Chef der Dampfzentrale muss gehen

Bern

Nach dreieinhalb Jahren verlässt Dampfzentrale-Leiter Georg Weinand den Kulturbetrieb per sofort. Hintergrund sind schwelende Auseinandersetzungen im Haus.

Hatte in Bern Grosses vor: Georg Weinand 2012 bei seinem Antritt als Leiter der Dampfzentrale, Berns Zentrum für Tanz und neue Musik.

Hatte in Bern Grosses vor: Georg Weinand 2012 bei seinem Antritt als Leiter der Dampfzentrale, Berns Zentrum für Tanz und neue Musik.

(Bild: Beat Mathys)

Oliver Meier@mei_oliver

Er war zweite Wahl, auch wenn das nie jemand bestätigen wollte – am wenigsten er selbst. Als Georg Weinand im Herbst 2013 sein Amt an der Spitze der Berner Dampfzentrale antrat, war die Institution in der grössten Krise ihrer Geschichte. Die designierte neue Leiterin des Kulturzen­trums hatte sich kurz vor Amtsantritt unter seltsamen Umständen zurückgezogen. Das Festival «Tanz in Bern» wurde abgesagt, 100'000 Franken mussten der Stadt zurückerstattet werden. Der Vorstand ging über die Bücher und präsentierte im Sommer 2013 den Belgier Georg Weinand als neuen Leiter – der in der ersten Runde von der Findungskommission nicht berücksichtigt worden war.

Ein schlechtes Omen? Nicht unbedingt. Tanzspezialist Wei­nand machte von Beginn an klar, dass er Grosses im Sinn hatte. Er wollte neue Formen entwickeln. Vor allem aber wollte er das elitäre Image korrigieren, das nach der Ära Roger Merguin/Christian Pauli an der Institution klebte.

Unstimmigkeiten um Gründe

Nun ist die Ära Weinand Geschichte, nach dreieinhalb Jahren bloss. Der Belgier verlässt die Dampfzentrale per sofort und «in gegenseitigem Einverständnis», wie der Vorstand gestern mitteilte. Weinand hatte einen Vertrag bis 2019. Als Grund für den Abgang wird «eine unterschiedliche Auffassung über die zukünftige Führungsstruktur» genannt. Was steckt dahinter?

Präsidentin Nicola von Greyerz will die Gründe «nicht näher kommentieren». Mit den laufenden Gesprächen über eine Zusammenführung von Dampfzentrale und Schlachthaus habe der Entscheid aber nichts zu tun, bekräftigt von Greyerz. Das wiederum will Weinand explizit «nicht bestätigen». Sein Abgang sei «angesichts der Unvereinbarkeiten mit dem Vorstand die beste Option».

Vieles spricht dafür, dass der Vorstand nach längerem Hinsehen nun die Konsequenzen aus internen Spannungen gezogen hat, die immer wieder für Turbulenzen sorgten. Viele Mitarbeiter haben seit Weinands Amtsantritt gekündigt. Hinter vorgehaltener Hand wurde dessen Führungsstil als «selbstherrlich» kritisiert, was Weinand dementierte. Dem Vorstand gelang es offenbar nicht, die Situation zu beruhigen.

Ambitionierter Feingeist

Gegen aussen trat Weinand als ambitionierter Feingeist auf. Sein Programm war anspruchsvoll, nie anbiedernd. Er probierte neue Formate aus. Und spürbar war sein Bemühen, ein breiteres Publikum zu erreichen – auch und gerade beim Festival «Tanz in Bern». Die Besucherzahlen indes waren weniger berauschend, als die Bilanzcommuniqués den Eindruck machten. An den Wert von 30'000 Besuchern aus dem letzten Jahr der Ära Merguin/Pauli kam Weinand nicht heran.

Fragen wirft die «Nachfolgelösung» auf, die gestern kommuniziert wurde. Ab sofort übernimmt ein fünfköpfiges Team aus internen Kräften die Leitung der Ins­titution. Darunter sind zwei Vertreter aus dem kaufmännisch-technischen und drei aus dem künstlerischen Bereich. Es ist eine Geschäftsleitung ohne «Chef». Ob das gut geht? Die Lösung wirkt improvisiert.

Zweifel sind angebracht mit Blick auf Kompetenzen und Verantwortlichkeiten. Und Weinand verlässt das Haus mitten in der Planung für die neue Spielzeit. Nicola von Greyerz sagt, sie habe grosses Vertrauen in das Leitungsteam. Sie verweist auf dessen Erfahrung. Die Rede ist allerdings auch von einem «externen Organisationsexperten», der die nächste Phase begleitet.

Berner Zeitung

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