Das Küken und der Senior

Köniz

Vita Riese ist 18 Jahre alt, Andres Bühler 79. Sie die jüngste Kandidierende bei den Parlamentswahlen, er der älteste. Was gefällt den beiden, die 61 Jahre auseinander sind, an ihrer Gemeinde? Und was würden sie ändern? Ein Treffen.

Sie könnte seine Enkelin sein: Vita Riese trifft Andres Bühler. Beide kandidieren für einen Sitz im Parlament von Köniz.

Sie könnte seine Enkelin sein: Vita Riese trifft Andres Bühler. Beide kandidieren für einen Sitz im Parlament von Köniz.

(Bild: Raphael Moser)

Christoph Albrecht

Das Duzis folgt noch vor der Begrüssung. «Ich bin der Res», sagt der Mann mit den weissen Haaren und der Brille, stützt sich mit der einen Hand auf dem Gehstock ab und schüttelt mit der anderen die Hand der jungen Frau vor ihm. «Freut mich, ich bin Vita», sagt diese und grinst. «Ich hab dich gestern gegoogelt.» Beide ­lachen.

Ein Donnerstagnachmittag im Schlosshof in Köniz. Soeben haben sich Andres Bühler (Jahrgang 1938) und Vita Riese (Jahrgang 1999) zum ersten Mal getroffen. Dies auf Anfrage dieser Zeitung. Denn etwas verbindet und unterscheidet sie gleich­zeitig: Beide kandidieren am 24. September bei den Könizer Parlamentswahlen. Die 18-jährige Gymnasiastin (Junge Grüne) als jüngste, der 79-jährige Rentner (SP) als ältester aller Kandidierenden.

Nicht nur Listenfüller

Dass bei diesem Altersunterschied die Sichtweisen auf die eigene Gemeinde auseinander­gehen, liegt – trotz ähnlicher po­litischer Couleur – auf der Hand. Auch die Motivation der beiden, bei den Wahlen mitzumachen, scheint eine andere zu sein. Er verstehe sich in erster Linie als Unterstützungskandidat, macht Bühler gleich zu Beginn klar.

«Die Chancen, dass ich gewählt werde, sind klein.» Einfach als Listen­füller will er sich aber trotzdem nicht sehen. «Ich repräsentiere auf der SP-Liste die ältere Generation.»

Als er die Kandidatur mit seinem Schwiegersohn und Könizer SP-Präsidenten Markus Willi besprochen habe, «da hat es mich plötzlich wieder gereizt, nochmals etwas Politisches zu machen». Ihn, der in der Nachbar­gemeinde Kehrsatz nicht nur drei Jahrzehnte lang das Schulheim Schlössli leitete, sondern in den 1970er- und 1980er-Jahren auch während fast einer Dekade im dortigen Gemeinderat sass.

Seit vier Jahren lebt Bühler nun in Köniz. Schnell habe er die Gemeinde schätzen gelernt. Weil es hier die Aare und den Gurten gebe. Weil sich die Leute noch grüssten. Und weil man viele «töteligi» Rasenflächen in Blumenwiesen verwandelt habe. «Das finde ich schön.»

Zu wenig altersgerecht

Und dennoch sieht der fünffache Vater, elffache Grossvater und «höchstwahrscheinlich einzige Urgrossvater unter den Kandidaten» noch Verbesserungspotenzial. Köniz könne noch altersgerechter werden. Sollte er gewählt werden, würden ihm die Ideen jedenfalls nicht ausgehen, sagt er. Etwa im Liebefeldpark brauche es für die ältere Bevölkerung mehr Bänkli im Schatten.

Als er im vergangenen Winter zudem beobachtet habe, wie die Strassen nach einer Nacht mit viel Neuschnee sofort freigeräumt worden seien, die Trottoirs für die Fussgänger hingegen nicht, da habe er beinahe zum Hörer gegriffen und die Gemeindeverwaltung angerufen. «Für uns Ältere war das gefährlich.»

