Das Lachen, das die Emotionen überspielt

Der BZ-Stapi-Check, Teil 3: Mimik und Gestik sind dafür verantwortlich, wie wir auf andere wirken. Ein Kommunikationsexperte hat Ursula Wyss und Alec von Graffenrieds Körpersprache anhand von Videoaufnahmen analysiert.

Kommunikationsexperte Roger Nydegger analysiert das erste Videointerview von Ursula Wyss, welches sie nach ihrer Wahl zur Gemeinderätin gab.

Welche Faktoren spielen bei der Wahrnehmung und der Beurteilung eines Menschen eine zentrale Rolle? Eine Studie aus den USA besagt, dass der Inhalt von Gesprochenem nur zu sieben Prozent für den Gesamteindruck verantwortlich ist.

Die alles überragende Rolle spielen die Körpersprache und der Tonfall. Die Psychologie ist sich einig: Wie wir auf andere Menschen wirken, ist zum grössten Teil auf nonverbale ­Signale, auf Mimik und Gestik, zurückzuführen – wobei es unbewusste Signale gibt und solche, die antrainiert sind.

Emotionen werden überspielt

Der 58-jährige Roger Nydegger aus Zürich (siehe Infobox) ist einer der Experten, die sich mit der Körpersprache auseinandersetzen. Für diese Zeitung hat er sowohl aktuelle als auch ältere Videos analysiert, in denen Stapi-Kandidatin Ursula Wyss (SP) und Stapi-Kandidat Alec von Graffenried (GFL) auftreten. Roger Nydegger hat sich dabei voll auf deren Gesten, Mimik sowie deren Sprache konzentriert.

Die erste Szene, die er begutachtet: Mittwoch, 30. November, drei Tage nach den Wahlen. Ur­sula Wyss hat soeben an einer Pressekonferenz bekannt gegeben, dass sie weiterhin als Stapi-Kandidatin antritt, und sie gibt gegenüber «Berner Zeitung online» ein Interview.

Roger Nydegger zu ihrem Auftritt: «Sie spricht hier von schwierigen Momenten, vom Wahlkampf, der einen mitnimmt, und dass sie angegriffen wurde – und sie lacht dabei.» Das wirke unecht und antrainiert. «Wenn der Satz fertig ist, geht der Mund zum ­Lachen auf. Das ist nicht echt, weil die Augen nicht mitspielen und sich nur der Mund bewegt.»

Es gäbe hingegen viele Situationen, auch in älteren Videos, in denen Wyss’ Lachen echt sei. «In schwierigen Momenten allerdings ist sie am wenigsten authentisch, macht eine Maske und überspielt ihre Emotionen mit einem markanten Lachen. Lachen ist ein Mittel, Emotionen unter Verschluss zu halten.»

Offen, präsent, glaubwürdig

Grundsätzlich erhält Kandidatin Wyss von Roger Nydegger ein gutes Zeugnis: «Sie hat einen ­klaren Blick, wirkt offen, präsent und glaubwürdig.» Man habe auch nicht das Gefühl, dass sie ­etwas verstecken wolle. «Ich finde, diese Frau kommuniziert gut.»

Sie habe auch einen guten Sprachrhythmus, betone wichtige Dinge speziell, so Nydegger. «Auch die Gestik ist passend, sie hält die Hände beim Reden nicht versteckt, sondern meistens oben und unterstützt mit ihnen das Gesagte gut.»

Stimme stimmt, Gestik kaum

Kommunikationstrainer Roger Nydegger nimmt sich ein anderes Video vor. Es zeigt Alec von Graffenried einen Tag nach der Wahl, am Zibelemärit, beim Interview mit «Berner Zeitung online». Nydegger: «Er hat eine schöne, sonore Stimme, die wirkt sehr po­sitiv. Der Duktus der Sprache ist gleichmässig, neutral, Emotionen spürt man keine. Das könnte man so interpretieren, dass der Mann verlässlich ist.»

Kommunikationsexperte Roger Nydegger analysiert das erste Videointerview von Alec von Graffenried, das er am Tag nach seiner Wahl zum Gemeinderat gab. Video: Claudia Salzmann

Mühe habe er aber mit von Graffenrieds Körpersprache. Seine Mimik und Gestik sagen: Das habe ich schon 5000-mal gesagt, jetzt sage ich es halt noch einmal. «Wenn von Graffenried von hoher Motivation spricht, sagt er das in einem fast gleichgültigen Ton, und das ist nicht sehr glaubwürdig.»

Nydegger attestiert dem Stapi-Kandidaten eine neutrale Mimik, aber eine ausladende Gestik. «Wenn er das Wort ‹konstruktiv› erwähnt, schüttelt er mit dem Kopf und torpediert so seine Aussage.» Auch balle er oft die Hände zu Fäusten oder setze den Zeigefinger ein. «Das sind negative Gesten.»

Roger Nydeggers Fazit: «Alec von Graffenried sollte das, was er sagt, vermehrt mit einer positiven Gestik unterstützen und ein bisschen mehr lachen. Ursula Wyss sollte ein bisschen weniger lachen, und sie würde noch stärker wirken, wenn sie ihre Emotionen zeigt.»

Nydegger beurteilt die Gestik der beiden Stapi-Kandidaten. Video: Claudia Salzmann

Abgesehen davon seien diese Einschätzungen subjektiv, sagt Nydegger. Sie würden natürlich auch nichts über den Wahlausgang aussagen. «Donald Trump hat bei den Rededuellen mit Hillary Clinton alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Er wurde gewählt.»

Stapi-Check live

Wie schlagen sich Ursula Wyss und Alec von Graffenried ohne Netz und doppelten Boden? Die BZ bittet die beiden Kandidierenden zum ­Live-Stapi-Check in den Progr: Am Donnerstag, 5. Januar, stellen sie sich den Fragen von geladenen Vertretern aus Gewerbe, Politik und anderen Interessengruppen.

Ab 19 Uhr, in der Aula des Progr, Speichergasse 4. Ab 18.30 Uhr und nach der Diskussion gibt es Barbetrieb. Der Eintritt ist frei.

Berner Zeitung

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