Claudia Sabine Meier hat noch viel vor

Sie war erst Hotelier, dann ­Hotelière im Schwefelbergbad. Später ging sie für die ­Armee nach Kosovo. Nun will Claudia Sabine Meier, Berns wohl bekannteste Transfrau, nochmals zu neuen Ufern aufbrechen.

Kann auch über sich selber lachen: Claudia Sabine Meier.

Kann auch über sich selber lachen: Claudia Sabine Meier. Bild: Pius Koller

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Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Claudia Sabine Meier sitzt in Stans in einem Café und erzählt, was sie nach ihrem militärischen Einsatz in Kosovo ab Ende 2014 gemacht hat. Zuerst arbeitete sie als Chefin Verpflegung im Ausbildungszentrum Swissint, das die Soldaten für diese Arbeit fit macht.

Letzten Frühling gab sie den Job auf, um den Sprung in die Personal- und Organisationsentwicklung zu schaffen. In einem ersten Schritt führt sie Langzeitarbeits­lose, ­Sozialhilfeempfänger und Asylbewerber an den Arbeits­alltag heran, und sie sagt dazu: «Es gibt keine schlechten Mitarbeiter. Es gibt nur Mitarbeiter, die schlecht zu einem Job passen.»

In ihrem aktuellen Tätigkeitsfeld bildete sich die bald 50-Jährige noch zu ihrer Zeit als Chefin Verpflegung stetig weiter. Sie ­besuchte Kurse, legte Prüfungen ab – wie so etwas Platz hatte neben einem Vollzeitjob? Claudia Sabine Meier lacht. «Ich fragte mich nach Feierabend regelmässig, was ich mit dem angebrochenen Nachmittag noch so alles anstellen könnte.» Denn: «Früher, in meinem Hotel, war ich sieben Tage die Woche achtzehn Stunden lang auf den Beinen.»

Wen wundert es da, dass sie noch an anderer Front aktiv ist, dass sie nach wie vor in Firmen und in Schulen Vorträge hält? Die Auftritte vor den jungen Leuten liegen ihr besonders am Herzen: «Wenn das Thema für sie selbstverständlich wird, erledigen sich die Vorurteile von selber.»

Die Stelle in der Swisscoy

Das Thema, die Vorurteile, ihr Hotel: Unvermittelt hat Claudia Sabine Meier jene Stichworte genannt, die ihr vor sieben Jahren nationale Bekanntheit bescherten. Die Betriebswirtschafterin führte damals das Schwefelbergbad im Gantrischgebiet, das sie um die Jahrtausendwende von den Eltern übernommen hatte – als Andreas Heribert Meier und damit noch als Mann.

An Silvester 2011 hatte sie endlich den Mut gefunden, zu ihrem wahren inneren Kern zu stehen. Sie tat es «nach dreissig Jahren Lügen und Pokerface», wie sie es in ihrer schon damals so überschäumenden Art formulierte, entsprechend hielt sie mit ihrem neuen Leben nicht mehr hinter dem Berg. Nicht nur ihrer Familie und ihren Angestellten gegenüber: Flyer informierten auch die Gäste darüber, wer Claudia Meier in der Vergangenheit war und wer sie nun sein wollte.

Bei dieser Offenheit blieb sie, als sie sich drei Jahre später für ihren Auslandeinsatz bewarb. Es sollte ihr Schaden nicht sein. Als erste Transfrau überhaupt erhielt sie ihre Stelle als Koch bei der Swisscoy, und wieder waren ihr die Schlagzeilen sicher.

Berns wichtige Rolle

Die Arbeit als Chefin Verpflegung zog Ende 2014 die Züglete in den Raum Stans nach sich, wo das Ausbildungszentrum Swissint steht. Dass ihr dies alles andere als leichtgefallen ist, sagt sie ­offen. Wenn sie von Bern redet, wo sie nach dem Verkauf des Schwefelbergbads eine Zeit lang gewohnt hat, tönt es wie eine ­Liebeserklärung. Schön sei es un­ter den Lauben, auf dem Gurten und im Sommer in der Aare und sicher: «Bern ist die Stadt, in der ich jahrelang mein Doppelleben geführt habe.» Schon nur deshalb spiele Bern eine wichtige Rolle in ihrem Leben.

Dass sie zuerst Mann war und jetzt Frau ist, empfindet Claudia Sabine Meier mittlerweile sogar als Vorteil. So könne sie aus eigener Erfahrung beurteilen, wie die beiden Geschlechter tickten, sagt sie. Als hilfreich empfindet sie in ihrer besonderen Situation weiter, «dass ich mich nicht zu ernst nehme, auch mal über mich lachen kann». Das bewahre sie ­davor, sich in einer Opferrolle zu sehen – klar geht sie auf Distanz zu einer Haltung, wie sie sie oft bei anderen Transmenschen erlebt: «Ich erwarte ja auch, dass ich so akzeptiert werde, wie ich bin. Also muss ich mich ebenfalls in Toleranz üben, wenn ich nicht gleich verstanden werde.»

Wobei, auch das sagt sie: Sie sei bereit, 99 Schritte auf jemanden zuzumachen. Den letzten, hundertsten Schritt erwarte sie aber von ihrem Gegenüber.

Der Ort des Schweigens

In ihrer neuen Innerschweizer Wahlheimat hat Claudia Sabine Meier das Tauchen wiederentdeckt. Mittlerweile pflegt sie das Hobby nicht nur für sich selber, als Divemaster gibt sie ihr Wissen auch weiter. Unter Wasser zu sein habe etwas Meditatives, «ich höre nur noch meinen Herzschlag, meinen Atem, das Plätschern des Sees». Ob sie in diesem, wie sie es formuliert, Ort des Schweigens nicht zuletzt die ­­Ge­gen­welt zu ihrem quirligen Wesen erlebt? (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.01.2018, 12:41 Uhr

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