Der Abschied fällt schwer

Während zweieinhalb Wochen berichtete Hans Ulrich Schaad von der Alp Obriste Morgeten. Für ihn steht fest: Er kommt wieder.

Rosmarie und Hansueli Siegenthaler verabschieden BZ-Redaktor Hans ­Ulrich Schaad.

Rosmarie und Hansueli Siegenthaler verabschieden BZ-Redaktor Hans ­Ulrich Schaad. Bild: PD

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Es ist ein stürmisches letztes Erwachen auf der Alp Obriste Morgeten. Kurz nach halb sechs Uhr pfeift der Wind um die Hütte und peitscht die Regentropfen gegen das kleine Fenster. Petrus schickt einen speziellen Abschiedsgruss. Das Wetter hatte es in den letzten zweieinhalb Wochen gut gemeint. Meistens schien die Sonne, und wenn es Regen gab, dann zu Randzeiten. Die Temperaturen bewegten sich in einem angenehmen Rahmen. Nun zeigt das Thermometer gut sechs Grad Celsius. Für den letzten Gang von meiner Unterkunft im Stieren­läger zur Alphütte ziehe ich mich warm an.

Der Morgen in der Hütte beginnt wie alle anderen mit einem Kaffee. Während Sennerin Martina Lempen anschliessend die Kühe auf Bürglen holt, gehe ich mit Hansueli Siegenthaler in den ­Käsekeller, um die Laibe dieser Sommersaison einzuschmieren. Ich bin mir schon heute sicher: Nächsten Sommer komme ich für einen Besuch auf Obriste Morgeten zurück. Ich will «meinen» Käse probieren. In den vielen Stunden, die ich mit Hansueli Siegenthaler im Käsekeller verbracht habe, hat er mir viel über das Älplerleben, die harte Arbeit und die Entbehrungen erzählt. In seiner 65. Saison auf der Alp hat der 77-Jährige einiges zu berichten. Da bleibt mir nur, den roten Hut vor den Siegenthalers zu ziehen.

Die Kühe kehren relativ spät von der Weide zurück. Ein letztes Mal striegle ich die Tiere, ver­abschiede mich von Narzisse, Sabine, Maloja, Ronja und wie sie alle heissen. Ich erkenne sie nur, wenn sie an ihrem Platz im Stall sind. Draussen auf der Weide bin ich mit der Namensgebung überfordert.

Die gut zwei Wochen sind im Nu vorbeigegangen. Ich habe viel gelernt über das Leben auf der Alp. «Man muss gut zusammenarbeiten, lebt auf engstem Raum», sagt Rosmarie Siegenthaler beim Frühstück. Die Alp Obriste Morgeten ist einfach, aber zweckmässig eingerichtet. Natur und Tiere bestimmen den ­Tagesablauf, kein Tag ist gleich. Es war eine wertvolle Erfahrung mit meist positiven Erinnerungen. Ich verabschiede mich mit zwei weinenden ­Augen.

Die Ziegen gehören am Morgetenpass zum Inventar: Sie scheint der Abschied nicht aus der Fassung zu bringen. Video: Hans Ulrich Schaad

Folgendes werde ich in den nächsten Tagen und Wochen vermissen. Zuerst die vielen netten Menschen, allen voran die Gastgeber Rosmarie und Hansueli Siegenthaler mit ihrer Angestellten Martina Lempen, die immer hilfsbereit und zuvorkommend waren. Den urchigen Oberländer Dialekt – auch wenn ich nicht immer alles verstanden habe, wenn Siegen­thalers und die Sennerin unter­einander über Kühe, Käse und Alpen gesprochen haben.

Vermissen werde ich auch die langen Jassabende. Die vielen Stunden im Kiosk auf dem Morgetenpass mit interessanten Begegnungen. Mit ausgefallenen Fragen wie «Wo ist hier die versteckte Kamera?» oder«Ist dieser Berg der Pilatus?». Und natürlich die Landschaft im Grenzgebiet Simmental-Gantrisch mit der herr­lichen Aussicht auf Berner Alpen und Mittelland.

Nicht fehlen werden mir hingegen die niedrigen Türen und tief hängenden Balken, an denen ich meinen Kopf Dutzende Male (blutig) gestossen habe. Das Plumpsklo, obwohl ich mich mit der Zeit damit arrangiert habe. Jetzt muss ich mich wieder daran gewöhnen, nach jedem Toilettengang die Spülung zu betätigen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.08.2018, 08:28 Uhr

Hans Ulrich Schaad ­berichtete vom Bergsommer auf der Alp Obriste Morgeten. (Bild: Raphael Moser)

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