Dank Audioguide: Kunst für alle

Mit einem Audioguide in «leichter Sprache» leistet das Zentrum Paul Klee Pionierarbeit. Es ermöglicht Personen mit Lernschwäche, Behinderung oder mangelnden Sprachkenntnissen den Besuch der Ausstellung «Klee & Kandinsky».

Vertieft in die Kunst: Ulrich Wegmüller testet den Audioguide in «leichter Sprache» im ZPK.

Vertieft in die Kunst: Ulrich Wegmüller testet den Audioguide in «leichter Sprache» im ZPK.

(Bild: Stefanie Christ)

Stefanie Christ@steffiinthesky
Michael Feller@mikefelloni

«Diese Bilder sind wunderschön!» Ulrich Wegmüller steht mit seinem Audioguide um den Hals und den Hörern auf dem Kopf im Ausstellungsraum. Die anderen Besucher an diesem schwülen Julinachmittag nimmt er nicht wahr.

Der pensionierte Fabrikarbeiter, der mit einer Sauerstoff-Mangelversorgung geboren wurde, hat nur Augen für die Kunst in «Klee & Kandinsky», denn es ist sein erster Ausstellungsbesuch überhaupt. Im «Naturhistorischen» sei er schon öfters gewesen, aber noch nie in einem Kunstmuseum. Für diese Zeitung testet er nun den Audioguide in «leichter Sprache».

In der Pflicht

Ein Audioguide in «leichter Sprache» ist eine Schweizer Premiere. Wie andere Bestrebungen nach «Barrierefreiheit» soll die «leichte Sprache» lernschwachen, behinderten und fremdsprachigen Menschen den Zugang zu Information erleichtern – dank einfach und verständlich formulierten Texten (siehe «Besserwissen»).

Als die Schweiz 2014 die Behindertenrechtskonvention der UNO unterzeichnet hat, verpflichtete sie sich, wichtige Verwaltungsdokumente in «leichte Sprache» zu übersetzen. Doch erst der Kanton St.Gallen hat in diesem Frühling erste Gesetzestexte überarbeiten lassen. Dass auch ein staatlich finanziertes Museum sich Gedanken machen muss, wie sie die Kunst möglichst vielen Menschen näherbringen kann, ist ein nächster Schritt.

ZPK schlägt Wellen in Neuland

Auch über die Landesgrenze hinaus betritt das Zentrum Paul Klee (ZPK) mit seinem Audioguide Neuland: «Im gesamten deutschsprachigen Raum gibt es wenig Erfahrung damit», sagt die Kulturvermittlerin Sara Stocker. Sie hat den Audioguide im Rahmen von «Klee ohne Barrieren» lanciert.

Das privat finanzierte Projekt läuft bis 2016. «Es ist ein Experimentierfeld für unsere Kunstvermittlung.» Der Audioguide wird in diesen Tagen von verschiedenen Gruppen getestet: von Lernbehinderten, von Deutsch-Anfängern, von einer Wohngruppe psychisch Beeinträchtigter. Die Feedbacks sollen Rückschlüsse für spätere Projekte erlauben.

Sara Stocker hat bereits Angebote für Blinde geschaffen. Von Schlüsselwerken Klees liess sie Reliefs anfertigen. In Skulpturenausstellungen können im ZPK Sehbehinderte mit Handschuhen die Objekte ertasten. «Das Zentrum Paul Klee will ein Museum für alle sein», sagt sie.

Das Engagement weckt auch Interesse: Die Museen Aargau haben Texte in «leichter Sprache» für Führungen durch die Schlösser des Kantons in Auftrag gegeben. Werden sich Audioguides wie jener für die «Klee& Kandinsky»-Ausstellung durchsetzen? Sara Stocker sieht es realistisch: «Wahrscheinlich ist der Aufwand für eine Wechselausstellung zu gross.» Für Dauerausstellungen sieht sie indes Potenzial.

«Das geht wie Telefonieren»

Wegmüller geht in kleinen Schritten von Bild zu Bild. Dabei muss er auf die schwarzen, buchförmigen Icons achten, die den Rundgang für «leichte Sprache» markieren. Die daneben stehende Nummer tippt er ins Audioguidegerät ein – das sei «wie Telefonieren». Manchmal findet er die betreffenden Bilder nicht auf Anhieb, dann hilft eine der Aufsichtspersonen weiter.

Von den 190 ausgestellten Werken sind 26 Teil der Tour, die ungefähr eineinhalb Stunden dauert (eine Kurzversion dauert rund 30 Minuten). Wegmüller lauscht den Ausführungen des Sprechers zu den Werken Klees und Kandinskys und lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. Die Augen sind vor Rührung feucht.

Nach dem Rundgang sitzt Wegmüller im Museumscafé. «Wunderschön» sei es im Zentrum Paul Klee, und die Texte des Guides seien alle gut verständlich gewesen. «Vor allem die Ausführungen zu Klees Bern-Jahren haben mir gefallen.» Welches Bild ihn am meisten beeindruckt habe? «Alle!» Eine Vorliebe kristallisiert sich beim Gang zum Parkplatz dann doch noch heraus: «Den Klee finde ich schon besser.»

Berner Zeitung

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