Chaotische Zustände bei Eröffnung der ersten Lidl-Filiale

Bern

Der deutsche Discounter ist seit Donnerstag auch in der rot-grünen Stadt vertreten.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Alle wollen rein in den Lidl. Jedes Tram, das bei der Haltestelle Steigerhubel anhält, spuckt eine Gruppe Menschen aus, die zielstrebig den deutschen Discounter an der Schlossstrasse 115b ansteuert.

Am Donnerstag öffnete die erste Lidl-Filiale auf Stadtberner Boden ihre Tore. Im ganzen Kantonsgebiet sind es deren 13. Die neue Berner Filiale im Holligenquartier, wo zuvor Coop eingemietet war, bietet auf 750 Quadratmetern 2000 Artikel fürs tägliche Leben an, das Ganze im Tiefstpreissegment.

Vor dem Laden bei der Einkaufswagenstation sollte nicht das letzte Nadelöhr sein. «Sie war eigentlich zuerst», schnauzt eine Frau jemanden an und zeigt auf eine ältere Dame. Drinnen tritt man in die Gemüseabteilung und blickt auf leere Kartons und auf in Plastik eingeschweisstes Gemüse.

Nicht nur die Bio-Varianten, sondern jegliches Gemüse ist eingewickelt. Nebst einheimischen Früchten gibt es auch Erdbeeren, Mango und alles, was auch Migros und Coop an ausländischen Früchten anbieten.

Der Bio-Anteil ist eher klein, doch das kümmert die wenigsten. «Bio ist mir zu teuer, ich kaufe mein Gemüse lieber auf dem Wochenmarkt», sagt eine 83-jährige Dame. Sie gehe nicht wegen Tiefpreisen in den Lidl, sondern weil sie einige Produkte möge. Heute kauft sie auch Erdbeeren, weil sie wissen will, ob diese schmecken. «Wenn nicht, mache ich halt Kuchen», sagt die rüstige Rentnerin.

Karton im Kühler

Verträgt sich das Lebensgefühl in der rot-grünen Stadt Bern mit dem kühlen Tiefpreis-Ambiente von Lidl? Die erste Filiale auf städtischem Boden zieht. Zwischen den Regalen herrscht Chaos. Bis 14 Uhr haben 2000 Personen eingekauft, sagt ein Angestellter.

Die Klientel besteht aus älteren Frauen, jüngeren Musliminnen und mittelaltrigen Italienern, gemischt mit Studierenden, die hirnen, welches Brot sie kaufen sollen. Ein wenig fühlt es sich an wie in den Ferien, wenn nicht alle Marken bekannt sind. Pinke Salami leuchtet aus dem Kühler.

«Wenn ich das genau gleiche Produkt hier billiger kaufen kann, dann kaufe ich es hier, aber ich berücksichtige alle Läden», sagt eine Schweizerin. Sie wohnt in Bethlehem und hat vier Söhne, die nun erwachsen sind. «Halbwüchsige vertilgen viel Essen», weiss sie. Deshalb verstehe sie alle, die rechnen müssen.

«Ich verstehe alle, die rechnen müssen.»Vierfache Mutter aus Bethlehem

In der Käseabteilung probiert ein älterer Herr Appenzeller Käse. «Rezent mag ich lieber», sagt er. Und: «Ich finde es gut, dass die Preise fallen.» Hinter ihm im Kühler sind Appenzeller in würziger und dezenter Variante aufgereiht und Dutzende andere Käsesorten. Auch sie sind in Kartonschachteln, damit nicht jede Packung einzeln angefasst werden muss, was Einräumzeiten verkürzt.

Matratzen und Lockenstäbe

Zur Eröffnung können zahlreiche Produkte degustiert werden. Etwa Butterzopf, Trockenfleisch und im Gang nebenan Wein. Die überbreiten Einkaufswagen tragen nicht gerade zum gemütlichen Einkauf bei, die vielen Kinderwagen auch nicht. Die Warteschlangen vor den Kassen erinnern an die Migros-Filiale am Bahnhof, als sonntags noch weniger geöffnete Tankstellenläden existierten.

Discounter-Ambiente kommt erst im hintersten Gang auf. Dort stapeln sich grosse Kisten. Im Angebot: Lockenstäbe, Brotbackmaschinen und zusammengerollte Matratzen.

Berner Zeitung

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