Das vorbildliche Solardach

Wabern

Die Diskussion um das historische wertvolle Weyergut in Wabern bringt es an den Tag: Fotovoltaikanlagen und denkmalpflegerische Anliegen müssen sich nicht ausschliessen.

So ists richtig: Das Dach des denkmalgeschützten Bauernhauses im Sumpf bei Hindelbank produziert Solarstrom.

So ists richtig: Das Dach des denkmalgeschützten Bauernhauses im Sumpf bei Hindelbank produziert Solarstrom.

(Bild: Beat Mathys)

Stephan Künzi

Verkehrte Welt in Wabern: Im Hin und Her um die Solarzellen auf der historisch wertvollen Gebäudegruppe des Weyerguts waren die Rollen plötzlich anders verteilt als gewohnt. Während die Denkmalpflege gegen die geplante Fotovoltaikanlage nichts einzuwenden hatte, stiegen sechs Nachbarn auf die Barrikaden. Mit einer Beschwerde an die kantonale Baudirektion versuchten sie, die Pläne der Eigentümer zu durchkreuzen.

Eingehakt hatten sie bei einer Projektänderung. Ursprünglich hatten die Eigentümer nämlich vor, die Anlage in die lange, nach Süden ausgerichtete Dachschräge des Bauernhauses einzubauen. Mit diesem Standort auf dem streng geschützten Hauptbau hätte die Denkmalpflege zwar leben können. Gleichwohl empfahl sie, nach einer Alternative zu suchen. Diese fanden die Bauherren im quer gestellten Scheunenanbau, der als nur erhaltenswert gilt. Was die Denkmalpflege prompt begrüsste.

Nicht so die sechs Nachbarn. Die Lösung mit der sogenannten Querscheune stelle «einen schweren Eingriff in die Baugruppe» dar und könne «aus Gründen des Denkmalschutzes nicht überzeugen», fasst die Baudirektion die Beschwerde zusammen. Um anschliessend klarzumachen: Die Haltung der Denkmalpflege sei schlüssig – und die Eingabe aus der Nachbarschaft daher abzulehnen.

Die Technologie hilft

Wie das, wo doch die Denkmalpflege sonst den Ruf hat, in ihrer Sorge um den Erhalt des kulturellen Erbes sehr strenge Massstäbe anzulegen? Michael Gerber, der Chef der kantonalen Stelle, winkt ab: Ob auf einem geschützten Gebäude Solarzellen möglich seien oder nicht, werde in Richtlinien geregelt, die der Regierungsrat erlassen habe. «Sobald die gestalterischen Vorgaben aus diesem Dokument erfüllt sind, steht einer Fotovoltaikanlage nichts im Weg.»

Die Denkmalpflege wird zwar bei entsprechenden Projekten nach wie vor beigezogen. Ihr bleibt aber nicht viel mehr, als zu überprüfen, ob das Vorhaben die kantonalen Vorgaben erfüllt. Wichtig ist dabei, dass die Solarzellen nicht zerstückelt, sondern möglichst flächig auf dem Dach angebracht werden. Im Idealfall ersetzen sie als integraler Einbau ins Dach sogar die Ziegel, aber nochmals: «Massgebend sind die Richtlinien.» Die Frage, wie schön eine solche Anlage sei, stelle sich gar nicht.

Vor diesem Hintergrund will Gerber auch nicht davon reden, dass beim geschützten Weyergut die Nachbarn strenger sein sollen als die Denkmalpflege. Ihn erinnert das Für und Wider im aktuellen Fall an emotionsgeladene Debatten, wie sie ähnlich auch um Handyantennen geführt werden. «Man kann Solarzellen gut finden, oder man kann sie nicht gut finden. An der Tatsache, dass die Energiewende politisch beschlossen worden ist, ändert dies nichts.»

Den denkmalpflegerischen Anliegen kommt entgegen, dass die Solartechnik Fortschritte macht. Schlagzeilen machte in diesem Zusammenhang vor gut einem Jahr ein Solardach im freiburgischen Ecuvillens. Dort führten das Schweizer Forschungszentrum für Elektronik und Mikrotechnik aus Neuenburg und das belgische Industrieunternehmen Issol der Öffentlichkeit neuartige Solarmodule vor, die in Farbe und Struktur einem landläufigen Bauernhausdach sehr ähneln.

Konkret sind sie dank ihrer ziegelroten Farbe und ihrer ziegelartigen Struktur von weitem kaum mehr als Fremdkörper zu erkennen. Und auch preislich können sie mit herkömmlichen Modellen mithalten, wie es am damaligen Medientermin hiess. Weil sie aber rund ein Fünftel weniger Strom produzieren würden, komme die Anlage unter dem Strich trotzdem teurer.

Die Suche nach Alternativen

Es muss ja nicht immer das Dach des denkmalgeschützten Hauptgebäudes sein. Gerber streicht es mit Bedacht hervor. Nach alternativen Standorten zu suchen, gehöre zum Prozedere, wie es in den Richtlinien ebenfalls festgelegt sei. Das Weyergut, wo die Solarzellen nun auf der angebauten Querscheune installiert würden, sei nur ein Beispiel: Oft ergebe die Fotovoltaikanlage auf dem Nebengebäude auch für den Eigentümer selber mehr Sinn.

Für einen Bauern etwa sei es attraktiver, das moderne Stall- und Wirtschaftsgebäude mit seinen grosszügig bemessenen Flächen zu nutzen, so der Denkmalpfleger weiter. Und im Gegenzug das alte Bauernhausdach, wo Quergiebel oder Einfahrten den Aufbau von Solarpanels oft erschwerten, im ursprünglichen Zustand zu belassen.

Bei aller Rücksicht, welche die modernen, gut gestalteten Solaranlagen auf das Erscheinungsbild nehmen: Dass mit den Ziegeln, die dafür verschwinden, historische Bausubstanz verloren geht, steht für Gerber ausser Frage. Gleichzeitig spricht er mit Blick auf die breite Zustimmung zu den erneuerbaren Energien von einem allgemein akzeptierten Kompromiss. Auch wenn, wie er gleich wieder einschränkt, sogar für Solarexperten klar sei: «Die Dächer der Baudenkmäler braucht es für die Energiewende eigentlich nicht.»

Berner Zeitung

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