«Das Alpine Museum steht komplett am falschen Ort»

Reinhold Messner arbeitet derzeit als Filmemacher und Vortragsreisender. Im Interview äussert er sich kritisch zur geplanten V-Bahn und sagt, wo seiner Ansicht nach das Alpine Museum stehen müsste.

Pointiert: Reinhold Messner.

Pointiert: Reinhold Messner. Bild: Daniel Roland (AFP)

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Herr Messner, Sie sind 73-jährig und schon wieder auf Vortragstour. Nie müde?
Reinhold Messner:Ich habe in meinen jüngeren Jahren viel Nutzloses in den Bergen gemacht. Es ist schon richtig, dass ich mich jetzt noch ein wenig nützlich ­mache. Abgesehen davon mache ich nur noch kurze Vortrags­blöcke von wenigen Tagen.

Sie lassen es doch etwas ruhiger angehen.
Nicht unbedingt. Ich brauche die Zeit für meine Filme.

Sind Sie jetzt hauptberuflich Filmregisseur?
Ich produziere mit meiner Firma Spielfilme. Zwei Regiearbeiten – eine über ein Drama am Mount Kenia , eine andere über kontrovers diskutierte Besteigungsversuche am heiligen nepalesischen Berg Ama Dablam – habe ich abgeschlossen. Jetzt arbeite ich an meinem dritten Film, für den ich in nächster Zeit oft in der Schweiz unterwegs sein werde. Mehr verrate ich noch nicht dazu.

Wohin führt Ihr Weg noch?
Ich weiss es nicht. Ich habe Projekte, die reichen für mehr als mein restliches Leben. Ich be­finde mich, wie ich es nenne, in meiner siebten Lebensphase. Ich habe in meinem Leben immer wieder mit neuen Ideen bei null angefangen. Ich war jung und ein ziemlich guter Felskletterer. Als ich meine Zehen verlor, wechselte ich zum Höhenbergsteigen. Später war ich zäh genug, um durch Wüsten zu gehen – und als Grüner in die Politik. In den letzten 15 Jahren habe ich sechs Museen aufgebaut. Jetzt lebe ich meinen Traum, Filmregisseur zu sein. Sofern ich gesund bleibe.

Sie kommen Ende Februar mit dem Vortrag «Weltberge – die vierte Dimension» in die Schweiz und treten im März in Bern und Thun auf. Was genau ist die vierte Dimension?
Dank der Satellitenfotografie ist es heute möglich, die Berge so realitätsgetreu, hochaufgelöst und gestochen scharf darzustellen wie nie zuvor. Ich glaubte es selber kaum, als ich die Bilder das erste Mal sah. Aber man kann heute beurteilen, ob Passagen kletterbar sind oder nicht, ohne sie vorher erkundet zu haben. Ich nutze diese Technik, um anhand von dreizehn Weltbergen die Meilensteine der Alpinismusgeschichte darzustellen – auf der Zeitachse, in der vierten Dimension. Die dramatische Erstbesteigung des Matterhorns etwa gehört dazu, weil sie den Alpinismus veränderte.

Was ist eigentlich interessant an der Alpinismusgeschichte?
Sie zeigt, wie eng die Sicht auf die Berge mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammenhängt. Jahrhundertelang waren die Berge der Ort, wo Götter und Geister sassen. In Nepal ist das teilweise heute noch so. Das thematisiere ich unter anderem in meinem Ama-Dablam-Film. 1979 wurde eine Seilschaft mit Peter Hillary von einer Eislawine erfasst. Ich war damals im Basislager und half mit, eine Rettungsaktion zu organisieren. Die Sherpas sahen das Unglück als Rache für die unerlaubte Erstbesteigung von 1961 durch Peters Vater Edmund.

«Die Ambition, auf Berge zu steigen, kam mit der Aufklärung und der Industrialisierung.»

Man kann den Alpinismus als Entweihung der Berge sehen.
Dass man die Ambition haben kann, auf Berge zu steigen, kam erst mit der Französischen Revolution, der Aufklärung, der Industrialisierung in unsere Vorstellungen. Es waren die Engländer, die das Bergsteigen in die Alpen brachten, weil ihr Land an der Spitze der Industrialisierung stand. Der Alpinismus bringt eine Kernfrage des menschlichen Fortschrittsdenkens auf den Punkt: Ist es möglich – oder ist es nicht möglich?

