Darf man «Schwanensee»?

Stadt Bern

Die Krux mit Tschaikowskys Ballettklassiker: Der Tanz um den schwarzen und den weissen Schwan ist je nach Lesart moralisch belastet. Konzert Theater Bern tanzt ihn gleich dreimal neu.

Leicht beschürzte schwarze Schwäne: Mahélys Beautes und Winston Ricardo Arnon.

Leicht beschürzte schwarze Schwäne: Mahélys Beautes und Winston Ricardo Arnon.

(Bild: Gregory Batardon)

Michael Feller@mikefelloni

In einem kalten Raum mit beschlagenen Fenstern, es könnte eine sibirische Bahnhofhalle oder ein Büro der Verwaltung sein, wo gewissenhaft der sinnfreien Bürokratie gefrönt wird. Hier werden Kisten angeliefert, darin sind weisse Schwäne, die geprüft, vermessen, abgenickt und weitergereicht werden. Doch plötzlich ist da ein schwarzer Schwan in der Kiste. Und plötzlich tauchen auch schwarz gewandete Tänzerinnen und Tänzer auf – es entsteht Tumult.

Diese Schwäne sind tot. Oder werden sie neu belebt? «Der unerwartete Gast», das erste Stück des dreiteiligen Tanzabends «Swan» im Stadttheater Bern, bringt die Krux des «Schwanensee»-Stoffs auf den Punkt.

Schwarz-Weiss-Denken

«Schwanensee» ist schon fast ein Ballettklischee. Das 1877 uraufgeführte Werk von Peter Iljitsch Tschaikowsky ist der Klassiker schlechthin. Es handelt von Odette, der weissen Schwanenkönigin, einer verzauberten Prinzessin. Verzaubert von Zauberer Rotbart, dessen Tochter Odile der schwarze Schwan ist und somit Odettes Gegenspielerin. Die Kontrahentinnen gleichen sich, wenn sie denn Menschengestalt annehmen, aufs Haar.

Die märchenhafte Geschichte ist einerseits ein sicherer Wert, andererseits ist das im wahrsten Sinne transportierte Schwarz-Weiss-Schema heute nicht ganz ohne: Das Weisse steht für das Ideal, das Schwarze für das Aussergewöhnliche und für den Unheil stiftenden Eindringling. Wer also «Schwanensee» klassisch zeigt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, rassistische Symbolik zumindest allzu grosszügig zu ignorieren.

Deshalb wollte Estefania Miranda, Tanzchefin von Konzert Theater Bern, das Thema neu anpacken und bestellte frische Choreografien, die den «Schwanensee» entstauben sollten, wobei sie eine der drei Teile gleich selbst übernahm.

«Der unerwartete Gast» von Jo Strømgren wechselt von einer scheinbar klaren Geschichte ins Mystische, bleibt aber dennoch tänzerisch wenig berauschend, weil weder formal noch inhaltlich wirklich viel passiert. Die düstere Musik von Bergmund Skaslien, tadellos gespielt vom Berner Symphonieorchester unter Thomas Rösner, bringt auch nicht gerade Schwung auf die Bühne.

Nur schwarze Schwäne

Im zweiten Stück «The Sign of the Swan» fokussiert Estefania Miranda in ihrer Choreografie auf die Figur des schwarzen Schwans. Einen weissen Schwan gibt es gar nicht, alle Rollen werden von schwarzen Tänzerinnen und Tänzern verkörpert. Damit spielt Miranda auf einen schier unglaublichen Fakt der 142-jährigen «Schwanensee»-Geschichte an: Es dauerte bis 2015, bis eine dunkelhäutige Tänzerin die Hauptrolle spielte.

Jetzt wird getanzt, Mahélys Beautes, Livona Ellis, Winston Ricardo Arnon und Yacnoy Abreu Alfonso bringen eher knapp beschürzt Verführung und Sinnlichkeit auf die Bühne, wie man sie bei Mirandas Arbeiten immer wieder sieht. Toll das Bühnenbild (Till Kuhnert). Zunächst tanzt der schwarze Schwan auf einem Seziertisch, doch nach und nach verdünnisiert sich die Ausstattung, bis nur noch die Dunkelheit und die darin leuchtenden Körper bleiben. Hier kommt die Musik aus der Konserve. Arvo Pärt und Jorg Schellekens laufen der eigentlich temperamentvollen Chroeografie entgegen und kühlen den zweiten Teil leider ab.

Im letzten Teil des Abends, «0/0», setzt Choreograf Ihsan Rustem musikalisch auf das Original: Teile von Tschaikovskys «Schwanensee»-Komposition sind zu hören – und das Berner Symphonieorchester macht den dritten Teil zum schwungvollsten Stück: Auf einer grossartigen Bühne (wiederum von Till Kuhnert) mit einem grossen weissen Mond und einem (vermeintlichen) UFO spielt sich ein getanztes Psychogramm ab: Rustem versteht die Gegenpole Odette und Odile als Einheit, als eine Person mit Widersprüchen: der Höhepunkt eines tanzpolitisch etwas überfrachteten Abends im Stadttheater.

Swan: bis 1. Februar 2020, Stadttheater Bern.

Berner Zeitung

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