Zum Hauptinhalt springen

Das Spital ist ihre Bühne

An Prüfungen von Medizinstudierenden mimt Madeleine Gamma aus Bremgarten Symptome von Krankheiten. Auf ihr Schauspiel antwortet ihr Körper manchmal mit seltsamen Reaktionen.

Madeleine Gamma spielt öfters mal krank.
Madeleine Gamma spielt öfters mal krank.
Raphael Moser

Die Patientin hat Schmerzen. Sie hält sich den Bauch, den Kopf, windet sich im Bett. «Wann kommt endlich jemand?», fleht sie. Niemand kommt. Da sind nur der Fotograf und die Journalistin.

Minuten später sitzt die Patientin am Tisch, ohne Schmerzen. Die Fotos sind gemacht, Madeleine Gamma ist aus ihrer Rolle geschlüpft. Denn krank ist sie nicht: Die 54-Jährige aus Bremgarten ist Simulationsperson. An Prüfungen von Medizinstudierenden spielt sie Symptome von Krankheiten vor. Mit entsprechenden Fragen müssen die Studierenden die Diagnose stellen.

Wie die Studierenden muss sich Gamma auf die Prüfungen vorbereiten. Circa drei Wochen vor der Prüfung erhält sie ihr Skript. Darin steht, auf welche Fragen sie welche Antwort geben muss. Etwa, ob die Kopfschmerzen spitz oder stumpf sind oder welche Bereiche des Beines sie nicht mehr spürt. Auch erhält sie eine neue Persönlichkeit: Name, Alter, Kinder, Hobbys, Beruf – alles steht im Skript.

Nachdem sie ihre Rolle verinnerlicht hat, trifft sie sich mit den drei anderen Personen, die an der Prüfung in separaten Zimmern die gleiche Patientin spielen werden. Gemeinsam üben sie die Szenen.

Symptome nach Skript: Madeleine Gamma beim Simulieren. Foto: Raphael Moser
Symptome nach Skript: Madeleine Gamma beim Simulieren. Foto: Raphael Moser

Wichtig sei, dass alle die Symptome gleich äusserten, damit alle Kandidatinnen und Kandidaten die gleichen Bedingungen vorfänden. Wie sie zum Beispiel Bauchschmerzen darstelle, habe sie nie speziell ­gelernt. Sie stellt sich vor, wie sie sich verhalten würde, wenn ihr der Bauch tatsächlich schmerzen würde.

Hobby statt Job

Seit 2002 setzt die Medizinische Fakultät der Universität Bern – wie alle Unis in der Schweiz – Simulationspersonen bei Prüfungen ein. Im Moment sind rund 130 Personen als solche tätig. Manche von ihnen haben eine professionelle Schauspielausbildung. Vielen geht es wie Madeleine Gamma: Sie sind Quereinsteigerinnen.

Während ihrer Kindheit und Jugend spielte Gamma in Schultheatern mit. Nach der Matur schwankte sie zwischen dem Schauspielstudium oder jenem der Pharmazie. Sie wählte letzteres. «Die Ungewissheit, ob ich als Schauspielerin einen Job finden würde, hat mir die Entscheidung geliefert.»

Heute arbeitet sie Teilzeit bei Swissmedic, der Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Alle zwei Wochen singt sie in einem Chor.

Dort war es, dass sie von der Existenz von Simulationspersonen erfahren hat. Vor fünf Jahren erzählte ihr ein Chorkollege von seinen Einsätzen bei den Prüfungen. Gamma war begeistert: Endlich hatte sie die Verschmelzung ihrer Interessen gefunden, der Medizin und des Schauspiels. Drei Castingrunden später stand fest: Sie ist nun Teil des Teams.

Charakterstudie

An Prüfungstagen sitzt Madeleine Gamma jeweils zusammen mit einer Examinatorin oder einem Examinator in einem Zimmer des ehemaligen Zieglerspitals. Zwischen acht und dreizehn Minuten dauert eine Prüfung, abhängig vom Studienjahr. Pro Kalenderjahr gibt es vier Prüfungsblöcke von je drei Tagen.

Vor der ersten Runde sei sie immer nervös, sagt Gamma. «Den Studierenden zuliebe will ich meine Arbeit gut machen. Und ihnen auf keinen Fall ein Ei legen, weil ich meine Rolle nicht beherrsche.» Ihren Einsatz betrachtet sie als Dienstleistung. «Ich mache das nicht für meine Selbstverwirklichung.»

«Ich mache das nicht für meine Selbst­verwirklichung.»

Madeleine Gamma

Mehrwert für sich erntet sie trotzdem. Zum einen das Geld: 40 Franken Stundenlohn. Dazu Immaterielles: «Es ist spannend, die Studierenden zu beobachten. Die verschiedenen Charaktere, die da auftauchen.» Gerne würde sie ihnen direkt nach der Prüfung eine Rückmeldung geben. Doch das darf sie nicht. Zu gross wäre der Aufwand.

Fotos und Attrappen

Nicht alle Untersuchungen können die Studierenden an den Simulationspersonen durchführen. Für Vaginal-, Rektal- und Augenuntersuchungen stehen Attrappen zur Verfügung; Brüche oder geschwollene Gelenke werden auf Fotos dargestellt. Ausschläge und Schnittwunden schminkt eine Maskenbildnerin auf die Haut.

Obwohl der Körper von Madeleine Gamma bei den Prüfungen faktisch unversehrt bleibt, habe sie bereits den Nocebo-Effekt gespürt: Als die Studierenden ihr Blut aus der Armvene entnehmen mussten, beziehungsweise aus der Attrappe, welche sie auf dem Arm trug, hatte sie am Abend einen roten Fleck an der Einstich­stelle.

Nach der letzten Prüfungsrunde versammeln sich alle Simulationspersonen in einem Raum. Dort erinnere eine Organisationsperson daran, dass der Tag nun fertig sei – und alle aus ihrer Rolle schlüpfen sollten. Für ihren persönlichen Abschluss spaziert Madeleine Gamma jeweils mit anderen aus dem Team in die Stadt. Eine halbe Stunde marschieren, und sie hat ihre Patientin hinter sich gelassen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit? Im Forum stellen wir Menschen und ihr Hobby vor. Melden Sie sich! redaktion@bernerzeitung.ch (Vermerk: Mein Hobby).

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch