, lebte vorher 10 Jahre allein. Sie sei zwar misstrauisch geworden, als ihr Geliebter weder den Namen seines Bankers, noch seiner Bank habe verraten wollen. Aber: «Als ich ihm das Geld gegeben habe, habe ich geglaubt, ich wäre in einer Liebesbeziehung.» Das vermeintliche Liebesglück habe rund fünf Monate angedauert.

Eine Depression

Er leide seit Jahren an einer behandlungsbedürftigen Depression, sagte der Beschuldigte, als er vor Gericht zu seinen persönlichen Verhältnissen befragt wurde. «Manchmal möchte ich einfach fadengerade ins Elend laufen.» Zurzeit operiere er sporadisch in einem Chirurgenteam und verdiene so einige tausend Franken im Monat.

Belege dafür habe er keine, wann und wo er das letzte Mal gearbeitet habe, wollte er auch nicht sagen. Er wohne aktuell in Zürich bei der Frau, die er gemäss Anklageschrift um 7000 Franken betrogen hat. Dort beteilige er sich an den Miet- und an den Unterhaltskosten für sich, die Frau und ihre zwei Kinder. «Wir sind eine kleine, glückliche Familie», sagte er.

Am Mittwoch wird der Beschuldigte zu den Vorwürfen der Frauen befragt. Weiter stehen die Plädoyers auf dem Programm. Voraussichtlich am Donnerstag oder am Freitag wird das Urteil verkündet.

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