Zollikofen

Das Radio für Blinde setzt auf Bilder im Kopf

ZollikofenDie Plattform «Blind Power» macht blinden und sehbehinderten Personen Fussball­spiele zugänglich. Nun will sie vermehrt auch kulturelle Events wie das Rendez-vous auf dem Bundesplatz mit Worten sichtbar machen.

Im Studio von «Blind Power» in der Alten Feuerwehr Viktoria: Yves Kilchör und Präsidentin Margaretha lauschen einer Produktion der Audioplattform.

Im Studio von «Blind Power» in der Alten Feuerwehr Viktoria: Yves Kilchör und Präsidentin Margaretha lauschen einer Produktion der Audioplattform. Bild: Beat Mathys

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Ein Paar sitzt an der Bar, der Mann streicht der Frau über die Wange. Sie hat dunkle Locken und trägt roten Lippenstift. Gedankenverloren nippt sie an ihrem Getränk. Plötzlich klingelt sein Handy, er schaut auf den Bildschirm, runzelt die Stirn, dann geht er nach draussen. Das alles sehen TV-Zuschauer in den ersten zwei Minuten in einer Folge der Krimiserie «Der Bestatter» – wenn sie denn überhaupt etwas sehen können.

Die Fernsehserie wird nämlich von der SRG nicht nur dem «normalen» Verbraucher zugänglich gemacht, sondern mit Untertiteln auch gehörlosen Menschen. Und seit dem revidierten Fernseh- und Radiogesetz von 2014 vermehrt auch sehbehinderten und blinden Nutzern. Mittels Audiodeskription werden Spielfilme, kulturelle Anlässe wie Theater oder Musicals oder Sport­anlässe wie ein Fussballspiel von Kommentatoren so genau wie möglich beschrieben. «Ein Kommentator ist dann gut, wenn er es schafft, bei einer blinden Person Bilder im Kopf entstehen zu lassen», sagt Yves Kilchör.

Auch blinde Fans ins Stadion

Der 31-Jährige, dessen Sehkraft 2 Prozent beträgt, ist Mitbegründer der Audioplattform «Blind Power». Vor über zwanzig Jahren entstand das Projekt in einem Kellerraum der Blindenschule Zollikofen, 2004 sendeten er und sein Team erstmals live, zwei Jahre später wurde «Blind Power» als Webradio aufgeschaltet.

Mittlerweile arbeiten über zwanzig – sehende, sehbehinderte und blinde – Mitarbeiter für den eigenständigen Verein, der sein Angebot vor allem im Bereich der Audiodeskription ausbauen will. Seit der letzten Saison werden jeweils die Fussballspiele der Super League übertragen, Kommentatoren beschreiben auch hier möglichst jedes Detail, das sich auf dem Platz abspielt. Dafür brauche es grosse Konzentration und Geschick. «Unser primäres Ziel dabei ist es, dass tatsächlich auch die blinden Fussballfans ins Stadion pilgern und das Spiel live miterleben», sagt Yves Kilchör. Denn das bedeute Integration.

«Auf allen Ebenen, bei denen es möglich ist, arbeiten Leute mit und ohne Behinderung zusammen», sagt Margaretha Glauser, die Präsidentin des Vereins. Das Radio setze sich schon seit der Gründung für Integration und Inklusion von sehbehinderten und blinden Menschen ein. Dazu passt auch das neue Zuhause, das «Blind Power» in der Alten Feuerwehr Viktoria im Berner Breitenrainquartier gefunden hat. «Wir sind dort eines von vielen Projekten und fühlen uns sehr gut aufgenommen und integriert», sagt Glauser. Die Plattform wird über Spenden und Mitgliederbeiträge finanziert, alle Mitarbeiter ausser die Kommentatoren leisten ehrenamtlichen Einsatz.

Neutrale Beschreibungen

Zurück zum Kerngeschäft der Plattform, wo sich die Frage stellt: Welches sind denn nun die Unterschiede, wenn jemand ei­nen x-beliebigen Radiosender einschaltet – der ja auch auf Zuhörer und nicht auf Zuschauer ausgerichtet ist –, um sich den Fussballmatch anzuhören, oder ihn auf «Blind Power» mitverfolgt? «Eine Audiodeskription ist immer neutral und überträgt möglichst keine Sympathien und Emotionen», erklärt Kilchör. Es sei wichtig, nicht Partei zu ergreifen, sondern nur so genau wie möglich zu beschreiben. Und es ist diese Genauigkeit, die zwar für eine sehende Person fast zu viele Informationen enthält, bei einem blinden Zuhörer aber die Bilder im Kopf entstehen lassen kann.

Ausserdem sollen solche Anlässe nicht nur für sehbehinderte Personen zugänglich gemacht werden, sondern auch für Leute, die aus anderen Gründen nicht vor Ort sein können.

Kultur im Fokus

In Zukunft will sich die Audioplattform vermehrt auch anderen Sportarten und vor allem kulturellen Anlässen widmen. «Ein grosser Traum wäre die Audiodeskription vom Rendez-vous auf dem Bundesplatz», sagt Mitbegründer Yves Kilchör. Blinden und sehbehinderten Menschen einen besonderen Event zugänglich zu machen, sei das Ziel der Plattform. «Der Zeitgeist wandelt sich, vor allem kulturelle Institutionen kommen uns häufig entgegen und zeigen Interesse an einer Zusammenarbeit», erklärt Margaretha Glauser. Aber auch mit Fussballvereinen wie dem FC Thun arbeite der Verein dank der Unterstützung der Swiss Football League und Raiffeisen erfolgreich zusammen. Der Fussballclub hat mit «Blind Power» ein System erarbeitet, um die sehbehinderten und blinden Fans die Fussballspiele im Stadion ganz ohne Verzögerung miterleben zu lassen.

Und auch das barrierefreie Fernsehen nehme bei der SRG grössere Anteile an. Das Angebot der SRF-Fernsehserien, die wie beim «Bestatter» mit Audiodeskription versehen werden, wächst. «Das ist eine erfreuliche Entwicklung», sagt Yves Kilchör als dankbarer Nutzer, der dadurch mehr Sendungen konsumieren kann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.03.2018, 12:54 Uhr

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