Das Aaretal profitiert vom Immobilienschub

Die Überbauung Lorymatte in Münsingen boomt. Die Dreilinden-Siedlung in Langenthal steht halb leer. Zwei Regionen, deren Anziehungskraft unterschiedlicher kaum sein könnte.

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Eine Frau raucht auf ihrem Sitzplatz eine Zigarette. Ansonsten ist niemand zu sehen. Der Spielplatz ist ebenso leer wie die vereinzelten Sitzbänke. Die einzigen Geräusche stammen von der nahe liegenden Bern-Zürich-Strasse.

Die Wohnüberbauung Dreilinden in Langenthal, von durchaus schmuckem und modernem Äusseren, macht einen verlassenen Eindruck. Der Name «Geistersiedlung», den der «Blick» der Überbauung letztes Jahr gegeben hat, scheint zu passen. Hinter ­vielen Fenstern herrscht dunkle, gähnende Leere. Bei anderen Wohnungen vermitteln die her­untergelassenen Rollläden ei­nen abweisenden Eindruck.

André Lässer bestätigt diese Beobachtungen am Telefon. Er ist mit seiner Immobilienfirma für die Erstvermietungen in der Dreilinden-Siedlung zuständig. «Im Moment ist die Hälfte der 38 Wohnungen vermietet.» Er versucht gar nicht erst, das schönzureden. «Die Wohnungen sind seit Oktober 2016 bezugs­bereit. Nach dieser Zeit müssten wir eigentlich eine Vollvermietung haben.» Entsprechend unzufrieden sei auch die Besitzerin, die Anlagestiftung Constivita aus dem Kanton Zürich, in deren Auftrag Lässer die Wohnungen vermarktet.

Lässer sieht zwei mögliche Gründe für die Schwierigkeiten. Erstens die mangelnde Anziehungskraft Langenthals im eher ländlich geprägten Oberaargau. Zweitens das grosse Angebot an Wohnungen in Langenthal. «Die Leute haben eine grosse Auswahl.» Ob sie sich deswegen eher gegen die etwas dezentral und in unmittelbarer Nähe zur Hauptstrasse gebaute Dreilinden-Siedlung entscheiden?

Das glaubt Lässer nicht. «Das hat nichts mit unserem Projekt zu tun, sondern mit den Umständen.» Die Stiftung Constivita hat auf die lokale Marktsituation reagiert und den Mietzins im letzten Jahr um rund zehn Prozent gesenkt.

Langenthal: Hohe Leerquote

Die Dreilinden-Siedlung in Langenthal ist im Oberaargau keine Seltenheit. Ende 2017 war in der Region jede zehnte Wohnung verfügbar. Das ist der Spitzenwert im Kanton. Einer, der in Langenthal ebenfalls Wohnungen vermietet, ist Christoph Gerber. Für die Dr. Meyer Immobilien AG aus Bern be­wirtschaftet er Neubaumietwohnungen in der Rumimatte. Er sagt: «Die hohe Leerstandsquote in Langenthal erfordert von den Vermietern einen Sondereffort.»

Der Auslastungsgrad in der Rumimatte stimme zwar, allerdings sei dies schwieriger zu erreichen als anderswo. «Man muss die potenziellen Mieter umfassender beraten. Dazu gehört, dass man ab und zu eine Wohnungsbe­sichtigung auch mal am Wochenende möglich macht», so Gerber.

Münsingen: Grosse Nachfrage

Standortwechsel: Ein Bagger brummt im Hintergrund, Lieferwagen kommen und gehen. Bewohner sind im Innenhof im Gespräch. Die Stimmung in der ­neuen Wohnüberbauung Lorymatte in Münsingen kann man guten Gewissens mit lebendig umschreiben. An der Thun­strasse an zentraler Lage baut die Anlagestiftung J. Safra Sarasin 198 Wohnungen. Die meisten Einheiten werden vermietet, ein kleiner Teil verkauft.

Wieder treffen wir auf Christoph Gerber. Auch in dieser Siedlung ist er für die Bewirtschaftung der Wohnungen zuständig. Der Hauptunterschied zu Langenthal: In Münsingen ist es für ihn deutlich einfacher, Mieter zu finden. Die Lorymatte wird zwar erst diesen Herbst fertiggestellt. Von den 101 verfügbaren Wohnungen sind aber bereits 77 vermietet, weitere sind reserviert. Gerber bezeichnet Langenthal bezüglich Immobilienmarkt denn auch als B-Standort, Münsingen als A-Standort.

Auch wenn die Oberaargauer nur wenig Freude an dieser Klassifizierung haben dürften: Mit seiner Einschätzung steht Gerber nicht allein da. Die Immobilienexperten von Wüest Partner haben das Aaretal unlängst als Berner Bauboomregion bezeichnet. 2017 verdoppelte sich im Vergleich zu 2015 die Anzahl erteilter Baubewilligungen.

Dass im Aaretal die Nachfrage nach Wohnungen derart gross und im Oberaargau derart klein ist, ist nicht einfach nur Zufall. Es ist vielmehr eine logische Folge der demografischen Entwicklung. Bern–Thun ist eine der grössten Powerachsen im Kanton. Dort gibt es zwischen den beiden Städten wachsende Agglomerationen. Langenthal dagegen ist eine eher periphere Stadt ohne starke Agglo. Der Oberaargau wächst nur partiell, teilweise stagniert die Bevölkerungszahl.

Experte kontert Experten

Allerdings gibt es für das Aaretal nicht nur Lob: Wüest Partner machte auch Risiken aus, die mit dieser regen Bautätigkeit einhergingen. Auch wenn im Moment keine Immobilienblase absehbar sei, so könnte es in den nächsten Jahren bei gleich bleibender Vergrösserung des Wohnraums im Aaretal dennoch kritisch werden.

Nunzio Lo Chiatto widerspricht dieser Prognose, zumindest teilweise. Die Anlagestiftung Sarasin hat ihn als Portfolio­manager der Überbauung Lorymatte eingesetzt. Er sagt, dass man das Aaretal differenziert betrachten müsse: «Münsingen, Gümligen und Thun sind Topstandorte. Dort verträgt es auch in den nächsten Jahren noch einige Wohnungen, vorausgesetzt, das Produkt stimmt nebst der Qualität auch im Preis.» Wichtrach, Rubigen oder Kiesen auf der anderen Seite hätten nicht die gleich guten Voraussetzungen. Dort müsse man die Nachfrage genauer abklären, bevor man baue, um dem Leerstandsrisiko vorzubeugen.

In Münsingen haben Lo Chiatto und seine Auftraggeberin solche Sorgen nicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.03.2018, 10:02 Uhr

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