Köniz

Die Dorfbeiz geht zu

KönizDas ­Beizensterben geht weiter: Der Gasthof Hirschen in Mittelhäusern wird zum Wohnhaus umgebaut. ­Einige Einwohner hoffen aber noch auf eine neue Lösung.

Düstere Aussichten: Die Besitzerin plant, den Gasthof Hirschen in ein Wohnhaus umzubauen.

Düstere Aussichten: Die Besitzerin plant, den Gasthof Hirschen in ein Wohnhaus umzubauen. Bild: Urs Baumann

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Das Gasthaus Hirschen steht seit über hundert Jahren in Mittelhäusern. Bis 1907 hielt die Postkutsche Bern–Schwarzenburg direkt vor der Tür – heute ist es die S-Bahn. Befürchtungen, dass die einzige Wirtschaft aus dem Dorfzentrum verschwinden könnte, kursieren im Dorf seit Anfang Jahr.

Das Pächterpaar Brüderli hatte angekündigt, den Hirschen im Februar nach siebzehn Jahren zu verlassen.Die Sorgen verflogen vorerst, als im März der neue Pächter Sadik Bajrami übernahm. Nun aber wird das Ende der Wirtschaft konkret: Der Landgasthof soll zu einem Wohnhaus mit sieben Wohnungen und einem Atelier umgebaut werden. So steht es im Baugesuch vom Ende Juni. Neben diversen Abbrucharbeiten wird darin die Aufhebung des Restaurants angekündigt.

Vereinslokal verschwindet

«Die Nachricht wurde im Dorf mit Bedauern aufgenommen, teils sogar mit Empörung», sagt Hans Moser, Präsident des Ortsvereins Mittelhäusern. Besonders für Vereine sei die Schliessung schade: «Bereits in Niederscherli und Gasel wurden Vereinslokale aufgehoben. Nun wird es gar keinen Treffpunkt mehr geben.» Moser sieht allerdings, dass der Hirschen als Restaurant «wohl nicht mehr so benutzt» wurde.

Die in Zürich wohnende Besitzerin Verena Kohli-Hostettler, die im Hirschen aufgewachsen ist und die Liegenschaft von ihrer Familie geerbt hat, schreibt in einer Stellungnahme, ihr sei dieser Schritt nicht leichtgefallen. Man habe eine Projektvariante mit einer Totalrenovation des Hirschen erstellt, die Mehrkosten wären jedoch enorm gewesen.

Schon mit den ehemaligen Pächtern habe sich gezeigt, dass der Hirschen nicht rentabel zu betreiben sei. Sie behalte sich aber die Option offen, einen kleineren Gastrobetrieb, etwa ein Bistro mit Laden, in der Liegenschaft einzurichten, falls eine Lösung mit einer geeigneten Betreiberin gefunden werde. Entscheiden möchte man Ende Jahr.

Wirt war im Bild

Der aktuelle Wirt des Gasthofs, Sadik Bajrami, wusste von den Plänen und ist nicht überrascht. Er bestätigt, dass der Betrieb in seiner heutigen Grösse nicht rentieren kann. «Unser Pachtvertrag ist einjährig. Wir haben abgemacht, dass ich bis Ende Jahr schaue, wie es läuft, und wir dann ermitteln, ob ein Gastrobetrieb im kleineren Rahmen Sinn macht.»

Hier spielt Bajrami den Ball auch den Einwohnern zu: «Wenn eine neue Beiz entstehen soll, dann müssen die Leute kommen und zeigen, dass sie dieses Angebot wirklich brauchen.» Ob er selbst interessiert ist, könne er noch nicht sagen, dafür sei es zu früh.

Potenzial ist da

«Die Nachfrage ist auf jeden Fall da, ja ist sogar sehr gross», sagt Mirjam Gosteli vom Verein ­O’Nuar, der seit ein paar Monaten kulturelle Veranstaltungen im Hirschen durchführt. «Dass hier etwas Neues entstehen muss, ist völlig klar.» Sehr erfreulich sei, dass die Besitzerin keinen Neubau anstrebe. Gosteli findet es aber schade, dass es so schnell gehe. «Wir vom Verein O’Nuar sind gerade dabei, Schritt für Schritt neues Leben in den Hirschen zu bringen.»

Ihre Veranstaltungen seien sehr gut besucht von Leuten ganz verschiedenen Alters. Mirjam Gosteli ist überzeugt, dass der Hirschen grosses Potenzial für die Region hat: Ein Mittagstisch für Kinder, Jugendarbeitsprojekte, Ateliers, eine Kellerbar oder eine Kita sind Ideen, die der Verein weiterentwickeln will.

Offen für ein Treffen

«Die Räumlichkeiten des Hir­schen wären dafür perfekt», so die 35-Jährige. «Wohnungen gibt es hier überall, aber es fehlt an Treffpunkten. Die Leute gehen ständig nach Bern und bringen ihre Kinder nach Köniz. Es wäre besser, hier etwas aufzubauen. Es muss ja kein Restaurant sein.» Gosteli wünscht sich deshalb, dass diese Bedürfnisse beim Umbau einfliessen können. Vorerst ist sie guter Hoffnung: Laut ihr zeigte sich die Familie Kohli offen für ein baldiges Treffen.

Auch wenn das Aus des Hir­schen beschlossene Sache ist. Das letzte Kapitel dieser Geschichte scheint noch nicht definitiv geschrieben.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.07.2016, 17:43 Uhr

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