Das grosse Reitschule-Lexikon: Von Basisdemokratie bis Polizeitelefon

Die Reitschule ist ein Betrieb mit 500 Mitarbeitern. Weder Aussenstehende noch gelegentliche Reitschulgänger kennen normalerweise alle Facetten. Hier sind sie.

Kultbühne Dachstock: Die Performerin Peaches in Aktion.

Kultbühne Dachstock: Die Performerin Peaches in Aktion.

(Bild: Christian Pfander)

Basisdemokratie Die Reitschule ist basisdemokratisch aufgebaut. Wichtige Entscheide müssen einstimmig getroffen werden. Wer einem Vorschlag nicht zustimmt, muss dies begründen können.

Manifest Die Verfassung der Reitschule. Reitschülerinnen und Reitschüler sprechen sich etwa aus gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie, Konsumzwang, Selbstbereicherung (durch Drogenhandel oder Diebstahl), physische, psychische, sexuelle Übergriffe und Ausbeutung. Konflikte sollen gewaltfrei gelöst werden. Das Manifest steht auf der Website der Reitschule.

VV (Vollversammlung) Sprich: Vouvou. Wird einberufen, wenn grundsätzliche Entscheide getroffen oder Themen diskutiert werden, welche die gesamte Reitschule und nicht nur eine einzelne AG betreffen. Wer in einem Gremium aktiv ist, darf an der VV diskutieren und abstimmen. Je nach Traktanden tun dies zwischen 20 und 200 Personen. Auch an der VV werden Entscheidungen basisdemokratisch getroffen. Eine VV einberufen kann jedes Kollektiv (AG).

Koordinationsgruppe (KG) Besteht aus Delegierten aus jedem Kollektiv, die in wöchentlichen Sitzungen Entscheide treffen können.

Betriebsgruppe (BG) Jede AG muss ein Mitglied für administrative Arbeiten, welche die gesamte Reitschule betreffen, stellen.

Kollektive/Arbeitsgruppen (AG) Auch Reitschulgruppen (RG) genannt. Die kleinsten Einheiten der Reitschule sind in ihrem Handeln weitgehend autonom. Über Programm und Organisation (manche sind Vereine oder Genossenschaften) entscheiden sie selbst. Nicht alle Kollektive belegen einen eigenen Raum. Neue AG müssen an der VV genehmigt werden.

Werkstatt Hier wird einerseits Inventar für die Reitschule gezimmert oder repariert, andererseits werden externe Aufträge angenommen. Die beiden Hauptverantwortlichen sind die Dienstältesten der Reitschule und stehen kurz vor der Pensionierung.

Kino In den ehemaligen Stallungen werden Filmzyklen gezeigt. Das Kino war das letzte Raucherkino der Stadt – als sich die Leinwand langsam nikotingelb verfärbte, wurde auch hier das Paffen verboten.

WG Zehn bis zwölf Leute wohnen in der Wohngemeinschaft in der Reitschule. Die WG ist für Reitschulbesucher nicht zugänglich.

Frauenraum Den Raum haben sich die Frauen der Reitschule vor 25 Jahren erkämpft. Ein ehrenamtlich arbeitendes Kollektiv beschäftigt sich mit Genderthemen. Das Programm umfasst Partys, die Frauen und/oder Homosexuellen vorbehalten sind, Vorträge, Tanzkurse und Filmabende.

Trainingsraum (Dojo) Wird einerseits von Externen für Kampfsport oder Yoga genutzt, andererseits vom internen Sicherheitsdienst (Wellness).

Theater (Tojo) Das Haustheater der Reitschule spricht die älteren Semester an. Die Eltern gehen ins Tojo, die Kinder auf den Vorplatz.

Druckerei Nebst externen Druck- und Gestaltungsaufträgen werden hier die Hauszeitschrift «Megafon» sowie Plakate für Anlässe im Dachstock und im Rössli gedruckt – jedes Plakat ist Handarbeit. Nebst Offset- und Digitaldruck wird auch Siebdruck an­geboten.

Infoladen Hat Infomaterial zu Politveranstaltungen, verkauft Sticker, ­T-Shirts und Bücher und führt eine Bibliothek mit spezialisierter Literatur (linke Magazine, grosser Bestand zum Spanischen Bürgerkrieg). Besonders Studierende, die Literatur zu Spezialgebieten suchen, gehören zur Kundschaft.

Dachstock Einer der grössten Club- und Konzertbetriebe der Stadt (siehe auch Engagement). Ist in der Musikszene bekannt für hochwertige Licht- und Toninfrastruktur. Sowohl Nachwuchskünstler als auch Grössen wie Züri West treten hier auf, weiter finden Partyevents mit DJ-Set statt. Im Backstagebereich gibts ein Minihotel mit Mehrbettzimmer und Küche für auftretende Künstlerinnen und Künstler.

Rössli Bar und Konzertlokal mit turbulenter Vergangenheit: Das Rössli wurde zu Beginn der 1980er- Jahre mehrfach besetzt und wieder geräumt. Zeitweise wurde das Lokal sogar von der Reitschule selbst geschlossen. Heute gehören Rössli und Sous le Pont zum gleichen Kollektiv.