Ausgang, ÖV, Natur, Bildung

Sitzmöglichkeiten im Schatten und schneefreie Trottoirs – es sind nicht unbedingt die Themen, welche die 61 Jahre jüngere Vita Riese dringend beschäftigen. Fragt man die Gymelerin, was sie in Köniz vermisse, kommt sie bald einmal auf die Berner Reitschule zu sprechen.

«Öffentliche Orte ohne Konsumzwang dürfte es ruhig auch in Köniz noch mehr geben», sagt sie. Allgemein fehle es – bis auf die Heitere Fahne – etwas an nicht kommerziellen und alternativen Ausgehmöglichkeiten für die Jungen. «Deshalb orientieren sich viele in meinem Alter auch eher nach der Stadt Bern.»

Der Ausgang ist aber nur das eine. Im Sinne der 18-Jährigen aus Mittelhäusern, die nach der Matur internationale Beziehungen oder Geografie studieren möchte, wären etwa auch ein stärker ausgebauter ÖV und mehr Velowege. «Gut fände ich auch, wenn es noch mehr Grünflächen, Bäume und Parks gäbe.»

Und: Womit sie Mühe habe, sei das umstrittene Untergymnasium in der Lerbermatt. «Es ist ein Beispiel dafür, wie leistungsorientiert unsere Gesellschaft ist.» Sie finde das Angebot «elitär und eine falsche Investition». «Das viele Geld würde man besser für ein vielfältigeres Fächerangebot brauchen.»

Reaktionen aus dem Umfeld

Die klare Haltung Rieses, ihre Ausdrucksweise – sie mögen überraschen, wenn man bedenkt, dass die junge Frau erst seit ein paar Monaten stimmberechtigt ist. Die Politik, sagt die Tochter einer Deutschen und eines Ka­nadiers, sei aber einfach etwas, das sie schon länger interessiere. Sie suche die Diskussionen, wolle ihren Anliegen Gehör ver­schaffen.

Momentan etwa mit der Kriegsgeschäfteinitiative der GSoA, für die sie aktiv Unterschriften sammle. Dass sie mit ihrem politischen Interesse bei Gleichaltrigen zuweilen auf Unverständnis oder gar Ablehnung stosse, akzeptiere sie. «Ich finde es aber schade, wenn man nicht sieht, dass die Politik viel mehr umfasst als eine Abstimmung oder eine Wahl.»

Und wie reagiert das Umfeld von Mitstreiter Andres Bühler darauf, dass dieser es im fort­geschrittenen Alter tatsächlich noch einmal wissen will? «Das ist unterschiedlich», sagt der 79-Jährige und schmunzelt. Seine Tochter etwa habe ihm unverhohlen gesagt, dass er sowieso niemals gewählt werde. Andere reagierten amüsiert. «Und viele Jungen finden es cool.»

Das Lob an die Jugend

Die heutigen Jugendlichen, sie seien ohnehin «glungeni Cheibe», sagt Bühler und lacht Riese an. Zwar seien sie ständig verkabelt und wirkten mit ihren Kopf­hörern in den Ohren und den ­Gesichtern vor den Handybildschirmen abgeschottet. «Wenn man dann aber mit ihnen redet, merkt man, wie höflich und auf­gestellt sie sind.» Nur das mit den zerrissenen Jeans verstehe er nicht. «Früher sagte man dem Verwahrlosung, heute ist es Mode.»

Was denn die Jungen von den «alte Chnörz» hielten, will Bühler am Ende des Treffens von Riese noch wissen. Diese überlegt kurz, muss dann aber passen. «Ehrlich gesagt hab ich kaum einen Austausch mit Leuten von deiner ­Generation.»

Beim Abschied werden schliesslich wieder die Hände geschüttelt. Es habe sie gefreut, sagen beide – und vielleicht sehe man sich mal wieder. «Vielleicht ja sogar im Parlament.» Beide ­lachen.

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