Dem letzten Spunten droht das Aus

Das Haus des Restaurants Feldschlösschen an der Lorrainestrasse 22 ist zum Verkauf ausgeschrieben. Obwohl es totalsaniert werden muss, beträgt der Richtpreis 1,5 Millionen Franken. Obszön, finden Kritiker im Quartier.

Felder-Wirtin Yvonne Schaad denkt an den Ruhestand.

Felder-Wirtin Yvonne Schaad denkt an den Ruhestand. Bild: Claudia Salzmann

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Ins Handwerkerstübli oder in ­Tinus OK-Bar ging man nicht für ein gepflegtes Essen, sondern auf ein Bier oder einen Schnaps. Wie der Felder, das Restaurant Feldschlösschen, säumten sie die Lorrainestrasse. Doch die Lokale sind längst Geschichte, und nun droht dem Felder, in seiner Umgebung der letzte Spunten dieser aussterbenden Art, das gleiche Schicksal: Das Haus an der Lorrainestrasse 22 soll verkauft werden.

1,5 Millionen Franken gibt die Verkäuferin als Richtpreis an, wohl mindestens noch einmal so viel dürfte die Grundsanierung verschlingen. Deren Notwendigkeit ist augenfällig, und auch die Eigentümerin macht in der Verkaufs­dokumentation für das Objekt keinen Hehl daraus. «Es war ein schönes Haus, doch heute ist es gezeichnet von der Zeit», heisst es darin.

«Markt pur»

1,5 Millionen: eine schöne Stange Geld für ein kleines Restaurant und zwei 4,5-Zimmer-Wohnungen in einem renovationsbedürftigen Haus. «Obszön und nicht quartier­gerecht», findet Lorraine-Bewohner und SP-Stadtrat ­Johannes Wartenweiler gar. Ein Stück weiter die Strasse hoch habe die Stadt vor zehn Jahren ein deutlich grösseres Haus in besserem Zustand für 1,1 Millionen verkauft.

«In der Lorraine können wir versuchen, den Prozess der Aufwertung zu beeinflussen.»Johannes Wartenweiler (SP)

Inzwischen herrsche aber «Markt pur», und die Aufwertung des Quartiers schreite zügig voran. «Eigentum hat Grenzen», findet Wartenweiler, «und Eigentum bringt Verantwortung mit sich.» Er weiss selber, dass bei privaten Immobiliengeschäften das höchste Gebot den Wert eines Objekts definiert. Trotzdem hofft Wartenweiler, dass es etwas bewirkt, wenn solche Fälle öffentlich gemacht werden. «In der Länggasse erfolgte die Aufwertung schleichend und fast unbemerkt. In der Lorraine können wir versuchen, diesen Prozess zu beeinflussen.»

Darauf hofft auch Viktor Hirsig, Architekt und Vorstandsmitglied des Vereins läbigi Lorraine. «Unser Quartier ist vergleichsweise agil», sagt er. Tatsächlich sind es oft die gleichen Akteurinnen und Akteure, die ihre Netzwerke und ihr Know-how in die Waagschale werfen, wie in den 1980er-Jahren, als man etwa den Q-Hof eroberte oder auf der anderen Seite der Lorrainebrücke die Reitschule.

Wirtin hofft auf zwei Jahre

Beim Blick auf die Lorrainestrasse 22 beschäftigt Hirsig vor allem, was aus dem Felder wird. Im Verein läbigi Lorraine habe man sich Gedanken gemacht, ob und wie man verhindern könne, dass das nächste Haus an die Spekulation verloren gehe. Doch als im März Charles Rebmann, nach dem das Restaurant lange benannt war, starb, ging das Haus an seine Tochter über, die es nun verkaufen will.

Felder-Wirtin Yvonne Schaad weiss natürlich auch, dass ihrem Restaurant das baldige Ende droht. Sie hoffe, das Restaurant noch zwei Jahre führen zu können, sagt sie. «Dann bin ich 65-jährig. Zeit, kürzerzutreten.» Für ihre Gäste und für die Lorraine hoffe sie, dass im Haus über ihre Ära hinaus eine Quartierbeiz erhalten bleibe.

Stadt besichtigt das Haus

Viktor Hirsig erinnert daran, dass dem Quartier ein offizieller Treffpunkt fehle – und dass ­Restauranträumlichkeiten dafür gut geeignet wären. Aber natürlich kann er nicht wollen, dass die Stadt bei einem Objekt mitbietet, dessen Preis man als spekulativ erachtet.

Immobilien Stadt Bern (ISB) teilt auf Anfrage immerhin mit, dass man das Haus demnächst besichtigen werde. Doch auch ISB betont, dass ein Kauf zu einem überteuerten Preis der städtischen Wohnbaupolitik widerspräche: Sonst würde man «an der Preisspirale mitdrehen und damit der Spekulation Vorschub leisten».

Nach der Besichtigung werde ISB entscheiden, ob man ein Kaufangebot einreiche «und, wenn ja, in welcher Höhe». Falls sich die Stadt für das Haus interessiere, werde sie das Gespräch mit der Verkäuferin suchen «und dabei auch den Verkaufspreis thematisieren».

(Berner Zeitung)

Erstellt: 18.08.2017, 20:57 Uhr

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