Das endgültige Aus für Deisswil

Deisswil

Auf dem Dach der Kartonfabrik Deisswil weht eine schwarze Flagge: Das Werk wird definitiv geschlossen. Am Montag werden die Mitarbeiter den blauen Brief erhalten. Nun beginnen die Verhandlungen über einen Sozialplan.

  • loading indicator
Ralph Heiniger

Ein Gewitter zieht auf. Doch das ist Nestor Arrizoli und Daniel Balsiger egal. Die beiden langjährigen Mitarbeiter klettern am Mittwochnachmittag auf das Dach der Kartonfabrik Deisswil. «Es ist ein himmeltrauriger Moment», sagt Balsiger. Nach Jahren harter Arbeit folgt nun der letzte Akt, der traurige Abschluss eines Stücks Industriegeschichte. Mit dem ersten Donnerschlag, exakt um 16.27 Uhr, hissen sie auf dem Firmendach die schwarze Fahne. Es ist vorbei. In Deisswil wird nie wieder Karton produziert.

Was die meisten Mitarbeiter bereits vermutet hatten, wurde gut zwei Stunden vorher für alle zur bitteren Gewissheit. «Die Schliessung und die Massenentlassung wurde am Dienstag vom Mayr-Melnhof-Konzern (MM) bestätigt», sagte Geschäftsführer Stephan Schneider zu seinen Mitarbeitern, die sich in der Altpapierhalle versammelt hatten. Die Vorschläge für eine Zukunft der Kartonproduktion in Deisswil wurden vom österreichischen Mutterhaus abgeschmettert. Von einer Übernahme durch einen betriebsfremden Investor oder einem Management-Buyout – dem Verkauf der Fabrik an das Deisswiler Management oder die Angestellten – will MM nichts wissen. Am Montag werden die Angestellten den blauen Brief erhalten.

Enttäuschung, Ohnmacht

Auch wenn fast alle Anwesenden mit diesem Resultat gerechnet hatten, Enttäuschung und Ohnmacht waren in der Halle deutlich zu spüren. «Man hätte hier in Deisswil weiterhin Karton produzieren können», sagte Gewerkschafter Roland Herzog. «Ohne Investitionen geht es aber nicht.» Trotz der Enttäuschung rief er die Mitarbeiter anschliessend dazu auf, weiterzukämpfen. «Diese Auseinandersetzung ist bei weitem nicht fertig. Sie geht jetzt einfach in die nächste Runde.»

In dieser nächsten Runde geht es vor allem darum, einen guten Sozialplan für alle Betroffenen auszuhandeln. Es stellt sich auch die Frage nach möglichen Alternativen für eine industrielle Produktion auf dem Gelände der Kartonfabrik.

Vorwärts, nicht zurück

Es schien bei der Betriebsversammlung so, als wolle Schneider nicht mehr in die Vergangenheit zurückblicken. Stattdessen versuchte er seine Mitarbeiter auf die schwierigen Aufgaben vorzubereiten, die jetzt noch vor ihnen liegen. Für die meisten beginnt eine Phase der Neuorientierung. Die Suche nach einem neuen Job.

Um den Mitarbeitern dabei zu helfen, hat sich die Geschäftsleitung Verstärkung geholt. Ein externes Personalberatungsbüro wird ab Montag Gespräche und Kurse mit den Deisswilern durchführen. «Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, damit jeder am Ende seiner Kündigungsfrist eine Perspektive für die Zukunft hat», versprach Schneider.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt