Das Spinnen ist ihre Leidenschaft

Auch jüngere Leute legen gerne wieder selber Hand an. Handarbeiten boomt. Asita Krebs spinnt ihre eigene Wolle und verstrickt sie auch selbst. Vieles fädelt sie dabei im Internet ein.

Freizeit heisst bei ihr Handarbeit: In ihrem Atelier in Köniz spinnt und färbt Asita Krebs Wolle, die sie verkauft und auch selbst verarbeitet.

Freizeit heisst bei ihr Handarbeit: In ihrem Atelier in Köniz spinnt und färbt Asita Krebs Wolle, die sie verkauft und auch selbst verarbeitet.

(Bild: Iris Andermatt)

Lucia Probst

Der rosafarbene Faden gleitet zwischen ihren Fingern hindurch. Die Spule dreht sich regelmässig und surrt dabei leise. Am Spinnrad sitzt Asita Krebs, 32 Jahre alt, braunes Haar bis zu den Hüften. Ihre Füsse wippen auf den Pedalen auf und ab. Ihre Hände bewegen sich flink und routiniert.

Spinnen ist die Leidenschaft der jungen Frau. Schon ihr halbes Leben?lang. So sehr, dass sie nebenberuflich eine mehrjährige Ausbildung zur Handspinnerin absolviert hat.

Schuld daran sind «Die Nebel von Avalon». Mit 16 Jahren las Asita Krebs das Buch über die mittelalterliche Artus-Sage. «Die Frauen darin spinnen andauernd, ich konnte mir gar nicht vorstellen, was das ist, aber es hat mich fasziniert.» Ihre Mutter habe ihr dann eine Spindel besorgt und gezeigt, wie das gehe. «Sie hatte das mal in einer Hippie-WG gemacht, als sie jung war.»

Im Strickfieber

Später kam das Stricken dazu. «Ich wollte etwas aus dem Garn machen, das ich hergestellt habe», sagt Asita Krebs. Zuerst waren es nur einfache Stulpen, heute sind es kompliziertere Strickstücke. Vor allem dreieckige Schaltücher mit Mustern.

Dass sie sich als junge Frau so sehr der Handarbeit verschrieben hat, sorgt immer wieder für Erstaunen. «Ich stricke in den Pausen, im?Zug oder auch, wenn ich irgendwo warten muss.»

Vor allem ältere Leute würden sie oft darauf ansprechen. «So nach dem?Motto: Was, das gibt es heute noch?», erzählt Asita Krebs. «Doch Handarbeiten boomt», sie kenne viele junge Leute, die wieder Freude daran hätten, sagt Krebs.

Für die ältere Generation sei es oft ein Muss gewesen, Socken und Pullover zu stricken. «Wir Jüngeren können das aus reiner Freude machen.»

Es gibt sie allerdings schon auch noch, die jüngeren Leute, die Krebs schräg anschauen, wenn sie irgendwo strickt. «Sie sagen meist nichts und gehen weiter.»

Dass ihr Hobby aussergewöhnlich ist, merkt Asita Krebs auch, wenn sie sich jeweils donnerstags mit einer Strickgruppe am Bahnhof in Bern in einem Restaurant trifft. «Da wollen regelmässig Leute Fotos von uns machen.» Eingefädelt werden diese Strickabende alles andere als nostalgisch über die Onlineplattform meet up.

Die sozialen Medien beschäftigen Handarbeitsfreak Krebs überhaupt sehr. Nebst ihrer Webseite sidispinnt.ch (Sidi ist ihr Spitzname) hat sie einen Blog und ist auf Facebook, Instagram und der Handarbeitsplattform Ravelry präsent. Im Internet veröffentlicht sie Fotos ihrer selbst designten Strickarbeiten inklusive Anleitung.

Asita Krebs greift zum Handy und scrollt stolz über ein paar Fotos. Sie zeigen Stricksachen, die andere nach ihren Mustern gestrickt haben. Es gibt auch eine virtuelle Gruppe, die gemeinsam einen Schal nach krebsscher Anleitung strickt.

In der Abgeschiedenheit

Im Internet präsent zu sein, sei wichtig, aber stressig. «Du musst ständig Neues bieten. Der Aufwand ist riesig», erzählt die junge Frau. Die Strickmuster stellt sie meist gratis zur Verfügung. Manche ihrer Netzkolleginnen hat sie schon real getroffen, zum Beispiel Anfang Oktober am ersten Schweizer Wulle-Festival.

Auf dem Sofa der jungen Frau liegen derzeit sechs Strickarbeiten. «Ich stricke immer an dem Stück weiter, auf das ich gerade am meisten Lust habe.» Gestrickt wird in der Abgeschiedenheit einer alten Mühle, wo Asita Krebs in Niederscherli wohnt. «Ich brauche viel Ruhe», sagt sie. Manchmal spielt sie zum Stricken Hörbücher ab, schaut sich Serien an – oder denkt über neue Strickmuster nach.

Menschenhaar gesponnen

Längst spinnt Asita Krebs nicht mehr alle Wolle selbst. Rund vier Tage Zeit braucht es, einen 100-Gramm-Wollknäuel herzustellen, deshalb beschränkt sie sich oft aufs Färben eingekaufter Wollknäuel. Aus der Schweiz stammen diese kaum. «Die Wolle der Schweizer Schafe ist unglaublich grob, weil es hier so kalt ist.»

Ihre Wolle verschickt Krebs in die halbe Welt hinaus. Schon bis nach Australien haben es Knäuel von ihr geschafft. Sie hofft, irgendwann von ihrem Wollversand leben zu können.

Sogar aus Menschenhaar hat Asita Krebs schon Garn gesponnen. «Das war extrem schwierig.» Die Haare sind kurz und rutschig. Doch es war der Spleen von Designstudierenden. Und sie half ihnen kurzerhand dabei. «In unserer Familie spinnen alle ein wenig», pflege ihr Vater jeweils zu sagen. «Sidi einfach etwas anders.»

Berner Zeitung

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