Lanzenhäusern

«Das war kein Winter»

Lanzenhäusern Nach vier Monaten auf Wanderschaft kehrt Schafhirt Jens Schöndorfer mit seiner Herde auf den Hof zurück. Er hat schon bessere Winterweiden erlebt.

Die nassen Böden haben dem Hirten Jens Schöndorfer die Arbeit mit den Tieren erschwert. Minustemperaturen wären ihm lieber.

Die nassen Böden haben dem Hirten Jens Schöndorfer die Arbeit mit den Tieren erschwert. Minustemperaturen wären ihm lieber. Bild: Nicole Philipp

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das braune Schaf mit dem kugelrunden Bauch blickt aus leeren Augen. Tief und träge hält es seinen Kopf über dem Boden, lustlos frisst es Gras von der Weide ab. Es ist Montag Anfang dieser Woche, eine Weide bei Alterswil im Kanton Freiburg, ununterbrochen fällt der Regen. Schafhirt Jens Schöndorfer zieht sich einen Regenschutz über.Das Schaf mag nicht mehr. In drei Tagen könnte es zurück sein im Stall. Denn heute Donnerstag kehrt der Hirt mit seiner Herde von der Winterweide auf den Hof zurück, heute geht die Wanderschaft zu Ende. Doch das dauert zu lange. «Noch heute Abend wird es abgeholt», sagt der Hirt.

Das Schaf ist krank, etwas auf der Lunge, auf dem Hof muss es mit Penicillin behandelt werden. «Sonst stirbt es.»

Was das wichtigste Ziel ist

Schöndorfer ist 48 Jahre alt, Ostdeutscher, seit elf Jahren hütet er im Winter die Schafe von Landwirt Christian Nydegger aus Lanzenhäusern. Nun ist er seit Ende November mit der Herde unterwegs. 600 Tiere waren es am Anfang, jetzt sind es weniger geworden. Nur ein paar wenige Tiere haben die ganze Wanderung mitgemacht, die meisten gingen früher oder kamen später. Das Ziel ist klar: Die Schlachtlämmer sollen fressen, fressen, fressen.

Im vergangenen Herbst begleitete diese Zeitung Schöndorfer bei den Vorbereitungen für die Wanderschaft und besuchte ihn während der ersten Tage der Winterweide. «Ich habe eine relative Freiheit», sagte er damals. Aber auch eine grosse Aufgabe: die Tiere sicher durch den Winter zu bringen.

Zur Wandergruppe zählten die Esel Lorenzo und Beppino und die Hunde Arved, Lupa, Artus und Crack. «Ohne die Hunde wäre ich nichts», sagte Schöndorfer. Er verbrachte die Tage und Nächte fast ununterbrochen in der Natur, kochte und schlief unter freiem Himmel und ass aus dem gleichen Napf wie die Hunde.

Was Sturm Burglind bewirkte

Schöndorfer erlebte immer wieder schwierige Situationen. So ­etwa während der ersten Tage des neuen Jahres. Sturm Burglind fegte übers Land, und das spürte auch Schöndorfer. Als es losging, befand er sich mit seinen Tieren im Wald. «Um 4 Uhr in der Nacht schlugen die Hunde an.» Er musste den Wald sofort verlassen. «Das wäre viel zu gefährlich gewesen.»

Drei Tage Sturm waren angesagt. Der Hirt befand sich auf dem Landstuhl bei Neuenegg, einer offenen Hochebene. Hier konnte den Tieren nichts passieren. «Und ich konnte bei befreundeten Bauern in Scheunen schlafen.» Er spürte auch die Nachwehen des Sturms. In den Wäldern gab es für ihn und die Tiere oftmals kaum mehr ein Durchkommen, gerade für die schwer bepackten Esel. «Überall lagen Baumstämme und Äste herum. Manchmal dauerte es ewig, bis ich einen Weg gefunden hatte.»

Was schlecht für die Tiere ist

Der Sturm war also die gröss­te wetterbedingte Herausforderung für Jens Schöndorfer in diesem Winter. Wobei, Winter? «Das war kein Winter», sagt der Hirt. Abgesehen von den zehn frostigen Tagen im Januar und Februar sei es immer zu warm gewesen. Das hatte zwar den Vorteil, dass die Tiere immer genügend Gras hatten. Ansonsten gab es für ihn fast nur Nachteile.

Ist der Boden nicht gefroren, kann das verheerende Auswirkungen haben. «Wenn die Böden nass sind, weichen die Klauen auf», sagt der Schäfer. Die scharfen Gräser sorgen für Verletzungen. «So treten die Bakterien schneller ein, und die Füsse schwellen an.» Dann müsse man die Klauen sofort behandeln.

Jens Schöndorfer hat schon bessere Winter erlebt, nicht nur wegen des Wetters. Er erfuhr, dass ein guter Freund an einem Tumor gestorben ist. Einmal schaute die Polizei vorbei, weil ein Landwirt sie alarmiert hatte. Ansonsten aber hatte er keine Probleme und gewann sogar neue Landwirte, die ihm ihr Land zur Verfügung stellen.

Denn das steht schon fest: Im nächsten Herbst zieht Jens Schöndorfer mit seinen Schafen wieder los. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.03.2018, 19:58 Uhr

Artikel zum Thema

Warum er nicht oft duschen kann

Jens Schöndorfer (48) ist Hirte von 600 Schafen, mit denen er durch das Grenzgebiet der Kantone Bern und Freiburg wandert. Der Trailer zur nächsten BEsonders-Serie. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Sweet Home Kein Platz ist keine Ausrede

Tingler Nicht wirklich, oder?

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Immer wieder schön: Das Matterhorn spiegelt sich im Morgengrauen im Riffelsee bei Zermatt (22. Juni 2018).
(Bild: Vaelntin Flauraud) Mehr...