Das dunkle Schicksal der «Sitzenden Frau»

Bern

Bei der «Sitzenden Frau» von Henri Matisse handelt es sich um Raubkunst. Als erstes Werk aus Gurlitts Sammlung hätte das Millionengemälde jüngst an die rechtmässigen Besitzer zurückkehren sollen.

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Stefanie Christ@steffiinthesky

56 × 47 Zentimeter misst sie, die «Sitzende Frau», gemalt im Jahr 1923. Ernst schaut sie aus ihrer geblümten Bluse auf die Betrachter. Ernst ist auch die Geschichte des Porträts. Denn das Gemälde von Henri Matisse (1869–1954) hängt nicht etwa in einem Museum, es lagert mit in einem Münchner Depot – zusammen mit rund 1300 weiteren Werken aus der berühmt-berüchtigten Sammlung des verstorbenen Cornelius Gurlitt. Dieser vermachte die Sammlung dem Kunstmuseum Bern. Dass die «Sitzende Frau» dereinst in Bern ausgestellt wird, ist aber unwahrscheinlich. Es handelt sich um eines jener Werke, die im Verdacht der Nazi-Raubkunst stehen.

Die «Sitzende Frau» flimmerte zusammen mit anderen Werken am 5.November 2013 über den Bildschirm, als die Münchner Taskforce erste Bestände aus der Gurlitt-Sammlung im Fernsehen präsentierte. Nicht nur Kunstliebhaber staunten über den aussergewöhnlichen Fund – das Gemälde war kaum je öffentlich ausgestellt –, sondern auch Anne Sinclair. Die französische Journalistin und Ex-Frau von Dominique Strauss-Kahn ist die Enkelin des 1959 verstorbenen jüdischen Kunstsammlers Paul Rosenberg. Dieser pflegte einen freundschaftlichen Kontakt zum Maler Matisse und erwarb das Porträt «Sitzende Frau», dessen Wert heute auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt wird.

Kampf um Rückgabe

Nach Ausbruch des Kriegs hinterlegte Rosenberg 1940 rund 160 Bilder, darunter auch jenes von Matisse, in einem Banktresor im südfranzösischen Libourne, ehe er mit seiner Familie erst nach Spanien und später weiter in die Vereinigten Staaten floh. 1941 verschafften sich die Nationalsozialisten Zugang zum Tresor. Der geraubte Matisse landete in der Pariser Galerie nationale du Jeu de Paume und 1944 wohl beim Kunsthändler Gustav Rochlitz. Dort verlieren sich die Spuren, wie der Datenbank lostart.de zu entnehmen ist. Klar ist, dass das Werk schliesslich in die Hände von Cornelius Gurlitts Vater Hildebrand fiel, ein wie Rochlitz von den Nazis beauftragter Kunsthändler. Nach Hildebrands Tod 1956 ging seine Sammlung erst an die Witwe, später an Sohn Cornelius, der die Bilder in seiner Münchner Wohnung hortete.

Rosenberg selbst kämpfte nach dem Krieg für die Herausgabe seiner Werke, wie Anne Sinclair in der von ihr verfassten Rosenberg-Biografie «Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine?» beschreibt. Kein leichtes Unterfangen, denn die eingeräumten Meldefristen für die rechtmässigen Besitzer waren nach Kriegsende äussert knapp, und ein Restitutionsgesetz wurde nicht verabschiedet. Trotzdem erhielt Rosenberg einen Teil seiner Sammlung zurück. 62 Meisterwerke blieben verschwunden, so auch die «Sitzende Frau». Erst der Münchner Kunstfund beförderte es wieder zu Tage, als deutsche Behörden 2012 Cornelius Gurlitts Wohnung durchsuchten. Ob sich noch weitere Bestände aus Rosenbergs Sammlung im Gurlitt-Fundus befinden, ist noch unklar.

Mehrere Anspruchsteller

Zwei Tage, nachdem im November 2013 die «Sitzende Frau» der Öffentlichkeit präsentiert wurde, bestätigte Anne Sinclairs Anwalt gegenüber der britischen Zeitung «Daily Mail», dass Paul Rosenbergs Erben bei den deutschen Behörden Anspruch auf das Bild erhoben hätten. Der Provenienzbeweis war aufgrund der Faktenlage schnell erbracht und der erste Raubkunstfall des Münchner Kunstfunds schien geklärt – zumal Gurlitt noch im Januar eine Vereinbarung unterzeichnet hatte, die ihn zur Rückgabe verpflichtete. Doch dann kam alles anders: Auf einmal meldete sich ein weiterer Anspruchsteller. Wie es nun weitergeht, ist offen.

Aufschlussreiche Problematik

«Das Problem des Matisse-Gemäldes ist sehr aufschlussreich. Dass sich verschiedene Opfer beziehungsweise Anspruchsgruppen melden, ist nicht selten. Die Lehre daraus: Wenn man eine allzu grosszügige Linie fährt, gibt man die Bilder möglicherweise den falschen. Eine Herausgabe empfiehlt sich also nur, wenn die belastete Geschichte eines Bildes restlos untersucht und geklärt ist», so Wolfgang Ernst, Kunstrechtsexperte an der Universität Zürich.

Ist der Fall Matisse wirklich exemplarisch? «Wohl eher nicht», meint Beat Schönenberger, Titularprofessor für Privatrecht und Kunstrecht an der Uni Basel. «Es handelt sich hierbei wohl um eines der Meisterwerke, vielleicht sogar das Hauptwerk der Sammlung. Bei weniger prominenten Werken dürfte das Interesse weit geringer sein, was aber keineswegs von einer ebenso sauberen Provenienzabklärung entbindet.» Auch Florian Schmidt-Gabain, Dozent für «Kunst und Recht» an der Universität Zürich, ist skeptisch. «Für jedes einzelne Kunstwerk ist eine eigene Geschichte zu schreiben.»

Berner Zeitung

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