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Das 687-Prozent-Haus

Beat Keller lebt in einem Solarhaus, das viel mehr Energie produziert als verbraucht. Wie geht das?

Der Boden, die Decke und die Wände speichern die Wärme im Solarhaus: Architekt Peter Schürch (l.) und Bauherr Beat Keller im Wohnzimmer.
Der Boden, die Decke und die Wände speichern die Wärme im Solarhaus: Architekt Peter Schürch (l.) und Bauherr Beat Keller im Wohnzimmer.
Christian Pfander

Der Panoramaweg in Gerzensee trägt seinen Namen nicht umsonst. Er befindet sich fast zuoberst am Belpberg. Darunter liegen das Dorf und der See, davor breiten sich die Alpen aus. Fast am Ende des Wegs steht ein niedriges Haus. Da wohnt Beat Keller.

Ein Nachmittag im Februar, es ist doch noch ein schöner Tag geworden, die Temperatur liegt etwas über null. Die Sonne scheint ins Haus. Keller liest das Thermometer ab: 27 Grad. «Am Morgen waren es noch 22 Grad», sagt er.

Im Haus gibt es keinen Heizstrahler, keinen Ofen, keine Bodenheizung, nichts dergleichen. Es ist allein die Sonne, die das Haus auch im Winter auf sommerliche Temperaturen aufheizt.

Und nicht nur das: Die Wärme, welche die Sonne im Haus erzeugt, und der Strom, der auf dem Dach produziert wird, reichen aus, um den Energiebedarf des Hauses fast siebenmal zu decken. Deshalb erhielt Keller 2017 den Norman Foster Solar Award, eine Unterkategorie des Schweizer Solarpreises. Damit werden sogenannte Plusenergiehäuser mit qualitätsvoller Gestaltung ausgezeichnet, die mehr Energie produzieren, als sie benötigen.

Die Fenster saugen die Sonne auf. Bild Christian Pfander
Die Fenster saugen die Sonne auf. Bild Christian Pfander

Wie eine Messung ergab, verbraucht das Solarhaus am Panoramaweg über ein Jahr hinweg 4966 Kilowattstunden Energie. Gleichzeitig produziert es 34 118 Kilowattstunden Energie, also 687 Prozent des Verbrauchs. Noch nie, so die Preisverleiher, sei in Europa ein höherer Wert gemessen worden.

Ideale Lage am Südhang

«Wir wussten, dass die Voraussetzungen gut sind», sagt Architekt Peter Schürch. Er ist Inhaber des Büros Halle 58 in Bern, er hat das Solarhaus entworfen. Bereits den Berner Aristokraten war bekannt: Das Klima in Gerzensee ist mild. Sie verbrachten den Sommer lieber oben auf dem Belpberg als unten in der Stadt. An der «Riviera von Bern».

An diesem Südhang fand Keller, der als Leiter Immobilien­management beim kantonalen Amt für Grundstücke und Gebäude arbeitet, eine Parzelle. Hier konnte er seinen Traum vom ­Solarhaus verwirklichen. Jetzt wohnt er da mit seiner Partnerin und seinem Sohn.

«Man kann jedes Haus so bauen wie dieses. Das Prinzip ist simpel.»

Architekt Peter Schürch

Es sei aber nicht das erste Ziel gewesen, ein möglichst nachhaltiges Haus zu errichten, so Schürch. Sondern eines, in dem sich die Bewohner wohlfühlen. «Menschen stehen im Zentrum, auf sie ist das Haus ausgerichtet.» Kompromisse des solaren Bauens seien nicht nötig gewesen. «Man kann jedes Haus so bauen wie dieses.»

Schon die alten Griechen hätten vorgemacht, wie man die Energie der Sonne clever nützen könne. «Hier haben wir genau das Gleiche gemacht.» Der Preis sei vergleichbar mit dem für ein Normalhaus – mit dem Unterschied, dass in den nächsten 100 Jahren wenig bis keine Energiekosten anfallen würden. Und das Prinzip sei eigentlich ziemlich simpel.

Wand und Decke als Speicher

Beat Keller steht in der offenen Küche. Sie befindet sich gleich neben dem Eingang. Er öffnet ein paar Schubladen und Schrank­türen, zeigt auf den Herd. «Total funktional», sagt er. Alles habe eine Logik. Und im Haus gebe es kaum tote Flächen.

Von der Küche geht der Blick zum Wohnzimmer mit Esstisch und Sofa. Gross, hell. Der Lehmputz ist nicht nur energetisch sinnvoll. Schürch: «Er sorgt für eine gute Raumatmosphäre.» Und der Geruch sei angenehm.

Besonders wichtig sind die Fenster. Sie sorgen dafür, dass das Haus die Sonne aufsaugen kann. Das dreifache Glas ist so beschaffen, dass es sehr gut dämmt, aber auch ausgesprochen durchlässig für die Sonnenenergie ist. «Bei uns ist die Sonne der Ölbrenner», sagt Keller, «die Fenster sind der Heizkessel, und das Haus ist der Speicher.»

Das funktioniert auch bei extremer Kälte wie jetzt. «Im Winter ist der Sonnenstand tief», sagt Schürch. Das heisst aber auch, dass die Sonne tief ins Haus scheinen kann und so die «Speichermasse auflädt». Der Boden und die Decke aus Massivholz und noch mehr die Wand aus Lehm können die Wärme gut speichern.

Im Sommer aber, wenn eher Hitze denn Kälte das Problem ist, hält das Vordach die hoch stehende Sonne ab. Keller: «Es ist auch im Juli oder August angenehm.»

Ein Gerät für fast alles

Keller und Schürch steigen die Treppe runter. Praktisch mit jeder Stufe merkt man, wie die Temperatur abnimmt. Im Untergeschoss sind es 20 Grad. Die Etage wird durch einen Gang zerschnitten, der parallel zum Hang verläuft. Auf der Gartenseite liegen die vier Schlafzimmer, einen Schritt vom Rasen entfernt.

Auf der fensterlosen Hangseite befinden sich das Bad, der Waschraum, eine Abstellkammer, die vom Haus abgetrennt und deshalb kühler ist. Und vor allem befindet sich hier ein kleiner Raum mit der Haustechnik. Davon braucht es allerdings nicht viel.

Für Kellers Rekordhaus reicht ein einziges Gerät. Es ist etwas grösser als ein Kühlschrank, wurde in Österreich entwickelt und heisst Aero­smart. Es sorgt dafür, dass das Wasser aufgeheizt und die Luft aufgewärmt wird.

Dafür nutzt Keller die Erdwärme. Die im Winter kalte Luft wird durch ein etwa 25 Meter langes Rohr in der Erde angesaugt. Damit erwärmt sich die Luft um ein paar Grad. «Im Sommer kann man damit die Luft etwas kühlen», sagt Schürch. Das Haus wird zudem von einer bis zu 60 Zen­timeter dicken Wärmedämmschicht vom Boden abgeschirmt.

Warten auf günstigere Autos

Natürlich wäre das Solarhaus kein Solarhaus ohne Fotovoltaikanlage. Sie ist 170 Quadratmeter gross. Panels sind die Bedachung und liefern viel Strom. Das Dach weist eine sehr geringe Neigung auf. Die Südseite liefert nur gerade 10 Prozent mehr als die Nordseite. «Selbst jetzt bei diffuser Strahlung wird genug Strom produziert», sagt Schürch.

Den überschüssigen Strom speist Keller ins öffentliche Netz. Viel verdient er damit nicht. Wesentlich sinnvoller wäre es, ihn für die Mobilität zu nutzen. Mit dem jährlichen Überschuss des Solarhauses können 21 Elektroautos 12'000 Kilometer zurücklegen. «Ich warte nur noch darauf, dass die Preise für ein Elektroauto sinken», sagt Beat Keller.

Peter Schürch hat noch weitergehende Ziele: «Am liebsten wäre mir, wenn die Energie auch noch gleich für die Nahrungsmittelproduktion verwendet werden könnte.»

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