Das will man nicht sehen

Archaisch und fast nicht zum Aushalten: Warum es sich trotzdem lohnt, sich «Mendrisch» des Cirque de Loin im Schlachthaus-Theater anzutun.

Archaische Urtänze: In «Mendrisch» regieren die Triebe.

Archaische Urtänze: In «Mendrisch» regieren die Triebe. Bild: zvg

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Schöne heile Zirkuswelt! Po­backe klebt an Pobacke. Eng und unbequem sitzt man im Schlachthaus-Theater. Die Stühle mussten einfachen Holzbänken weichen. Schummrig gemütliches Licht, Räucherstäbchen. Ein heimeliger kleiner Wohnwagen, eine improvisierte Aussenküche, ein Holztisch und ein Klohäuschen. Die Zirkuschefin im Pelzmantel (Newa Grawit) wiegt ihr Baby, ihr Mann (Dominique Jann) trinkt Kaffee, der Rest der Truppe hält sich zum Glück noch still.

Es ist ein poetischer Moment. Es wird der einzige an diesem Abend bleiben. «Mendrisch» des Zirkustheaterensembles Cirque de Loin unter der Regie von Michael Finger ist schwere Kost. Nur die vordergründige Zirkusästhetik ist vom gelobten letzten Stück «The Fool and the Princesses» geblieben (Bühne: Sabrina Christ, Uli Weigel) – und der Inzest. «Mendrisch» ist schamlos. Schonungslos. Böse, brutal, pietätlos, plump und abscheulich.

All die Gewalt

Fünf Menschen verbringen ihr Leben zusammen in einem armseligen Zirkus, neben dem Di­rektorenpaar sind das ein abgehalfterter dänischer Unterhalter (Tuk Frederiksen), der garantiert nicht lustige Witze macht, ein trauriger Clown (Noah Egli) und ein zurückgebliebener Musiker (Benedikt Utzinger).

In ihren besten Momenten hauen sie gerade nicht aufeinander ein. Ansonsten scheissen, ficken, schlagen und quälen sie. Der Alltag ist geprägt von seltsamen, archaischen Riten, Urtänzen, untermalt von den aufpeitschenden Trommelschlägen des zurückgebliebenen Musikers. Diese Trommelschläge künden auch immer den Einzug des Mendrisch an.

All das Böse

Das Mendrisch ist ein teufels­ähnliches Sagenwesen aus der ­Innerschweiz. Es steht in diesem Stück für all das Böse, das in den Menschen schlummert. So wird jede positive Energie sofort zunichtegemacht, die atemberaubenden Showeinlagen, die der Clown an der Stange zeigt, vom Bösen vereinnahmt.

Es gibt einen Moment, in dem alles besser werden könnte. Ein engelhaftes Wesen in blüten­weissem Kleid taucht auf (Sofie Jasmin Sabroe). Die Welt scheint stillzustehen. Doch das Wesen stellt sich als sexbesessene Schwester des dänischen Alleinunterhalters heraus. Sie trägt noch mehr zur Perversion bei. Am Schluss rottet sich die Gruppe selbst aus. Die Welt dreht sich weiter. Und das Mendrisch tanzt.

Das ist nichts für Zartbesaitete. Die Schreibende fragte sich während des Stücks mehrmals, warum sie sich das überhaupt antut. Diese sinnlose Gewalt! Diese Triebhaftigkeit! Von den nackten Genitalien und den penetrant thematisierten Fäkalien gar nicht zu sprechen.

Doch das Stück wirkt nach. Auch noch Stunden und Tage ­später. Es erwischt einen eiskalt dort, wo es wehtut. Was «Mendrisch» zeigt, ist überzeichnet. Aber auch ein Spiegel, der einem vorgehalten wird. Die Welt ist nicht besser. Der Unterschied ist höchstens, dass man normalerweise erfolgreich wegschauen kann.

Weitere Vorstellungen bis 7. 2., Schlachthaus-Theater. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.01.2016, 09:50 Uhr

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