Das Tram Region Bern ist entgleist

Bern

Rund acht Jahre planten die Behörden, am Sonntag kam das jähe Ende: Die neue Tramlinie von Ostermundigen nach Köniz hatte beim Stimmvolk keine Chance. Die Stadt Bern hiess das Projekt zwar gut, doch aus den beiden Vororten kam ein Nein.

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Lucia Probst
Sandra Rutschi

Das Tram Region Bern ist Geschichte, bevor es überhaupt losfahren konnte: Ostermundigen und Köniz erteilen dem Mammutprojekt eine Absage. In Köniz legten 61,4 Prozent der Stimmberechtigten ein Nein in die Urne. In Ostermundigen sagten 53,4 Prozent Nein. Anders stimmte hingegen die Stadt Bern: 61,3 Prozent wünschten sich das Tram, in allen Stadtteilen hat es grünes Licht erhalten.

Dieses deutliche Ja aus der Stadt Bern bleibt aber wirkungslos: Hätte Köniz oder Ostermundigen auch Ja gesagt, so hätte sich das Projekt in reduzierter Form mit nur einem Tramast umsetzen lassen. So aber ist das Vorhaben vom Tisch. Einen Plan B gebe es nicht, sagten die Vertreterinnen und Vertreter der drei Gemeinderäte gestern an einer gemeinsamen Medienkonferenz. Planungs- und Projektierungskosten von 25 bis 33 Millionen Franken sowie acht Jahre Planungsarbeit werden damit hinfällig.

Die Behördenvertreterinnen betonten, dass sie sich alle ein anderes Resultat gewünscht hätten. Pikant: Wären Bern, Ostermundigen und Köniz eine einzige Gemeinde, hätte das Tram mit 33972 Ja- zu 28785 Nein-Stimmen freie Fahrt erhalten.

Die Suche nach den Gründen

Überraschend ist vor allem das Nein aus Ostermundigen. Dort sprach sich diesen Frühling das Parlament mit nur einer Gegenstimme fürs Tram aus. Nein sagte einzig Lucia Müller (SVP). «Für die Politik ist das Resultat überraschend, für die Bevölkerung nicht», kommentierte sie gestern das Nein. Sie habe die Skepsis schon länger gespürt. «Sprach ich mit Leuten auf der Strasse, sagten sieben von zehn Nein zum Tram.» Die Kosten hätten den Leuten Angst gemacht. Zudem habe sich die Bevölkerung vor einer zunehmenden Verstädterung gefürchtet. In Ostermundigen sei das Leben noch dörflicher als in der Stadt.

Klare Gründe für das Nein zu finden, sei schwierig, fand hingegen die Ostermundiger Gemeinderätin Regula Unteregger (SP). Das Nein sei ein «herber Rückschlag» für die Entwicklung der Gemeinde. Viele Herausforderungen blieben so ungelöst. Auch Unteregger sieht in den Kosten einen der Gründe für das Nein, manche hätten sich ein Tram auf der Bernstrasse auch wegen der engen Platzverhältnisse nicht vorstellen können. Auch viele Einzelinteressen macht sie für den Fall der Vorlage verantwortlich. «Es wurde emotional diskutiert, das Projekt war sehr komplex – so etwas lässt sich nur mit Kompromissen realisieren.»

«Bewusst Ängste geschürt»

In Köniz stand das Tram politisch schon lange auf der Kippe. Anders als in Ostermundigen konnten sich die Bürgerlichen mit dem Projekt nicht anfreunden – im Parlament kam die Tramvorlage im Frühsommer denn auch nur knapp durch.

Es gebe nicht «den Grund» für die Ablehnung, führte Gemeinderätin Katrin Sedlmayer (SP) am Sonntag aus. Ängste, die Komplexität der Vorlage sowie die Kosten hätten wohl vor allem dazu geführt. Die Gegner hätten bewusst Ängste geschürt: vor Kulturlandverlust, vor Wachstum, vor einer Steuererhöhung oder auch vor Stau. Das Projekt habe zudem viele Leute überfordert. «Es hat eine lange Vorgeschichte, doch viele kritisierten jetzt am Schluss, es lasse sich gar nichts mehr ändern.» Es sei aber nicht möglich gewesen, im Abstimmungskampf noch etwas am Projekt anzupassen.

Frust in der Stadt Bern

Die Stadtberner Verkehrsdirektorin Ursula Wyss (SP) war sichtlich frustriert über die Absagen aus den Agglomerationsgemeinden: «Wir haben ein Tram Stadt Bern, aber kein Tram Region Bern», sagte sie. Sie mache sich «grosse Sorgen», dass Stadt und Region Bern künftig im Wettbewerb mit anderen Standorten nicht mehr werden mithalten können. «Wenn die Agglomeration auf Wachstum, zusätzlichen Wohnbau und neue Arbeitsplätze setzt, muss sie auch beim Infrastrukturausbau im Verkehrsbereich mithelfen», betonte sie. Auch in der Stadt sei der Abstimmungskampf emotional geführt worden. Doch habe hier das Gesamtinteresse die Einzelinteressen überwogen. Für Wyss ist das ein gutes Signal für künftige städtische Tramprojekte wie die mögliche Tramlinie vom Wyler in die Länggasse, die unter Federführung des Kantons geprüft werden soll. Das Resultat zeige auch, dass der Leidensdruck in der Stadt gross sei und dass hier der Fokus auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs der richtige sei.

Wie es nun weitergeht? Das werde die Behördendelegation zum Tram im Oktober diskutieren, erklärten die Gemeinderatsmitglieder. Angeführt wird die Delegation von Regierungspräsidentin Barbara Egger (SP). Sie war gestern an der Medienkonferenz nicht dabei, sondern kommentierte das Resultat aus ihren Ferien (siehe Interview).

Berner Zeitung

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