Bern

Das Velo-Chaos am Bahnhof verschärft sich

BernDie Veloparkplätze beim Bahnhof Bern sind ­konstant überbelegt. Die neuen Publibikes verschärfen das Velopuff zusätzlich. Entlastung könnte eine Veloplattform bei der Welle bringen.

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Rund 4000 Veloabstellplätze gibt es beim Bahnhof Bern. Darin sind die gebührenpflichtigen Velo­stationen miteingerechnet. Das ist viel zu wenig. Das oberirdische Angebot ist insbesondere in der wärmeren Jahreszeit ­massiv überbelegt. Durch den Ausbau des Bahnhofs Bern und die verstärkte Veloförderung, der sich der Gemeinderat verschrieben hat, dürfte der Bedarf an ­zusätzlichen Veloab­stellplätzen um den Bahnhof ­weiter zunehmen.

Dass die Veloparkplatzsituation beim Bahnhof unbefriedigend ist, hat die Stadt Bern erkannt. Im soeben erschienenen Bericht «Masterplan Veloinfrastruktur» der Stadt Bern, auch als «Velo­bibel» bezeichnet, heisst es unter anderem, dass gut ausgelastete und überlastete Standorte ins­besondere im Bahnhofsperimeter und in der oberen Altstadt zu ­finden seien.

Das Ziel: 10'000 Parkplätze

«Es braucht mehr Veloabstellplätze», sagt auch Michael Sutter, SP-Stadtrat und Präsident von Pro Velo Bern. Eine Arbeitsgruppe der Stadt sei daran, Lösungen zu erarbeiten. Das Stadtentwicklungskonzept 2016 hat zum Ziel, bis 2030 total 10'000 Veloabstellplätze anzubieten.

Um dieses ­Angebot zu schaffen, sollen weitgehend neue unterirdische und Indooranlagen erstellt sowie das oberirdische Angebot punktuell ausgebaut werden. Zur Diskussion steht unter anderem eine grosse unterirdische Velostation beim Hirschengraben.

In der «Velo­bibel» werden ausserdem die ­Bewirtschaftung und der Ordnungsdienst thematisiert. «Rund um den Bahnhof besteht ein hoher Nutzungsdruck», heisst es dort. Die Einführung von bewirtschafteten Plätzen, zum Beispiel mit beschränkter Parkdauer, und die Intensivierung des beste­henden Ordnungsdienstes, zum ­Beispiel zwecks Wegräumen von «Veloleichen», könne geprüft werden, heisst es weiter.

SBB werden kritisiert

Pro Velo Bern nimmt auch die SBB in die Pflicht. «Unverständlicherweise müssen die SBB – anders als alle anderen Liegenschaftseigentümer – keine Parkplätze für das Verkehrsaufkommen, das sie generieren, zur Verfügung stellen», sagt Michael Sutter. Diese Auf­gabe und Kosten würden der öffentlichen Hand aufgebürdet. «Auch deswegen ist die Situation der Abstellplätze rund um den Bahnhof Bern auf allen Seiten seit langem unbefriedigend.»

Im Fall des Bahnhofs Bern ­gestalte sich die Situation für die SBB schwierig, sagt deren ­Sprecher Christian Ginsig, «da ‹unser› Grund und Boden bis zur Gebäudefassade reicht und Flächen vor dem Haupteingang oder aber auch an der Schanzenstrasse oder am Bollwerk städtischen Grund betreffen». Selbstverständlich stünden die SBB in engem Austausch mit den Verantwortlichen der Stadt und der Polizei, betont Ginsig.

Im Übrigen betrieben die SBB die Velostationen nicht selber, sondern unterstützten die ­Gemeinden, indem sie Platz zu guten Bedingungen zur Verfügung stellten.

Veloplattform bei der Welle?

Derzeit wird der Bahnhof um- und ausgebaut. Die Bauarbeiten dauern bis 2025. «Nach Abschluss der Bauarbeiten sind im Bereich des Zugangs Länggasse neue und zentral gelegene Abstellflächen für Velofahrer geplant», stellt Christian Ginsig in Aussicht.

