Das Berner Kurzfilmfestival mit dem Drang zur Welteroberung

Shnit wird 16 – und pubertiert noch immer irgendwo zwischen der Verspieltheit aus den Gründerjahren und dem Drang nach Ruhm und Grösse. Wo gehört es hin, das Kurzfilmfestival in Pink?

<b>Eröffnungsnacht von Shnit</b> vergangenes Jahr in der Berner Heiliggeistkirche.

Eröffnungsnacht von Shnit vergangenes Jahr in der Berner Heiliggeistkirche.

(Bild: Adrian Moser)

Michael Feller@mikefelloni

Wer im mondänen Hotel Schweizerhof am Berner Bahnhofplatz die Medien zusammentrommelt, gibt etwas auf sich. Shnit, das erfolgreiche Kurzfilmfestival im pinken Gewand, hat sich in der Stadt Bern behauptet, als Fixpunkt im Jahres-Ausgehkalender.

Ein überschaubares Journalistengrüppchen hat sich eingefunden zur Präsentation des Shnit-Programms. Olivier van der Hoeven, Direktor des Kurzfilmfestivals, sagt: «Wir haben Grosses im Sinn», und spricht über die 16. Ausgabe.

Das Jahresthema «Going Wild» spielt auf das Alter an, 16, die «Hochblüte der Jugend», wie es Olivier van der Hoeven sagt. Dieses Jahr dauert das Festival nicht mehr fünf Tage wie bisher, sondern elf. Damit wollen van der Hoeven und Crew noch mehr Publikum erreichen als bisher. In den letzten Jahren kamen jeweils rund 20'000 Besucherinnen und Besucher.

«Shnit hat kein Ziel»

Wie gross soll das Festival noch werden? «Es gibt kein Ziel», sagt van der Hoeven, «Shnit ist immer auf dem Weg.» Bislang war das eine erfolgreiche Strecke, mit einigen Kurven zwar, aber Shnit ist eine Erfolgsgeschichte. Gleichzeitig findet es in acht Städten rund um den Globus statt.

Doch trotz aller Weltläufigkeit: Das Festival macht bisweilen einen chaotischen Eindruck, wie ein rebellischer Teenager. So können die Bernerinnen und Berner zwar längst Tickets kaufen, aber eine Programmübersicht war bis eine Woche vor dem Start nicht aufgeschaltet. Immerhin: Jetzt steht das Programm.

Festivaldirektor Olivier van der Hoeven. Foto: Franziska Rothenbühler

Initiiert wurde das Festival 2003 von Mike Bucher und Agnes Darenius. Die erste Ausgabe fand im Kino der Reitschule statt. Olivier van der Hoeven war von Beginn an dabei, ab 2005 in einem Leitungstrio mit Bucher und Reta Guetg. Bucher verliess die Leitung als Erster, später auch Guetg. Seither ist van der Hoeven das Gesicht des Festivals, das seit seinem Einstieg einen steilen Aufstieg hingelegt hat.

Pink gewinnt

So richtig wahrgenommen wird das Festival ab 2006 – dank der besten Guerilla-Werbeaktion, die Bern je gesehen hat. Die Festivalmacher besprühten ausrangierte Fahrräder mit leuchtend pinker Farbe und platzierten sie an öffentlichen Veloabstellplätzen. Seither weiss Bern jedes Jahr, wenn die pinken Göppel auftauchen: Bald ist wieder Shnit.

Das Festival wuchs und wuchs. Nicht nur in der Stadt, in der an immer mehr Orten Filme gezeigt wurden, in Kirchen, in Bädern und im Stadttheater. In Köln wurde ein erster «Play-ground» eröffnet. 2010 gab es neun Aussenstationen. Das verbindende Element ist – neben der Farbe Pink – der internationale Wettbewerb. Nach dem Festival wird in New York der Hauptpreis verliehen.

«Es gibt kein Ziel. Shnit ist immer auf dem Weg»Festivaldirektor Olivier van der Hoeven

Hier zeigt sich einer der Widersprüche: Einerseits ist Shnit in der Schweiz ein Berner Phänomen geblieben, beliebt beim Publikum, aber mit eher bescheidener Wirkung über die Stadt hinaus – andererseits zeigt es seit Jahren einen Drang zur Welteroberung.

Dabei ist eine Pionierleistung gelungen: Die internationale Vernetzung und die Gleichzeitigkeit des Festivals in mehreren Städten in mehreren Weltregionen.

Shnit hat sich auch dank öffentlichen Fördergeldern von Burgergemeinde, Stadt und Kanton Bern entwickeln können. 2012 entschied sich das Bundesamt für Kultur, das Festival zu unterstützen, zunächst mit 10000 Franken, ab 2014 gar mit 70'000 Franken.

Shnit schraubte das Preisgeld auf schwindelerregende 100'000 Franken hoch. 2014 erhielt das Festival auch noch den Burgerpreis in Höhe von 100'000 Franken, einen der bestdotierten Kulturpreise der Schweiz. Mit dem Burgerpreis lancierte Shnit ein Kurzfilmprogramm für Schulen.

Strukturen aus Gründerzeit

100 000 Franken Preisgeld: Ist das noch gesundes Selbstbewusstsein oder schon Grössenwahn? Hinter vorgehaltener Hand wurde erstmals Kritik laut. Man hätte mit dem Geld auch in die Strukturen investieren können.

Für ein Festival dieser Grösse sind zweieinhalb Vollzeitstellen bescheiden. Nur dank etlichen unbezahlten Helfern kann Shnit überhaupt durchgeführt werden – das hat sich seit den Anfängen nicht verändert. Heute sind rund 150 Freiwillige im Einsatz.

2016 war das BAK-Geld wieder weg: «Wir vermissen bei diesem Festival eine nationale Ausstrahlung sowie professionelle Strukturen», sagte der damalige BAK-Filmchef Ivo Kummer. Hat das Kurzfilmfestival eine Chance vertan? Olivier van der Hoeven lacht die Frage weg. Für ihn hat die Kehrtwende «vermutlich hauptsächlich politische» Gründe: «Wir waren drei Jahre lang ein Platzhalter.»

Das Bundesamt für Kultur habe vorübergehend ein Festival in der Westschweiz abstrafen wollen, vermutet er. Danach war die Konkurrenz mit dem Kurzfilmfestival Winterthur zu gross. «Es liegt auf der Hand, dass es im BAK-Förderkatalog nur Platz für ein Kurzfilmfestival im gleichen Sprachraum gibt.» Van der Hoeven kompensierte die Lücke, indem er das Preisgeld wieder reduzierte.

Eine wilde Geschichte hat er also, der Teenager Shnit, dem die Herzen nur so zufliegen. Bei der spektakulären Preisgeldpirouette der letzten Jahre wird einem fast schwindlig, doch sie zeigt auch die Stärke des Festivals.

Shnit hat im Laufe der Jahre zahlreiche Programmpunkte erfunden und zum Teil wieder verworfen, Orte erobert und wieder verlassen, in alle Himmelsrichtungen das Neue gesucht, Fehler gemacht und Erfahrungen gesammelt.

Auch wenn man dem Festival manchmal wünscht, irgendwo zwischen Improvisieren und Grandezza, zwischen pinken Velos und dem Hotel Schweizerhof seinen Platz zu finden: Ach wie gut, dass Shnit noch nicht erwachsen ist. Mögen die Flegeljahre weitergehen.

Shnit-Kurzfilmfestival: 18. bis 28. Oktober, Bern, diverse Orte. www.shnit.org

Berner Zeitung

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