«Das Kunstmuseum hat keine Gesamtstrategie»

Bern Stadt

Das Kunstmuseum Bern gibt derzeit manche Rätsel auf. Die Institution treibt das Millionenbauprojekt Abteilung Gegenwart ohne Rücksicht auf den Fall Gurlitt und den Kooperationspartner Zentrum Paul Klee voran. Macht das Sinn?

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen: Die Strategie und Kommunikation des Kunstmuseums wirft Fragen auf.

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen: Die Strategie und Kommunikation des Kunstmuseums wirft Fragen auf.

(Bild: Montage BZ/Urs Baumann)

Oliver Meier@mei_oliver
Helen Lagger@FuxHelen

Die Herausforderungen für das Kunstmuseum sind beträchtlich. Da sind die geforderte Zusammenarbeit mit dem Zentrum Paul Klee (ZPK) und der Aufbau einer gemeinsamen Dachstiftung. Da ist das kontroverse Vermächtnis des Cornelius Gurlitt, das die Institution ins Scheinwerferlicht der internationalen Öffentlichkeit stellt. Und da ist das Millionenprojekt Abteilung Gegenwart, das nach mehreren gescheiterten Anläufen vorangetrieben wird.

Wie hängt das alles zusammen? Gar nicht – finden offenbar die Verantwortlichen. Das Kunstmuseum hat das Bauprojekt Gegenwart unabhängig vom Kooperationsprozess mit dem ZPK aufgegleist. Und erst jüngst hielt Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin im «Bund» fest, das Projekt Gegenwart und die Abklärungen zum Gurlitt-Erbe seien «zwei voneinander völlig unabhängige Unterfangen, die wir da verfolgen». Macht das Sinn?

«Das heisst doch übersetzt: Das Kunstmuseum Bern hat keine Gesamtstrategie», findet der Künstler und Kurator Heinrich Gartentor. Nachfolgend die wichtigsten Diskussionspunkte. Das Kunstmuseum sagt dazu nach einigem Hin und Her: «No comment.» Dafür äussern sich Exponenten der Kunstszene.

1. Das Gurlitt-Vermächtnis und das Projekt Gegenwart

Das Kunstmuseum plant eine Abteilung Gegenwart mit einer Ausstellungsfläche von 700 Quadratmetern. Müsste es nicht eher eine «Abteilung Gurlitt» ins Auge fassen – und das andere Millionenprojekt zurückstellen? Gemäss Stiftungsratsbeschluss äussert sich das Museum derzeit nicht zum Thema Gurlitt. Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass die Entscheidungsträger damit sympathisieren, die Erbschaft anzunehmen.

Nach heutigem Erkenntnisstand enthält die Sammlung Gurlitt rund 1500 Werke – ein Grossteil davon grafische Arbeiten. Im Mai spielte Direktor Matthias Frehner mit dem Gedanken, die Hauptwerke der Gurlitt-Sammlung einfach in die eigenen Bestände zu integrieren. «Dann hängen wir die Bilder anders und wechseln häufiger die Sammlungspräsentation.» Den anderen Pol repräsentiert Stadtpräsident Alexander Tschäppät mit seinem Traum von einem Berner «Museum für Raubkunst».

Ein eigenes Museum sei «sicherlich zu hoch gegriffen», meint dagegen Bernhard Bischoff, Galerist und Präsident der städtischen Kunstkommission. «Dass aber im Kunstmuseum dem Thema Raum gewährt und die Arbeiten in einen historischen Kontext eingebettet würden, ist sicherlich nicht abwegig, ja wäre sogar wünschenswert.» Das Projekt Gegenwart zugunsten der Gurlitt-Sammlung zurückzustellen, sei aber nicht sinnvoll, findet Bischoff. «Ich denke nicht, dass eine eigenständige Gurlitt-Abteilung längerfristig Sinn machen würde. Das tut ein Gegenwartsfenster aber sehr wohl.»

Auch Ex-Kultursekretär Christoph Reichenau denkt «nicht unbedingt in der Kategorie einer neuen Abteilung oder eines neuen Museums». «Von Zeit zu Zeit könnten Ausstellungen an bestehenden Orten gezeigt werden – nicht nur im Kunstmuseum, auch etwa im Klee-Zentrum, in der Kunsthalle oder im Kubus des Historischen Museums.»

Beate Engel, Kulturmanagerin und ehemalige Progr-Leiterin, meint dezidiert, die Planung der Abteilung Gegenwart könne nicht «vollkommen unabhängig von den aktuellen Ereignissen rund um das Gurlitt-Erbe erfolgen». Wichtig sei, dass das Museum «ein Umfeld» schaffe, «in dem die Welt hinter den Meisterwerken im politischen und historischen Kontext erfahrbar gemacht wird». Reichenau gibt zu bedenken, der Entscheid in Sachen Gurlitt habe Auswirkungen auf das «gesamte neue Konstrukt» mit dem Klee-Zentrum. «Deshalb müsste er aus meiner Sicht jetzt – auch bevor eine Dachstiftung gegründet ist – mit allen später daran Beteiligten abgesprochen werden.»

