Den Stempel aufgedrückt

Meine Sammlung

Keine alltägliche Passion: Hartmut Abendschein hat ein Flair für gebrauchte Bürostempel. Über 500 zum Teil historische Exemplare hat der 48-Jährige aus Bern zusammengetragen.

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Raphael Hadorn

Heute, im Zeitalter von Computer und Internet, ist er für viele ein Relikt aus vergangenen Tagen. Der Stempel. Nicht so für Hartmut Abendschein aus Bern. Der 48-Jährige lässt immer mal wieder Stempel anfertigen, die dann auch im Arbeitsalltag zum Einsatz kommen. Und er sammelt sie. Vor allem ältere Exem­plare.

«Die Stempel strahlen eine historische Aura aus, haben Geschichte gespeichert», sagt der gebürtige Deutsche – und zeigt auf den Adressstempel einer Hautklinik aus den Zeiten, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hiess. Das genaue Alter dieses wie auch vieler anderer Stempel lässt sich nur schwer erahnen, oft aber eingrenzen. Abendschein nimmt einen Stempel zur Hand, drückt ihn aufs Stempelkissen – und dann auf ein leeres Blatt Papier. «Diesen Strassennamen gab es nur zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs.»

Viele Konvolute erworben

Hartmut Abendschein hortet seine Stempel in einer kleinen Mansarde im Monbijouquartier, nur unweit von seinem kleinen Verlag Edition Taberna Kritika (kurz: etkbooks) entfernt. Fein säuberlich hat er hier alle Stempel in einem Schubladensystem abgelegt, sie in einer Excel-Tabelle dokumentiert – und die Stempelabdrucke fotografiert und digitalisiert. Und so ist die Sammlung denn auch online auf seinem Blog zu bewundern.

Abendschein, verheiratet und zweifacher Familienvater, ist in der Region Stuttgart aufgewachsen, der Liebe wegen aber 2003 nach Bern gezogen. Sieben Jahre später kam er aus einem Nachlass an einige alte Stempel. Heute ist er im Besitz von über 500 ­verschiedenen Exemplaren. Die meisten stammen aus der Schweiz und aus Deutschland, aber auch einige aus Grossbritannien und Osteuropa zieren seine Sammlung.

«Ich habe immer mal wieder Brockenstuben abgeklappert, jedoch die meisten Stempel auf Onlineportalen erworben.» Am liebsten gleich ganze Konvolute. Deren 20 sind bereits in seinem Besitz. Das grösste – rund 60 Stempel, viel juristische Sprache – stammt von einem Amtsgericht. Das älteste, so vermutet Abendschein – mit vielen Medikamentennamen und chemischen Elementen – von einer Apotheke. «Der Zustand lässt zu wünschen übrig, einige musste ich bereits leimen», sagt Abendschein, der das Alter dieser Stempel auf rund 100 Jahre schätzt.

Weitere Serien stammen aus der Imkerei (mit verschiedenen Honigsorten), der Erdkunde (mit diversen Gesteinssymbolen) oder einem Damenbekleidungshaus. Abendschein zeigt passend dazu einen Stempel mit der Aufschrift «Organza» (ein sehr transparentes und schillerndes Gewebe).

Wichtig für den Sammler beim Erwerb neuer Stempel: dass der Preis und – wenn online ersteigert – die Lieferkonditionen stimmen. «Einzelstempel mit historischer Bedeutung können auch mal 20 Franken kosten», sagt er. Für grössere Sammlungen – oft deutsche Stempel – zahle er um die 100 Franken. Im Idealfall werden sie in die Schweiz geliefert. Wenn nicht, lässt er sie an die Adresse eines Freundes in Deutschland senden. Und so kommt es vor, dass Abendschein nach einem Besuch in seiner alten Heimat mit Taschen voller Stempel zurück in die Schweiz reist.

Nicht ohne Hintergedanken

Einen Lieblingsstempel hat Hartmut Abendschein, der nebst seiner selbstständigen Arbeit als Schriftsteller und Verleger noch zu 50 Prozent bei der Unibibliothek angestellt ist, nicht. «Ich mag die Summe der Stempel», sagt er über seine Sammlung, die er nicht ohne Hintergedanken aufgebaut hat. «Mein Ziel war es immer, daraus Literatur zu machen.»

Gesagt, getan. Abendschein arbeitet derzeit an einem rund 70-seitigen «Stempeltext», einem Roman, der nur aus Stempelabdrucken besteht. «Es wird sehr abstrakt und wird den Leser herausfordern», sagt er. Dieser muss sich nämlich die Story anhand der verschiedenen Abdrucke selber zusammenreimen. Das passt zu Hartmut Abendschein. «Ich bin experimentierfreudig, konzeptinteressiert, offen für Neues, für Interdisziplinäres. Und ich schätze unterschiedlichste Literaturformen», sagt er denn auch selber.

Mittlerweile erwirbt Abendschein nur noch vereinzelt Stempel. «Ich sammle nicht mehr intensiv», sagt er. Und: Mit dem Erscheinen des Buchs, vermutlich erst 2019, sei die Sammlung – für ihn eine Art Projekt – dann wohl abgeschlossen. Und danach? «Ich mache gerne Sachen, die ich noch nie gemacht habe.» Wir sind gespannt.

Berner Zeitung

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