Das Bauinventar nach der Diät

Die städtische Denkmalpflege hat das Bauinventar schützens- und erhaltenswerter Bauten um ein Viertel reduziert. Der Heimatschutz verzichtet auf eine Beschwerde.

Fiel aus dem Bauinventar: Wylerdörfli unter dem Felsenauviadukt.

Fiel aus dem Bauinventar: Wylerdörfli unter dem Felsenauviadukt.

(Bild: Andreas Blatter)

Jürg Steiner@Guegi

Seit Freitag gilt das gestraffte Bauinventar der Stadt Bern, und zwar in einer Version, die den Internetzugriff wesentlich erleichtert: Neuerdings kann man einen Stadtplan zum Überblick auf den Bildschirm holen, mit dem Cursor einzelne Häuser ansteuern und sich die detaillierten Informationen sowie deren Einstufung – erhaltens- oder schützenswert – herunterladen.

Bern dürfte damit über eines der modernsten Bauinventare der Schweiz (wenn nicht das modernste) verfügen, sagten Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) und Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross vor den Medien.Das ist quasi die unbeschwerte Seite des revidierten Bauinventars. Aber es gibt auch eine konfliktreichere.

Stadt vor dem Kanton

Das städtische Bauinventar entstand in den 1980er-Jahren, es war ein landesweites Pionierwerk. 2012 beschloss der Stadtrat, das Register für gut eine Million Franken in vierjähriger Arbeit grundsätzlich ­revidieren zu lassen. Von den rund 20 000 Gebäuden in der Stadt Bern waren gut 5000 inventarisiert.

Der Fokus der Revision: Das Inventar sollte insgesamt abgespeckt werden, gleichzeitig wollte man aber auch Bauten neu aufnehmen, die nach 1960 entstanden. Damit nahm die Stadt vorweg, was der Grosse Rat 2015 beschloss: dass die Zahl inventarisierter Gebäude kantonsweit um rund 30 Prozent reduziert werden soll.

Dass das Aussortieren einst als schützens- oder erhaltenswert eingestufter Gebäude aus dem Inventar keine schmerzfreie Angelegenheit war, verbarg Denkmalpfleger Gross nicht. Er betonte indessen, man sei streng nach fachlichen Kriterien vorgegangen, habe aber die Hürden höher gesetzt als früher, anhand deren Gebäude im Inventar bleiben oder neu hinzukommen.

Unter dem Strich verkleinerte die Denkmalpflege die Zahl inventarisierter Gebäude nun um rund ein Viertel. Aus dem Verzeichnis entfernt wurden unter anderem ganze Siedlungen, das Wylerdörfli etwa oder die Schlossmatte im Holligenquartier. Neu als erhaltenswert ins Inventar rutschte hingegen beispielsweise das ­Redaktionsgebäude dieser Zeitung am Dammweg im Lorrainequartier.

Nicht eigentümerverbindlich

Alec von Graffenried machte sich stark für die Wichtigkeit der Denkmalpflege als Hüterin wertvoller Bauten, die «der lokalen Bevölkerung Identität und Heimat» stiften. Er beobachtet allerdings, dass die Denkmalpflege unter stärker werdendem politischem Druck stehe. Denkmalpfleger Gross hielt fest, dass «wir die Zeichen der Zeit verstanden haben und eine strenge Auswahl trafen». Ein Eintrag ins Bauinventar ist bloss behörden-, nicht aber eigentümerverbindlich. In einem Bauverfahren kann er angefochten werden.

Als ausdauernder Kritiker des Reduktionskurses der städtischen Denkmalpflege profilierte sich der Heimatschutz. Seine Anträge, zusätzliche Gebäude ins Inventar aufzunehmen, lehnte der Kanton ab. Da die darauf angedrohte Beschwerde doch nicht eingegangen ist, trat das Bauinventar am Freitag in Kraft.

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