2. Das Projekt Gegenwart und das Zentrum Paul Klee

Vornehme Zurückhaltung zeigt das Klee-Zentrum, wenn es um das geplante Bauprojekt des Kunstmuseums geht. Nicht reinreden, die «Integritäten wahren», heisst die Devise. Ob das im Sinn des Kunststandorts Bern ist? «Es braucht nicht unbedingt weitere Grossinvestitionen in Neubauten, die wiederum zusätzliche Betriebskosten generieren», findet Beate Engel mit Blick auf die Idee eines Museums für Raubkunst und die Abteilung Gegenwart. «Es braucht Räume, die flexibel bespielbar sind und den Willen zur Kooperation. Die grosszügige Architektur des ZPK würde sich zum Beispiel sehr gut für Performatives und für Grossinstallationen aus der Gegenwartskunst eignen.»

Skeptisch zeigt sich Engel gegenüber den Plänen des Kunstmuseums, die 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf verschiedenen Stockwerken zu realisieren. «Es wird schwierig sein, damit den Raumansprüchen von zeitgenössischer Kunst zu genügen.»

Christoph Reichenau weist darauf hin, dass sich das ZPK «von Anfang an – und immer stärker – auch mit Gegenwartskunst» befasste. «Es erschiene mir als Schildbürgerstreich, eine möglichst enge Zusammenarbeit zu postulieren und gerade im überschneidenden Bereich Gegenwartskunst Sonderzüglein zuzulassen.» Mit dem Klee-Zentrum seien rund 2500 Quadratmeter bester Ausstellungsraum neu geschaffen worden. «Warum nicht jetzt einmal ausprobieren, wie der bestehende Raum in beiden Häusern optimal genutzt werden kann, bevor man Geld ausgibt, neue Sachzwänge schafft und zusätzliche Betriebskosten in Kauf nimmt?»

3. Der Verzicht auf eine Ausschreibung des Bauprojekts

Ausgearbeitet wurde die Inhouse-Lösung für die Abteilung Gegenwart vom Berner Büro Jordi+Partner AG. Eine öffentliche Ausschreibung fand nicht statt – das sorgte in der Architektenszene für Unmut. Auch der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein trat an den Stiftungsrat heran. Rechtlich ist das Kunstmuseum indes nicht zu einer Ausschreibung verpflichtet – sofern mindestens 50 Prozent aus privaten Quellen stammen.

«Das Kunstmuseum hat nicht einmal die Atelier-5-Architekten, die 1983 den Erweiterungsbau des Kunstmuseums einst realisiert haben, über den Umbau orientiert. Das heisst doch: Das Museum hat ein Kommunikationsproblem», meint Künstler Heinrich Gartentor. «Unentschieden» ist Bernhard Bischoff bei der Frage der Ausschreibung: «Klar, können mit Wettbewerben auf breiter Basis Ideen gesammelt – und spannende, überraschende Lösungen gefunden werden.»

Doch leider seien die bisherigen Wettbewerbe unter keinem guten Stern gestanden. «Erfahrungen und die Vernetzung mit der Denkmalpflege sind enorm wichtig, soll die sanfte Erweiterung erfolgreich realisiert werden können – die Architekten vom Atelier 5 und der grosse Stettler werden die Erweiterung sicherlich genau beobachten.»

4. Die Finanzierung des Bauprojekts Gegenwart

Die Kosten des Umbaus werden mit 8,7 Millionen veranschlagt. Die Finanzierung steht auch nach Jahren noch nicht, die Umrisse bleiben diffus. Das Kunstmuseum setzt auf das Prinzip Hoffnung: Sobald das konkrete Projekt bewilligt sei, werde die Geldsuche einfacher, wird argumentiert. Ob sich der Berner Mäzen Hansjörg Wyss nach den schlechten Erfahrungen mit den bisherigen Anbauprojekten noch einmal beteiligen will, ist völlig offen. Eine Beteiligung der Stiftung Gegenwart, finanziert von Hansjörg Wyss, ist wenig wahrscheinlich.

Daniel Bögli, Geschäftsführer und Präsident der Stiftung, sieht auf Anfrage indes von einer offiziellen Stellungnahme ab. Denkbar ist, dass das Museum neben Eigenmitteln den Lotteriefonds, die Burgergemeinde und weitere Sponsoren im Auge hat, etwa die Credit Suisse.

Christoph Reichenau hält fest: «Die Investition ist das eine, die Betriebskosten sind das andere. Diese würden auf jeden Fall zulasten der öffentlichen Hand gehen.»

Berner Zeitung

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