Sous le Pont Restaurant, in dem auch der Normalo-Arbeitnehmer Zmittag isst. Das multikulturelle Team besteht aus gelernten Köchen und Amateuren. An den Spezialitätenabenden folgt das Menü einem Thema.

Cafete Winziger Club, in dem manchmal auch Konzerte stattfinden. Das Publikum ist strub, der Eintritt frei, es gibt eine Kollekte.

Mediengruppe Kommuniziert mit den Medien über Themen, welche die ganze Reitschule betreffen. Kann in Notfällen ein Statement abgeben, ohne dass an der VV eine Sprachregelung beschlossen wurde.

«Megafon» Hauszeitschrift der Reitschule. Erscheint monatlich in einer Auflage von rund 1000 Exem­plaren.

Wellness-Gruppe Der hauseigene Sicherheitsdienst der Reitschule. Er hat die Befugnis, Hausverbote über drei oder sechs Monate zu erteilen. Die Wellness-Gruppe trainiert wöchentlich im Dojo, während der dreimonatigen Probezeit muss ein zweitägiger Kurs absolviert werden.

Weitere Ämter Wirt: auf ihn ist die Gastrobewilligung ausgestellt; Sicherheitsbeauftragter: ist etwa zuständig für Feuerwehrübungen und Notausgänge; Burgwart: macht den Job eines Hauswarts; Hauselektriker; Schlüsselverantwortung.

Vorplatz Konfliktträchtiger Platz vor der Reitschule. Bis zu 2000 Menschen tummeln sich hier an ­Wochenendnächten.

Verwirrte Uhr Die Bahnhofsuhr mit den sich willkürlich drehenden Zeigern kann mit einer Gleichgewichtsplattform auf dem Vorplatz beeinflusst werden. Das Kunstprojekt heisst «Herzschlag».

Grosse Halle Ist nicht Teil der Ikur und damit organisatorisch von der Reitschule getrennt. Eine Trägerschaft bestehend aus Vertretern der Stadt Bern, kultureller Institutionen und der Ikur bildet damit ein stadtnäheres Organisationsgremium. Die grosse Halle fasst rund 2300 Menschen und ist Veranstalterin des Reitschul-Flohmarktes. An den Innenwänden der Halle finden sich manche Graffiti, die als «schützenswert» eingestuft werden.

No Borders, No Nations Fand erstmals 2014 als Sommerfest der Reitschule statt. Diesen Sommer hat das zweitägige Festival rund 10 000 Menschen und 400 freiwillige Helfer angezogen. 11 Bands spielten, 11 000 Liter Bier wurden getrunken.

Ikur 1986 wurde die Interessensgemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) gegründet. Der Verein funktioniert als juristisches Dach der Reitschule. Mit ihm schliesst die Stadt Bern Leistungsverträge ab. Die Vereinsstatuten sind auf der Website der Reitschule einsehbar.

Leistungsverträge Ikur und Grosse Halle haben je einen separaten Leistungsvertrag mit der Stadt Bern. Dieser regelt Subventionen vonseiten der Stadt. Ein eigener Leistungsvertrag gilt ausserdem für den Theaterbetrieb Tojo. Die Ikur erhält von der Stadt insgesamt 380 000 Franken. Davon entsprechen 320 000 Franken der Miete des Gebäudes und werden nicht an die Ikur ausbezahlt. Die restlichen 60 000 Franken sind nebenkostengebunden und fliessen zu EWB. Seit 1993 schliesst die Ikur Nutzungsverträge mit der Stadt ab, seit 2004 Leistungsverträge. Diese sind jeweils vier Jahre lang gültig. Der entsprechende Kredit muss vom Stadtrat genehmigt werden.

Finanzen Alle AG sind wirtschaftlich autonom. Jedoch gibt es ein Quersubventionierungssystem: Verkauft eine AG ein Getränk, muss sie 25 Prozent des Einkaufspreises in einen Pool der Ikur einbezahlen. Aus diesem können wirtschaftlich schwä­chere AG Geld beziehen. Die in den Leistungsverträgen festgehaltenen Subventionen der Stadt entsprechen einem Miet- und Nebenkostenerlass. Die Buchhaltung der Ikur wird der Stadt jährlich auf Verlangen vorgelegt.

Engagement Rund 500 Personen sind in der Reitschule aktiv, manche ehrenamtlich, andere beziehen einen Lohn inklusive Sozialleistungen. Allein im Dachstock arbeiten 90 Personen an Kasse, Bar, Garderobe, Wellness, Licht, Ton, Booking und Buchhaltung.

Polizeitelefone Zwei in in der Reitschule stationierte Telefonapparate, auf welche die Kantonspolizei im Notfall anrufen kann respektive von denen aus die Reitschüler die Kapo erreichen können. Sie sorgen immer wieder für Zündstoff zwischen Reitschule und Kapo. Die Polizei wirft den Reitschülern vor, das Telefon nicht abzunehmen. Die Reitschule wirft der Kapo vor, zu unlauteren Zeiten anzurufen und ihr keinen Einblick in die polizeiliche Statistik zu gewähren.

Berner Zeitung

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