Das Schulzimmer im Wald

Bern

Blaue Ringe an den Bäumen bedeuten: stehen lassen. Orange Striche heissen: fällen. Solche und andere Dinge lernen Berner Schulkinder vom Förster vor Ort.

Schule draussen: So verbringt eine 4. Klasse aus der Länggasse den Tag des Waldes in der Natur. Video: Christian Häderli

Mit verbundenen Augen wird die zehnjährige Jeanne von zwei anderen Schülerinnen zu einem Baum geführt. Sie umschlingt den Stamm und betastet kurz die Rinde, bevor die Kolleginnen sie wieder wegführen. Dann soll sie das Exemplar ohne Augenbinde wiederfinden. Zielstrebig geht sie auf das richtige zu, tastet wieder kurz die Rinde ab und ist sich sicher: Der war es.

Die Viertklässler der Schule Länggasse spielten am Donerstag Blinde Kuh mit dem Förster Roman Suter, der sie in den Bremgartenwald begleitete. Weil es der internationale Tag des Waldes war, standen die Kinder zusätzlich unter der Beobachtung von SP-Regierungsrat Christoph Ammann, der als Volkswirtschaftsdirektor auch die Berner Staatswälder unter sich hat, und von Paul Steffen, dem Vizedirektor des Bundesamts für Umwelt.

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Die beiden zeigten den Medien, wie Schulkinder direkt im Wald etwas über den Wald lernen. Der Kanton Bern fördert solche Schultage und bietet den Klassen Waldtage an. Über 100-mal pro Jahr begleiten die kantonalen Förster Berner Schulkinder in ihre Reviere.

Sonnenempfindliche Buchen

Roman Suter weiss alles über die Bäume im Bremgartenwald, obwohl dieser Wald gar nicht dem Kanton, sondern der Berner Burgergemeinde gehört. Doch in der Schweiz gilt eine spezielle Regelung: Der Wald ist öffentlich zugänglich, unabhängig davon, wem er gehört.

«Früher hat die Burgergemeinde zu fällende Bäume mit einem Beilschlag und einem gravierten Bären markiert.»Roman Suter Berner Förster

Dort, wo die Schulklasse Blinde Kuh gespielt hat, sind die meisten Bäume mit Farbe markiert. Alles Bäume, die demnächst gefällt werden? Nein. Die mit den blauen Ringen sind die schönen und starken, die stehen bleiben. Gefällt werden jene mit den orangen Strichen. «Früher hat die Burgergemeinde diese Bäume mit einem Beilschlag und einem gravierten Berner Bären gekennzeichnet», erzählt Suter.

Er zeigt den Kindern, wie dick die Rinde der Föhren ist, und erklärt, dass die dünnhäutigen Buchen schnell einmal einen Sonnenbrand erleiden, wenn sie im prallen Sonnenlicht stehen. «Die Rinde schützt die Bäume aber auch vor Tieren, zum Beispiel vor Rehböcken, die ihr Geweih an den Stämmen fegen», lehrt er die Schülerinnen und Schüler. Das Baumharz wehrt Käfer ab. Und ja, räumt er bei zwei weiteren Vorschlägen der Kinder ein, auch Biber und Bären könnten den Bäumen schaden – allerdings nicht im Bremgartenwald.

Hütten ja – aber ohne Nägel

Dem Berner Walddirektor und ehemaligen Lehrer Christoph Ammann ist es wichtig, dass die Kinder erfahren: Jeder Wald hat einen Eigentümer – und dieser habe nicht an allem Freude, was dort passiere.

Schulklassen, die ihre Schulstube in den Wald verlegen, seien jederzeit willkommen, erläutert Förster Roman Suter. Bei Zeltlagern seien die Besitzer aber in den meisten Fällen froh, wenn sie zuerst gefragt würden. Baumhütten aus Zweigen und Ästen: kein Problem, solange niemand Nägel einschlägt, erklärt Suter. Die Nägel wachsen ein und werden dann zum Hindernis für Sägeblätter.

Das Horoskop der Kelten

Auch Bikerinnen und Biker, die quer durch den Wald immer wieder neue Single-Trails legen, statt auf den bestehenden Wegen zu bleiben, seien bei Waldbesitzern nicht beliebt, ergänzt der Förster.

Eine weitere, ganz andere Seite des Waldes erfahren die Schulkinder etwas später an ihrem Schultag im Wald: Das keltische Baumhoroskop ordnet jedem Geburtstag einen passenden Baum zu. Wer am 21. März geboren ist, gehört zu den Eiche-Menschen. Ihre Stärken seien ihr gefestigter Charakter und ein unbändiger Tatendrang, besagt das Baumhoroskop.

Berner Zeitung

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