150 Jahre nach den grossen Erstbesteigungen sind die Alpen für jedermann erschlossen. Die Jungfraubahnen wollen jetzt die Fahrt aufs Jungfraujoch mit dem sogenannten V-Projekt beschleunigen, indem sie eine Seilbahn von Grindelwald direkt vor der Eigernordwand hinauf zum Eigergletscher bauen.
Ich halte das für einen Fehler. Es ist kurzsichtig, für die Frequenzsteigerung in Kauf zu nehmen, dass der Blick auf die grossartige Eigernordwand von den Trag­seilen und Masten der neuen Bahn beeinträchtigt wird.

Wirtschaftlich gesehen ist es doch logisch, wenn man versucht, die bestehende Infrastruktur auf dem Jungfraujoch so gut wie möglich auszulasten.
Selbstverständlich. Da habe ich gar nichts dagegen. Für mich ist der Bau der Jungfraubahn eine Pionierleistung, hinter der grosse technische und wirtschaftliche Risikobereitschaft stand. Ich verstehe, dass man diese Anlagen nutzen will. Die Frage ist, wie. Ich habe immer dafür plädiert, sie mit einem kulturellen Projekt zu verbinden. Ein Bergmuseum auf der Kleinen Scheidegg wäre eine Investition in den boomenden Kulturtourismus. Die sechs Museen in Südtirol und in der Provinz Belluno zur Beziehung von Mensch und Berg, die ich auf­gebaut habe, laufen komplett eigenwirtschaftlich, ohne staat­liche Unterstützung.

In Bern kämpft das Alpine ­Museum gerade gegen eine Subventionskürzung.
Ich weiss. Das Team, das dort am Werk ist, leistet ja sehr gute Arbeit, und das Muesum hat Potenzial, schon nur wegen der grossartigen Hodler-Bilder. Ich verstehe nicht, warum man auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Für mich ist klar: Das Museum steht am komplett falschen Ort. Ich sage schon lange: Es gehört in die Berge, dann funktioniert es.

2017 ist Ueli Steck in Nepal verunfallt. Hat sein Tod den Tempowahn im Spitzenalpinismus, ­immer schneller auf Gipfel zu rennen, gebremst?
Das glaube ich nicht. Ich denke auch nicht, dass es die Geschwindigkeitsrekorde sind, die von Ueli Steck langfristig zurückbleiben werden. Sondern die kreativen und extrem schwierigen Routen wie der «Young Spider» in der Eigernordwand, die er mit Stephan Siegrist eröffnete und später, seilgesichert, als Erster allein durchstieg. Ich habe vor Ueli Steck den allerhöchsten Respekt, aber in seiner Karriere spielten bei der Wahl seiner Projekte oft auch Marketinggedanken mit.

«Mit seiner Tour hätte Ueli Steck die ewige Fortschrittsfrage – möglich oder nicht möglich? – um ein Stück verschoben.»

Auch bei seinem Projekt, Everest und Lhotse in einem Zug zu übersteigen, wo er auf einer Vorbereitungstour abstürzte?
Man wird es nie genau wissen. Ich selber vermute ja sogar, dass er mehr vorhatte, als er bekannt­ ­gegeben hatte, nämlich Nuptse, Lhotse und Everest in einem Zug zu durchsteigen. Es wäre das ­sogenannte Hufeisen, das, wenn überhaupt, wohl nur für Ueli Steck im Bereich des Machbaren lag. Mit dieser Tour hätte er sein Hochgeschwindigkeitsklettern, für das er oft kritisiert wurde, für einen absoluten alpinistischen Meilenstein genutzt. Er hätte die ewige Fortschrittsfrage – möglich oder nicht möglich? – um ein weiteres Stück verschoben.

Stephan Siegrist hat sich einer anderen Art des Alpinismus verschrieben. Er macht Erst­besteigungen an extrem abgelegenen Bergen, etwa im indischen Kashmir. Ist das die Zukunft des Alpinismus?
Nein. Der Trend läuft genau umgekehrt. Es sind immer mehr Leute in den Bergen unterwegs, aber auf gesicherten Auto­bahnen, die ihnen Sherpas bis auf die höchsten Gipfel vorbereiten. Das ist nicht mehr Alpinismus, das ist Tourismus. Ich verurteile das nicht, ich bin kein Moralist. Aber: Echte Abenteurer sind immer weniger unterwegs. Stephan Siegrist gehört für mich zu den ganz Grossen in diesem Bereich. Er dringt in Gebiete vor, da gibt es keinen Notausgang, man ist komplett auf sich und seine Fähig­keiten gestellt. Wenn etwas passiert, kommt keine Hilfe. Das ist für mich die höchste Form des Alpinismus.

Reinhold Messner im Kanton Bern: Donnerstag, 1. März, 20 Uhr, Hotel National, Bern. Dienstag, 6. März, Schaudausaal, Thun. Vorverkauf: Ticketcorner. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.02.2018, 09:13 Uhr

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