Der Altbau ist nicht altersgerecht

Bern

Domicil, Anbieter für betreutes Wohnen im Alter, schliesst im Juli seinen Standort Mon Repos in der Berner Länggasse. Das Gebäude ist eines von vielen in der Stadt, das für Senioren nicht hindernisfrei umgebaut werden kann.

Béatrice Hueber und Heinz Hänni müssen den Domicil-Standort Mon Repos schliessen.

Béatrice Hueber und Heinz Hänni müssen den Domicil-Standort Mon Repos schliessen.

(Bild: Andreas Blatter)

Das Mehrfamilienhaus an der Zähringerstrasse 22 hat viel Charme: Der grosse Garten, die Architektur und der optimale Standort in der Länggasse sind einladend. Das Gebäude wurde 1875 erbaut und 1954 von der Eigentümerin an die Stadt verkauft — mit der Bedingung, dass die Liegenschaft zu einem Altersheim umgebaut werden solle. Seither wohnen dort Längässlerinnen und Länggässler der älteren Generation, betreut vom Wohn- und Pflegeanbieter Do­micil.

Bau muss hindernisfrei sein

Im Juli müssen sie aber umziehen. Den Bewohnern von Mon Repos, wie der Standort genannt wird, steht ein Wechsel in das Haupthaus des Domicil Ahornweg bevor. «Umziehen macht niemandem Spass. Und wenn man zwischen 90 und 100 Jahre alt ist, ist es noch weniger toll», bringt es Geschäftsleiterin ­Béatrice Hueber auf den Punkt. «90 Prozent der Bewohner von Mon Repos kommen aus der Länggasse und möchten im Quartier bleiben», sagt sie und erklärt, dass aufgrund der geringen Anzahl der Bewohner im Mon Repos eine familiäre Atmosphäre herrsche. Es fühlten sich alle wohl im alten Gebäude.

Hindernisfrei ist wichtig

Der Altbau, der das Haus zu etwas Besonderem macht, ist jedoch der Grund, weshalb die betagten Bewohner umziehen müssen. Die Bausubstanz und der Denkmalschutz verhindern den Umbau zu einem altersgerechten Wohnraum, wie ihn die Kunden von Domicil mittlerweile brauchen. Die Bewohner würden zunehmend pflegebedürftiger und die Auflagen, denen ihr Wohnraum unterliege, immer strenger, erklärt Heinz Hänni, Vorsitzender der Direktion von Domicil.

Die wichtigste Anforderung an solche Wohnräume ist der hindernisfreie Bau. Es gibt gewisse Grundanforderungen, damit ein Gebäude als hindernisfrei gilt. Dazu gehören beispielsweise die Breite der Türen, damit die Gebäude rollstuhlgerecht gemacht werden können, die Treppengeländer bei Fluchtwegen und Nebentreppen oder der Platzbedarf für Lifte. Der altmodische Lift an der Zähringerstrasse 22 war ausschlaggebend dafür, dass das Gebäude nicht mehr mit den Bedürfnissen der Bewohner übereinstimmte.

Vor fünf Jahren einigte sich Domicil mit der Stadt, der das Haus gehört, dass ein Ersatz­gebäude in der Länggasse gesucht werden soll. Die Bemühungen waren allerdings vergeblich. Zwar bekommen die Bewohner sowie das Pflegepersonal alle einen Platz am Standort Ahornweg, trotzdem verliere Domicil Wohnraum für betreutes Wohnen, sagt Heinz Hänni. Er bedauert die Schliessung des Standortes und wünscht sich in der Länggasse mehr Wohnraum für Betagte. Hänni setzt diesbezüglich grosse Hoffnungen in die Überbauung Viererfeld und engagiert sich auch öffentlich dafür.

Überall in Bern schwierig

Preisgünstige Wohnräume für Betagte zu finden, sei nicht nur in der Länggasse ein Problem, erklärt Hänni. Dem stimmt auch Eva Eymann von Pro Senectute zu: «Für alle, die für ihre eigenständige Lebensführung besondere Bedürfnisse haben, ist es schwierig, in einer Stadt wie Bern die passende Wohnsituation zu finden.» Das hindernis- und barrierefreie Wohnen sei ein besonders wichtiges Thema für Menschen mit Beeinträchtigungen, egal ob jung oder alt.

Generationen gemeinsam

Ausserdem betont Eymann, dass die Zukunft des Wohnens im Alter nicht speziell eingerichtete Alterswohnungen seien. Eher werde das generationenübergreifende Wohnen beliebter werden, spekuliert sie und schliesst sich damit Hänni an. «Ziel ist es, heute schon so zu bauen, dass alle Zielgruppen von den Wohnräumen profitieren können und neutral benutzbare Flächen geschaffen werden.»

Beim generationenübergreifenden Wohnen bilden Familien mit Kindern, junge Erwachsene und Senioren zusammen das soziale Netz eines Quartiers oder eines Wohnblocks. Diese Durchmischung sei für alle Beteiligten von Vorteil, findet Eymann. Es könne dadurch wieder eine Beziehung zu den Nachbarn aufgebaut werden. Und Béatrice Hueber von Domicil findet: «So wird einer Stadt Leben eingehaucht.»

Stadt hat Einfluss

So wie Domicil und Pro Senectute setzt sich auch die Stadt dafür ein, dem Wohnungsmangel für Betagte entgegenzuwirken. «Wo die Stadt Einfluss hat, setzen wir uns dafür ein, dass auch kleinere Wohnungen für ältere Personen gebaut werden und dass diese Wohnungen hindernisfrei sind», erklärt Nicole Stutzmann vom Alters- und Versicherungsamt (AVA). «Es ist uns ein Anliegen, dass Leute in ihrem Quartier bleiben können, und dass das Generationenwohnen und die Nachbarschaft gestärkt werden.»

Gemäss einer Studie, welche das AVA 2012 durchgeführt hat, besteht beim hindernisfreien Wohnen in allen Stadtteilen Förderungsbedarf. Ob beim Neu- oder beim Umbau, die Wohnräume sollen für alle Personen ohne Probleme zugänglich sein. Das Domicil Mon Repos wird kein Ort mehr sein, an dem Bewohner ­betreut ihren Lebensabend ­verbringen. Die Stadt plant an der Zähringerstrasse 22 Privat­wohnungen.

Berner Zeitung

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