Das freut Pro Velo Bern. ­Michael Sutter bringt aber noch eine weitere Idee ins Spiel, welche bereits auch im Berner Stadtparlament andiskutiert wurde. «Wir wünschen uns eine Veloplattform über den Gleisen bei der Welle entlang der Stadtbachstrasse», sagt Michael Sutter. Das würde dem Bedürfnis der Velofahrenden, möglichst nahe bei den Gleisen zu parkieren, entsprechen.

Sutter fordert die Stadt auf, das Gespräch mit den SBB zu suchen. Die Stadt wird nun bereits aktiv. Eine Veloplattform entlang der Stadtbachstrasse ist nämlich Teil der strate­gischen Planung Veloparkierung. Als nächster Schritt ist eine Machbarkeitsstudie vorgesehen, heisst es auf Anfrage.

Beim Projekt «Zukunft Bahnhof Bern» entsteht neben einer neuen SBB-Unterführung auch ein neuer RBS-Tiefbahnhof. Langfristig wird damit der bisherige RBS-Bahnhof frei. Nach Inbetriebnahme des neuen Bahnhofs fällt der alte RBS-Bahnhof an die SBB zurück. Ein Postulat der Fraktion GB/JA verlangte ­bereits im letzten Jahr, dass im frei werdenden RBS-Bahnhof ­Veloabstellplätze entstehen sollen. Das Postulat wurde als erheblich erklärt. Damit ist der Gemeinderat beauftragt, mit den SBB zu klären, ob im dereinst nicht mehr gebrauchten RBS-Bahnhof Veloabstellplätze entstehen könnten.

SBB-Sprecher Christian Ginsig bestätigt, dass die Fläche des ­heutigen RBS-Bahnhofs nach der Inbetriebnahme des neuen RBS-Bahnhofs für den Zugverkehr nicht mehr benötigt wird. «Es wird aber noch viele Jahre dauern, bis diese Fläche frei werden wird.» Deren Nutzung müsse im Gesamtkontext der Erweiterung des Bahnhofs angeschaut ­werden. «Aussagen dazu sind ­aktuell noch nicht möglich», so Ginsig.

Seitens der Stadt Bern bestätigt Verkehrsplaner Karl Vogel, dass man im Rahmen des Projekts «Zukunft Bahnhof Bern» mit den SBB, aber auch mit an­deren Grundeigentümern im ­Gespräch sei, um zusätzliche Velo­stationen zu realisieren. Man ­stehe da zusammen mit den Bahnunternehmen in einer gemeinsamen Verantwortung.

Publibikes verdrängen Velos

Seit kurzem hat sich die Parkplatzsituation für Velos beim Bahnhof noch etwas verschärft – verschuldet durch die Stadt Bern selbst. Für die neuen Publibike-Stationen wurden nämlich auf dem ganzen Stadtgebiet nicht nur Autoparkplätze aufgehoben. Auf dem Bahnhofplatz wurden für die Publibike-Station auch Veloparkplätze geopfert. Dafür stehen hier nun 17 Velos und 19 ­E-Bikes zur Leihe zur Verfügung. Damit wird es für Velofahrerinnen und -fahrer noch schwieriger, beim Bahnhof einen Parkplatz für den eigenen Drahtesel zu finden.

Dazu Verkehrsplaner Karl ­Vogel: «Diese Problematik ist uns bewusst. Wir haben deshalb auch bereits drei Viertel der von Publibike belegten Veloparkplätze durch neue ersetzt.» Zudem werde das Veloverleihsystem auch von Pendlerinnen und Pendlern benutzt, was die Veloparkier­situation entlaste. «Gemeinsam benutzte Velos brauchen schliesslich unter dem Strich ­weniger Platz als Einzelvelos», so Vogel.

Pro Velo bedauert es einerseits, dass Veloparkplätze aufgehoben wurden. «Es gab aber schon vor Publibike zu wenig Plätze», sagt Michael Sutter. Und er ergänzt: «Damit Publibike attraktiv ist und bleibt, braucht es zentrale Stationen – eben auch bei der Heiliggeistkirche auf dem Bahnhofplatz.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.07.2018, 07:08 Uhr

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